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Warum unsere Familie 1944 zweimal Weihnachten feierte

Licht in dunkler Zeit: Willi Giesen erinnert sich an Advent und Heilig Abend vor 81 Jahren

Zum vierten Advent schauen wir zurück auf den letzten Winter des Zweiten Weltkrieges. Willi Giesen hat seine Erinnerungen aufgeschrieben, seine Familie hat sie uns zugeschickt.
 

1944: Durch den Kreis-Gauleiter wurde verfügt, dass sich kinderreiche Familien in sichere Gebiete begeben sollten – nur vorübergehend, bis zum „Endsieg”, um in den eroberten Ostgebieten später die Besiedlung vorzunehmen.

Mein Vater, der an der Ostfront war, muss davon gehört haben, denn er bat unsere Mutter in Briefen, diese Evakuierung mitzumachen. Unsere Familie bestand aus acht Personen: Vater, Mutter und sechs Kinder (17, 15, 11, 9, 7 und 4 Jahre alt).
 

Bruder an der Ostfront

Meine ältere Schwester Cilli arbeitete in der Brikettfabrik Grefrath, mein älterer Bruder Hein war an der Westfront und musste mit vielen Kameraden, die teils noch Kinder waren, Schützengräben ausheben, in denen unsere Soldaten Schutz fanden.

Der Wunsch unseres Vaters war, die jüngeren Kinder mit unserer Mutter in Sicherheit zu bringen. Nachdem alle Formalitäten erledigt waren, konnte die Evakuierung beginnen – wann genau, weiß ich nicht mehr, denn über die schrecklichen Kriegsjahre wurde später wenig gesprochen. Man wollte sie einfach vergessen.
 

Ein kleines Dorf in Sachsen

Irgendwann im Spätsommer 1944 ging es frühmorgens mit gepackten Kisten, Koffern und Rucksäcken, die auf einen Handwagen geladen waren, von Habbelrath bei Köln nach Horrem, wo ein Sonderzug für viele Familien aus dem Kreis bereit stand. Unser Reiseziel war Sachsen.

Wir wurden in Kyhna, einem kleinen Dorf mit 150 Einwohnern, in der Nähe von Leipzig untergebracht und wohnten in einem alten Fachwerkhaus: Es war das Gesindehaus eines Großbauernhofes. Drei kleine Räume waren unser Zuhause. Ab November war es sehr kalt.

Die Briefe von unserem Vater, unserer Schwester und unserem Bruder wurden von meiner Mutter immer vorgelesen. Jedes mal flossen viele Tränen, denn wir hatten alle sehr großes Heimweh. Immer wieder wurde die Frage gestellt, warum wir unsere Heimat verlassen haben. Hinzu kam, dass wir als einzige aus dem heimischen Kreis in Kyhna untergebracht waren.
 

Überraschung an Heilig Abend

Der 24. Dezember kam mit der ersten großen Überraschung: Unsere ältere Schwester und unser ältester Bruder besuchten uns. Sie brachten kleine Geschenke, Plätzchen und Äpfel mit. Das Christkind konnte also kommen, nur einen Tannenbaum hatten wir nicht.

Es war ein trauriges Weihnachtsfest, weil das Heimweh uns so quälte; es wurde wieder viel geweint. Dann folgte am 26. Dezember die zweite Überraschung: Unser Vater kam zu Besuch. Diesmal flossen Freudentränen. War doch der „Retter“ gekommen, der uns nach Hause bringen würde!
 

Nach Hause ohne Genehmigung

Nach einer stürmischen Begrüßung wurde sofort geplant, wie wir schnellstens unsere Heimreise antreten könnten. Doch in die Euphorie fiel plötzlich ein Wermutstropfen: Wir brauchten eine Ausreisegenehmigung.

Mein Vater machte sich auf den Weg zum Bürgermeisteramt, um eine Reisegenehmigung zu holen. Wir mussten lange ängstlich warten und dann die Ernüchterung: Die Behörde hatte unsere Heimreise abgelehnt.

Begründung: Es sei viel zu gefährlich, denn der Feind stehe schon vor Düren. Es folgte eine lange und lebhafte Diskussion unter den vier Erwachsenen. Meine Mutter konnte sich durchsetzen. Wir wollten ohne Genehmigung fahren. Schnell wurden die wenigen Habseligkeiten gepackt und die Heimreise konnte beginnen.
 

Notbremse und ein WC-Fenster

Die ersten Schwierigkeiten begannen beim Einfahren des überfüllten Zuges. Bis auf meinen Vater und mich waren alle im Zug. Plötzlich rollte er an. Wir liefen schreiend neben dem anfahrenden Zug, als die Bremsen quietschten. Der Zug hielt wieder an, jemand hatte die Notbremse gezogen.

Ein WC-Fenster wurde aufgemacht. Mein Vater hob mich hoch und von innen nahm mich jemand an. Dabei verlor ich meinen Schuh. Mein Vater drängte sich noch in den Zug. Endlich waren alle drin und fuhren Richtung Heimat.
 

Bomben auf Opladen

Es war eine anstrengende Reise, weil wir – eng aufeinander hängend – ständig Angst vor Tieffliegern hatten. Als wir in den Bahnhof Opladen einfuhren, gab es Großalarm: Alle mussten den Zug verlassen und den nächsten Luftschutzbunker aufsuchen. Wir waren in den stärksten Luftangriff geraten, den Opladen im Krieg erlebt hat.

Nach einer Stunde gab es Entwarnung und wir konnten raus aus dem Bunker. Das Bild von Opladen, das wir sehen mussten, möchte ich nicht beschreiben, denn es war zu grauenvoll.
 

Schutz im Dombunker

Der Bahnhof und unser Zug waren auch von Bomben getroffen worden. Nach Stunden des Wartens – mein Vater musste währenddessen helfen, Verletzte und Tote zu bergen – wurden wir mit einem Militär-Lkw zum Hauptbahnhof nach Köln gefahren.

Kaum waren wir da, gab es schon wieder Großalarm. Diesmal mussten wir den Dombunker aufsuchen. Nach der Entwarnung ging es wieder in einen Zug, der uns endlich bis Horrem brachte.
 

Letzte Etappe durch den Schnee

Meine Schwester lieh sich bei einem Bekannten einen Handwagen aus. Die letzte Etappe durch den Schnee war hart, aber beglückend. Unser kleines Siedlungshäuschen war noch nicht beschädigt und wir konnten „einziehen“.

Der Wunsch meines Vaters, noch einmal mit seiner ganzen Familie zu Hause Weihnachten zu feiern, ging in Erfüllung. Eine Fichte wurde im nahen Tannenwald besorgt. Kleine Geschenke, Süßigkeiten und Äpfel waren schnell organisiert. 
 

Bescherung am 29. Dezember

Die zweite Weihnachtsfeier begann am 29. Dezember mit einer großen Bescherung. Wir Kinder wurden bei den Nachbarn untergebracht, damit das Christkind in Ruhe „arbeiten“ konnte. Wir erlebten das schönes Weihnachtsfest unseres Lebens! Wieder im Rheinland, zu Hause in den eigenen vier Wänden, unsere Nachbarschaft – alles was uns lange gefehlt hatte, war Wirklichkeit geworden.

Freud und Leid liegen ja bekanntlich eng zusammen, denn am nächsten Tag hieß es wieder Abschied nehmen. Mein Bruder musste zum Schanzen an die Westfront und mein Vater zurück an die Ostfront.
 

Nur der Bruder kehrt zurück

Der Krieg dauerte für uns noch zwei Monate, denn Habbelrath wurde am 2. März 1945 von den Alliierten besetzt. Mein Bruder wurde im Mai nach kurzer Gefangenschaft entlassen. Mein Vater kam leider nicht wieder nach Hause: Er fiel mit 39 Jahren an der Ostfront.

Für uns kam eine harte und schwierige Zeit, aber mit viel Energie und Durchhaltevermögen schaffte es unsere Mutter, ihre sechs „Pänz” (rheinländisch für „Kinder”) großzuziehen.

Text: Willi Giesen

 

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2. Advent: „Gedanken bei Kerzenlicht und Musik eines Grammophons“
3. Advent: Dezember 1914: Vier Flammen am dritten Advent

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