Mehr als 140 Gäste waren der Einladung von Volksbund und Norwegischer Botschaft zu Vorträgen und Diskussion gefolgt. (© Lukas Schramm)
Wenn Geschichte vergessen wird – Beispiel Norwegen
Volksbund-Reihe „Erinnerungskulturen im Gespräch“ in Berlin fortgesetzt
„Norwegen im Zweiten Weltkrieg – vergessene Geschichte?“ war Thema in den Nordischen Botschaften in Berlin. Mit in der Gesprächsrunde über den deutschen Angriff auf Norwegen, die Besatzungszeit, über Kriegskinder und Folgen bis heute: die „Zweitzeugin“ Randi Crott, der Historiker Andreas E. Grini und die Historikerin Sarah Rehberg.
Eingeladen hatten der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. und die Norwegische Botschaft. Andreas Grini, Doktorand an der Universität Trondheim, erläuterte zum Einstieg Ursachen und Verlauf der deutschen Besatzung. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges verfolgte Norwegen eine Neutralitätspolitik. Das Land wollte sich – wie im Ersten Weltkrieg – aus den Konflikten auf dem Kontinent heraushalten. Dabei erkannte die norwegische Seite nicht ausreichend, dass das Land für die europäischen Großmächte strategisch wichtig war.
Zwischen „Brudervolk“ und Widerstand
Die Bevölkerung galt für die nationalsozialistische Führung als „Brudervolk“ und Norwegen als Land, das im Zweiten Weltkrieg aufgrund des Kriegsgeschehens „zum eigenen Schutz“ durch die Wehrmacht besetzt werden musste.
Doch die überwältigende Mehrheit der Norweger sah das ganz anders. Insofern wurde die Wehrmacht von der anfänglichen, zum Teil heftigen Gegenwehr der Norweger sehr überrascht. Die norwegische Kollaboration in der Folge war vor allem mit Vidkun Quisling und seiner norwegischen NS-Partei verbunden, die auf ihrem Höhepunkt etwa 40.000 Mitglieder hatte.
Thema Kriegsverbrechen
Die folgende Besatzungszeit verlief anders, als die NS-Propaganda es im Vorhinein glauben machen wollte. Der norwegische Widerstand entwickelte sich früh und wurde eine breite Bewegung mit militärischen und zivilen Elementen, die auch Verbindungen ins Ausland hatte – insbesondere nach Großbritannien.
Josef Terboven war Reichskommissar für die besetzten norwegischen Gebiete und unterstand direkt Hitler. Er regierte mit diktatorischer Macht und entsprechender Härte. Als bei einem Einsatz gegen den Widerstand in Telavåg am 26. April 1942 der in Bergen ansässige Gestapo-Chef und sein Stellvertreter ums Leben kamen, befahl Terboven als Vergeltung, den Ort zu zerstören.
Wenige Bewohner Telavågs überlebten
So geschah es im Mai 1942. Zuvor war die gesamte Bevölkerung aus dem Ort zwangsevakuiert worden. Sämtliche Jungen und Männer über 16 Jahren wurden festgenommen und nahezu alle in das Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin deportiert. Nur wenige überlebten. Die Frauen und Kinder wurden an weit entfernten Orten in Norwegen festgehalten.
Erst Jahre später kam die Bevölkerung nach Telavåg zurück und baute den Ort wieder auf. Das 1941 entstandene Gedicht „Aust-Vågøy” von Inger Hagerup über ein ähnliches Geschehen auf den Lofoten wird heute noch im Zusammenhang mit der Zerstörung Telavågs in norwegischen Schulen gelehrt.
Finnmark komplett abgebrannt
Die Finnmark – ein Gebiet ganz im Norden des Landes und größer als Dänemark – brannte die Wehrmacht beim Abzug der deutschen Truppen im Herbst 1944 komplett ab. Mehr als 50.000 Menschen wurden zwangsumgesiedelt.
Das Schicksal der Kriegskinder
Sarah Rehberg, pädagogische Mitarbeiterin im Dokumentationszentrum „Topographie des Terrors”, informierte in ihrem Beitrag „Geboren im Krieg, vergessen im Frieden“ über die Kinder der deutschen Besatzung in Norwegen. Das Thema dieser 10.000 bis 12.000 norwegischen Kinder ist eines, das aus Sicht der Referentin in der Öffentlichkeit unbedingt bekannter sein sollte. Nicht alle seien aus echten Liebesbeziehungen hervorgegangen.
„Lebensborn“-Heime sollten Kinder im Sinne des nationalsozialistischen Rassenwahns hervorbringen. Mehr als ein Dutzend solcher Heime stand im besetzten Norwegen. Besatzungssoldaten wurden ermuntert, Kinder mit norwegischen Frauen zu zeugen. Teils wurden Kinder nach Deutschland gebracht.
Traumatische Erlebnisse in Heimen
Nach dem Krieg wurden Frauen, die Kinder von deutschen Soldaten hatten, teils verurteilt, in jedem Fall aber von der Gesellschaft geächtet und schlecht behandelt. Ihren Kindern erging es ähnlich schlecht: Teilweise wurden sie ihren Müttern weggenommen und in Heime gebracht und nahmen traumatische Erlebnisse auf ihren weiteren Lebensweg mit. Die seelischen Wunden dieser Kinder sind oft bis heute nicht verheilt.
Erst spät bildeten sich Selbsthilfegruppen der Betroffenen. Und noch viel später erfolgte eine offizielle staatliche Entschuldigung.
Bewegende Familiengeschichte
Die Journalistin Randi Crott sprach als „Kriegskind“ einer Norwegerin und eines deutschen jüdischen Soldaten, der seine Biographie in der Wehrmacht verheimlichen konnte. Die „Zweitzeugin” – Tochter von Zeitzeugen – las aus dem Buch: „Erzähl es niemandem! Die Liebesgeschichte meiner Eltern“. Dieses Buch hat sie gemeinsam mit ihrer Mutter Lillian Crott Berthung nach dem Tod ihres Vaters geschrieben, der zeitlebens nicht über das Geschehene sprechen wollte.
Illustriert und untermalt wurden ihre Ausführungen durch Ausschnitte aus dem gleichnamigen Film ihres Ehemannes Klaus Martens. Besonders eindringlich waren die Schilderungen der Mutter über ihre Zwangsarbeit als Dolmetscherin. So musste sie norwegischen Landräten den Befehl der deutschen Besatzer übersetzen, dass die Finnmark abgebrannt werde und sie Zwangsevakuierte aufnehmen müssten. Darunter habe sie sehr gelitten, weil sie bei Strafe mit keiner Person darüber habe reden dürfen und diese „entsetzliche Last auf ihren Schultern“ habe tragen müssen.
Langes Warten auf Staatsangehörigkeit
Ebenso anrührend waren ihre Ausführung, dass sie mit ihrer Flucht nach Deutschland und der Heirat mit ihrem deutschen Mann keine norwegische Staatsbürgerin mehr war. Wenn sie ihre Eltern in Norwegen besuchte, musste sie sich jeweils als Ausländerin bei der Polizei anmelden.
Doch immerhin hier gab es ein „Happy End“, das zum Ende der Veranstaltung per Foto gezeigt werden konnte. Am 22. Januar 2019 kam der damalige norwegische Botschafter Petter Ølberg zu Lillian Crott Berthung und überreichte ihr die norwegische Staatsbürgerschaftsurkunde.
Applaus und Zuschriften
Die mehr als 140 Personen vor Ort dankten allen Beteiligten mit viel Applaus und teils sogar schriftlich im Nachgang: „...herzlich und ausdrücklich für den bewegend-informativen und herzlich authentisch moderierten Abend!“
Text: Thomas Rey, Referat Erinnerungskultur, Grundlagen- und Netzwerkarbeit
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