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Auch in Kassel fand die Revolution statt
Interview mit dem Historiker Prof. Jens Flemming
18. Juni 2019

Prof. Jens Fleming zählt wohl zu den renommiertesten Historikern Deutschlands. Bis zum Jahr 2009 forschte und lehrte er unter anderem an der Kasseler Universität auf den Gebieten Neuere und Neueste Geschichte. Derzeit arbeitet der emeritierte Prof. Flemming als Dozent der Friedrich-Ebert-Stiftung sowie als Leiter der Informationsstelle zur Geschichte des Nationalsozialismus in Nordhessen.

Das Interview führte Dr. Dirk Richhardt.

Sehr geehrter Herr Prof. Flemming, wer sich mit Ihrer Vita beschäftigt, sieht, dass Sie auch in Kassel gelehrt haben. Was verbindet Sie mit der nordhessischen Metropole?

Flemming: Neben meiner langen Lehrtätigkeit an der Universität, meine über Jahre gut besuchten Veranstaltungen an der Volkshochschule Kassel verbinde ich mit der Stadt zwei Projekte, wobei das „Projekt Karl Branner“ (Oberbürgermeister und Gründer der Gesamthochschule Kassel) natürlich das bekannteste sein sollte, aber natürlich auch den Herkules. Immer wenn ich nach Kassel komme schaue ich, ob er noch steht und habe das auch meinen Kindern so beigebracht. 

Ihr Forschungsfeld war und ist es vermutlich noch die Neuere und Neueste Geschichte. Was ist das für ein Zeitraum und was interessiert Sie hier besonders?

Der Zeitraum geht von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart. In dieser Zeit tritt ein ungeheurer Wandel in Europa und in Deutschland ein. Ein Wandel den wir beschreiben können mit moderner Welt, Föderalismus, Industrieller Revolution und auch Globalisierung. Wobei diese Prozesse bis heute noch nicht abgeschlossen sind.

Der Volksbund feiert in diesem Jahr seinen hundertsten Geburtstag; Kassel vor 100 Jahren – mit welchen Ereignissen verbindet ein Historiker diesen Zeitabschnitt?

Wie in ganz Deutschland fand auch in Kassel die Revolution statt. Es war das Ende der Monarchie und der Beginn der Weimarer Republik. In Kassel ging das friedlicher zu, ohne großes Blutvergießen. Erst im Herbst 1919 verschärfte sich diese Situation durch die Polarisierung der politischen Lager und dann eben auch durch das Attentat auf Philipp Scheidemann.

Freya Klier hat ein Buch über die Ereignisse in Dresden geschrieben und stellt dieses auch im Rahmen unserer „Begegnungswoche“ in Kassel vor. Hier ergibt sich die Frage nach den Parallelen und den Unterschieden zwischen Kassel und Dresden.

Beide Städte hatten ihre Revolution. Die in Dresden war aber nicht so friedlich wie in Kassel. Eine solche Tat wie die Ermordung des Kriegsministers gab es in Kassel nicht. Natürlich gibt es auch weitere Unterschiede. Dresden war Residenzstadt, hier war der Monarch anwesend. Kassel wurde zwar oft von der kaiserlichen Familie aufgesucht, Wilhelm II. ist hier zur Schule gegangen und Wilhelmshöhe war im Sommer so etwas wie eine Nebenresidenz – aber eben nicht mit Dresden zu vergleichen. Auch die Anwesenheit der Obersten Heeresleitung in Kassel war nur eine Episode.

Das Buch von Frau Klier ist keine strenge wissenschaftliche Arbeit, will sie auch nicht sein, aber wie geht der „zünftige Historiker“ damit um?

Vieles was der Historiker erfährt, ist ihm zu mindestens vertraut. Aber die Mischung aus Archivquellen, Biografien und Erzählungen macht das Buch zu einer interessanten Collage. Dabei geht Frau Klier auch immer über Dresden hinaus, betreibt also keine lokale Geschichtsschreibung. Was aber noch wichtiger ist: Sie bietet ein eindrucksvolles Verfahren an, ein breites interessiertes Publikum an ein historisches Thema heranzuführen.

Herr Prof. Flemming, wir danken für das Gespräch.