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„Anstatt etwas Sinnvolles zu lernen, lernen sie Gewalt“
Un/Menschlichkeit – Erzählungen von Krieg, Gewalt und Zivilcourage. Ein Kino-Projekt zum Jubiläum des Volksbundes
19. Juni 2019

„Anstatt etwas Sinnvolles zu lernen, lernen sie Gewalt“. Diese trockene Feststellung einer jungen Schülerin muslimischen Glaubens beschreibt genau die Situation der Kinder in dem Film „Of Fathers and Sons“.

Gewalt

Das Werk des syrischen Regisseurs Talar Derki schildert den Alltag einer radikal-islamistischen Familie im zerstörten Syrien. Der Vater bildet seine jungen Söhne zu künftigen IS-Kämpfern aus. Die Erziehung zur Grausamkeit zeigt sich, wenn der Sohn stolz seinem Vater berichtet, wie er einen Vogel tötet: „So wie du dem Mann den Kopf abgeschnitten hast.“

Der mehrfach ausgezeichnete Film lässt seine Zuschauer einigermaßen fassungslos zurück. Es wäre zu leicht zu sagen – das ist weit weg, in Syrien, das sind militante Islamisten und Mörder. Talal Derki zog bei vielen Gesprächen zur Erziehung der syrischen Jugendlichen zur Gewaltbereitschaft Vergleiche zur Erziehung in der Hitlerjugend im nationalsozialistischen Deutschland. So kann man den Film als universelle Mahnung für eine friedensorientierten Erziehung begreifen.

Dieser Film ist ein Teil einer dreiteiligen Filmreihe „Un/Menschlichkeit – Erzählungen von Krieg, Gewalt und Zivilcourage.

Im Rahmen der „Woche der Begegnung“ zum hundertjährigen Bestehen des Volksbundes kooperieren der Volksbund und die Kasseler BALi-Kinos. 

Der Film „Die Unsichtbaren. Wir wollen leben“ von Claus Räfle bildete den Auftakt und „Der unbekannte Soldat. Was hast du getan, Vater?“ von Michael Verhoeven bildete den Abschluss der Filmreihe.

Alle drei Filme befassen sich aus unterschiedlicher Perspektive mit den Folgen von Krieg und Gewaltherrschaft – und stellen damit die inhaltliche Verbindung zum Volksbund her, der diese Auseinandersetzung auch im Rahmen seiner Bildungsarbeit leistet. Mit den vergünstigten Eintrittspreisen wollen BALi und Volksbund gerade Schüler und Studierende ansprechen. So haben etliche Schüler und Studierende die Vorstellungen besucht. 

Krieg

Zwei Geschichtskurse des Kasseler Goethe-Gymnasiums besuchten mit dem Geschichtslehrer Frank Henniges den Film „Der unbekannte Soldat. Sie verfolgten eine Diskussion, die vor ihrer Geburt stattgefunden hat: Es geht um die heftig diskutierte Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ von Hannes Heer aus dem Jahr 1995 sowie um die überarbeitete  Version aus dem Folgejahr. Die erste Version war in die Kritik geraten, weil etliche Bilder falsch zugeordnet und falsch untertitelt waren. Auch darüber berichtet der Film.

Gleich zwei Schülergruppen des Kasseler Goethe-Gymnasiums besuchten den Film "Der unbekannte Soldat" im Bali-Kino. (alle Fotos: Maurice Bonkat)

Dennoch stellte diese Ausstellung eine deutliche Zäsur in der öffentlichen Debatte dar. Mehr – es war ein Tabubruch. Vor allem rüttelte die Ausstellung am Zeitgeist, der zwar die Verbrechen der SS anerkannte, eine Beteiligung der Wehrmacht daran aber kategorisch bestritt. Tatsächlich hatte es diese aber vor allem bei Erschießungen von Zivilisten oder Juden gegeben. Der Film spricht zumindest von einem „schützenden Schirm“ der Wehrmacht, der diese Kriegsverbrechen überhaupt erst ermöglicht habe.

Das alles beeindruckte die Schüler, die das Bali-Kino sehr nachdenklich verließen. Für den Pädagogen Frank Henniges ist gerade dies einer der erhofften Effekte: „Wir müssen uns bewusst sein, dass der friedliche Rahmen unser Gesellschaft nicht selbstverständlich ist, sondern nur ein dünner Firnis. Das bedeutet zugleich, dass sich gerade junge Menschen für unsere freiheitliche und friedliche Grundordnung in Europa und anderswo engagieren sollten.“

Dass Foto zeigt den Pädagogen Frank Henniges vom Goethe Gymnasium Kassel im Video-Interview.

Zivilcourage

Ebenso beeindruckend war auch die Vorführung des Films „Die Unsichtbaren“. Diese Geschichte erinnert an das Schicksal von Anne Frank, die sich in Amsterdam vor den Nazi-Häschern versteckt hatte. Die im Bali-Kino präsentierte wahre Geschichte spielt allerdings in Berlin. Dass die darin geschilderten Ereignisse der Wahrheit entsprechen, versicherte die Kasselerin Renate Schrader. Ihre Großeltern hatten während des Krieges die verfolgte Jüdin Hanni versteckt – und waren damit ein großes Risiko eingegangen. Hanni Levy, heute über 90 Jahre lebt heute in Paris und berichtet immer noch in Schulen von ihren Erlebnissen. Sie sorgte dafür, dass das Ehepaar Kolzer mit einen Baum in der „Allee der Gerechten“ in Yad Vashem gewürdigt wurden. "Die Unsichtbaren" – ist also ein Film über die Mut, Zivilcourage und Überlebenswillen.

So war die Kooperation ein neues Projekt und auch ein Erfolg. Sicher waren nicht alle Plätze im Großen BALi belegt, doch kaum ein Zuschauer ging ungerührt nach Hause. Wenn die Filme ihr Publikum zu Nachdenken und Miteinandersprechen motiviert haben, dann ist das der Erfolg.

Volksbund-Pressesprecherin Diane Tempel-Bornett moderierte die anspruchsvolle Filmreihe im Kasseler Bali-Kino.