Feierlich mit Fackelschein und Musik: die Internationale Gedenkveranstaltung des Volksbundes in der Lilienthalstraße, begleitet vom Stabsmusikkorps der Bundeswehr und vom Wachbataillon. (© Uwe Zucchi)
Volkstrauertag: „ein Tag des Nachdenkens und des Aufstehens"
Volksbund-Veranstaltungen am Vortag des 16. November in der Berliner Lilienthalstraße, in Plötzensee und erstmals auch an polnischem Erinnerungsort
Bundesweit gedenken heute an tausenden Orten in ganz Deutschland und im Ausland Menschen der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. setzte traditionell am Vortag schon Zeichen: auf dem ehemaligen Standortfriedhof in Neukölln, in der Gedenkstätte Plötzensee und an weiteren Orten in Berlin.
Lilienthalstraße. „Gedenken kennt keine nationalen Grenzen.“ Mit seinem Hinweis auf die Notwendigkeit eines gemeinsamen europäischen Erinnerns setzte Festredner Dr. Peter Tauber den Ton bei der Internationalen Gedenkveranstaltung des Volksbundes in der Lilienthalstraße.
Auf den ehemaligen Standortfriedhof waren trotz widrigen Wetters mehr als 200 Gäste gekommen. Die Erinnerung an die Kriege und ihre Opfer verbinde Menschen und Länder, so Tauber, Parlamentarischer Staatssekretär a. D. und Kuratoriumsvorsitzender der Volksbund-Stiftung, weiter. „Es gilt, den Wert des Friedens neu zu entdecken.“
Ort der Trauer für alle Opfergruppen
Traditionell kommen auf den Friedhof, auf dem alle Opfergruppen des letzten großen Krieges liegen – Soldaten, Zivilisten, Zwangsarbeiter, Frauen, Kinder, Männer, Alte und Junge – auch viele Vertreter befreundeter Nationen.
So begrüßte Generalsekretär Dirk Backen im Namen von Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan „alle anwesenden Repräsentanten unserer ausländischen Partner und Freunde in Uniform … an ihrer Spitze ihr Doyen, Herr Oberst i. G. Mark Derek Heffron, Luftwaffenattaché an der Britischen Botschaft in Berlin.“
Wichtiger Vertreter Italiens
Mit General Andrea Rispoli aus Italien war ein wichtiger Repräsentant des diesjährigen Partnerlandes am Volkstrauertag anwesend. Dabei waren auch Vertreter der Bundeswehr, der Bundes- und Stadtpolitik, der Kirchen und mit Dieter Romann der Präsident der Bundespolizei und letztjähriger Festredner.
Dirk Backen dankte Romann für seinen Hinweis, dass das Totengedenken bisher nicht die „Staatsdiener in blauer Uniform, die sich jeden Tag mit Leib und Leben für unsere Gesellschaft und unsere Werte einsetzen“, einschlösse.
Totengedenken wird ergänzt
Diese Mahnung habe den Volksbund außerordentlich inspiriert und man habe diesen Gedanken mit dem Bundespräsidialamt weiterverfolgt. Dirk Backen sagte mit Blick auf die zentrale Gedenkstunde morgen im Bundestag: „Der Herr Bundespräsident wird das Totengedenken – wie wir heute auch – in seiner neuen Form vortragen:
Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Bundeswehrsoldaten, Polizisten und anderen Einsatzkräfte, die im Einsatz für unser Land ihr Leben verloren.
Von Mahnung zu Verantwortung
Erklärend fügte Generalsekretär Dirk Backen hinzu: „Neben der expliziten Erwähnung unserer Polizei geht es nun nicht mehr nur um Tote in Auslandseinsätzen, sondern auch um jene, die hier in Deutschland in Ausübung ihrer Pflicht ihr Leben gaben.“
Dr. Peter Tauber griff diesen Gedanken auf und sagte: „Dieser Volkstrauertag ist aktueller denn je.“ Angesichts der „Zeitenwende“ komme man von einer „Kultur der Mahnung zu einer Kultur der Verantwortung“. Diese Verantwortung beinhalte eine „Erinnerung im europäischen Geist“ und auch das: Solidarität mit allen zu zeigen, die für einen Frieden in Freiheit und in Stärke täglich einstünden – nämlich den Soldaten (Rede im Wortlaut).
Text: Harald John
Junge Stimmen in Plötzensee
Plötzensee: „Erinnerung ohne Beteiligung von Jugendlichen bleibt hohl”, stellten Annika Lang und Anna Uekert am Samstag Mittag vor internationalem Publikum fest. Jugendliche bräuchten Räume, um sich einzumischen und Haltung zu zeigen. Das tut der Jugendarbeitskreis (JAK) Berlin alljährlich, indem er dieses Gedenken an der ehemaligen Hinrichtungsstätte der Nationalsozialisten organisiert.
Und der JAK hat etwas zu sagen: Erinnerung dürfe nicht stumm bleiben angesichts von Hass, Antisemitismus und Rassismus, hieß es in der Rede. „Gegensprache leisten” sei wichtig – um zu erklären und zu einen. Und: auf die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen hören, die sich an „damals” erinnert fühlen. „Wenn sie beginnen, uns zu warnen, sollten wir aufhorchen. Unsere historischen Alarmglocken dürfen nicht schweigen.”
„Lehren aus der Geschichte leben”
Der Volkstrauertag sei kein Tag der Resignation, sondern des Nachdenkens und des Aufstehens: „Es liegt an uns, ob wir die Lehren unserer Geschichte nur zitieren, oder ob wir sie leben. Wir alle haben die Chance, endlich etwas zu verändern. Aufgeben ist keine Option”, so die Sprecherinnen des JAK Berlin. Demokratie sei kein Geschenk, sondern eine Aufgabe (Rede im Wortlaut).
Heinz Koch – diesen Namen hatte eine Schülergruppe aus Sondershausen (Thüringen) mitgebracht. Ein „Fahnenflüchtiger”, der am 15. Juni 1940 in Plötzensee hingerichtet worden war. Ein unscheinbarer Stein auf dem Hauptfriedhof Sondershausen hatte bei einem Projekt des Geschwister Scholl-Gymnasiums zur Recherche seines Schicksals animiert – „Geschichte geschieht nicht irgendwo, sondern immer auch in unserer Nähe”, betonte Schülerin Mara Pauline Kohlmann.
Aufstehen, sich wehren
„Wäre es nicht einfacher, die Verantwortung von sich zu schieben?”, fragte Dana Oppermann aus Sondershausen in ihrem Poetry-Slam-Beitrag. Es brauche Menschen, die aufstehen, sich gegen Diktatoren und Regime wehren.„Die sagen: ‘bis hierhin und nicht weiter!’” – Menschen wie Heinz Koch.
Dr. Fritz Felgentreu, Vorsitzender des Landesverbandes Berlin, hatte das internationale Publikum begrüßt. Dabei waren unter anderem Cornelia Seibeld (Präsidentin des Abgeordnetenhauses), Dr. Jörg Krämer als Vertreter des Wehrbeauftragen des Bundestages, die Botschaftsrätinnen Nataliia Chernopashchenko (Urkaine) und Else Kveinen (Norwegen) und für die Bundeswehr Generaloberstabsärztin Dr. Nicole Schilling (Stellvertreterin des Generalinspekteurs), Generalleutnant André Bodemann (Operatives Führungskommando), Brigadegeneral Horst Busch (Landeskommandos Berlin).
Text: Christiane Deuse
Neues Mahnmal für polnische Opfer
Heinrich-von-Gagern-Straße: Am Samstag morgen gedachte der Volksbund der polnischen Opfer des Nationalsozialismus und der Opfer der deutschen Gewaltherrschaft in Polen von 1939 bis 1945. Präsident Wolfgang Schneiderhan legte mit der stellvertretenden Botschafterin Joanna Szczęsna Kränze am monumentalen Findling an der Heinrich-von-Gagern-Straße nieder.
Dieser neue polnische Gedenkort – eingeweiht im Mai diesen Jahres zwischen Bundeskanzleramt und Reichstag – markiert eine historische Stelle. Hier stand die so genannte Kroll-Oper. 1931 geschlossen, hatten die Nationalsozialisten das Gebäude nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 als neue provisorische Tagungsstätte für das Parlament ausgewählt.
Votum für das „Polen-Denkmal“
Namensgeber für das Gebäude war Joseph Kroll, der hier 1843 – damals vor den Toren Berlins – eine Vergnügungsstätte errichtet hatte. In der Kroll-Oper kündigte Hitler am 23. März 1933 die Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes an, später verkündete er dort auch den Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 und den Angriff auf Polen.
Der Gedenkort ist provisorisch. Am 30. Oktober 2020 hatte der Deutsche Bundestag ohne Gegenstimme die Errichtung eines „Orts der Erinnerung und der Begegnung mit Polen“ beschlossen.
Wichtige symbolische Geste
Die polnische Vize-Botschafterin dankte Wolfgang Schneiderhan und Generalsekretär Dirk Backen „für diese wirklich sehr wichtige symbolische Geste“. Backen unterstrich die enorme Wichtigkeit der deutsch-polnischen Beziehungen für die deutsche Kriegsgräberfürsorge. Der Volksbund unterhält zahlreiche Kriegsgräberstätten in Polen, die Zusammenarbeit findet auch über eine deutsch-polnische Kommission statt.
Gedenken auch an ukrainische Opfer
Ukrainische Botschaft und sowjetisches Ehrenmal: Vor der Botschaft der Ukraine legte Wolfgang Schneiderhan am Morgen ebenfalls einen Kranz nieder und traf die Botschaftsrätin Nataliia Chernopashchenko zu einem kurzen Austausch. Gemeinsam gedachte man der Opfer des russischen Angriffskrieges.
Mit Vertretern des Bezirkes Pankow legte der Volksbund im Anschluss auch einen Kranz am Sowjetischen Ehrenmal auf der Schönholzer Heide nieder, um an die Toten der Roten Armee zu erinnern, zu denen auch ukrainische Soldaten gehörten.
Text: Harald John
Zentrale Gedenkstunde live in der ARD
Die zentrale Gedenkstunde im Deutschen Bundestag überträgt die ARD am Sonntag live ab 13.30 Uhr. Die Hauptrede hält der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella.
Lesen Sie dazu: Volkstrauertag im Zeichen deutsch-italienischer Freundschaft.
Ebenfalls im Vorfeld des Volkstrauertages: das Gedenken an die Einsatztoten der Bundeswehr. Dazu: „Wald der Erinnerung“: Ein Ort der Trauer und des Trostes.
Der Volksbund ist …
… ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht, birgt und würdig bestattet. Mehr als 10.000 waren es im vergangenen Jahr. Der Volksbund pflegt ihre Gräber in 45 Ländern und betreut Angehörige. Mit seinen Jugend- und Bildungsangeboten erreicht er jährlich rund 38.000 junge Menschen. Für seine Arbeit ist er dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen.
