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Beethovens Neunte und Lagerkoller
Deutsche Kriegsgefangene in Japan im Ersten Weltkrieg – junger Historiker sucht Material
04. Januar 2021

Nach dem Verlust der deutschen Kolonie Tsingtau in China im November 1914 kamen tausende deutsche Soldaten in japanische Kriegsgefangenenlager. Wie sah der Alltag aus? Und wie ist der japanische Blick auf dieses wenig bekannte Kapitel des Ersten Weltkrieges? In der Ausgabe Nr. 2 2020 der Mitgliederzeitschrift "Frieden" haben wir ein Gespräch mit dem jungen Wissenschaftler Dr. Takuma Melber veröffentlicht, das große Resonanz hervorgerufen hat. 

„Es haben sich bereits Nachfahren ehemaliger deutscher Kriegsgefangener in Japan (1914-1920) und/oder ehemaliger 'Tsingtauer' gemeldet“, berichtet der deutsch-japanische Historiker, der am Centre for Transcultural Studies der Universität Heidelberg lehrt und forscht. „Wer entsprechende Hinweise hat, Nachlässe oder ähnliches, möge sich mit mir in Verbindung setzen“, bittet er. Das Interview, das Harald John (Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit) mit ihm geführt hatte, habe eine regelrechte Welle an Rückmeldungen ausgelöst.

Der Hintergrund

Zwar endete der Zweite Weltkrieg für Deutschland mit der Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945, aber im asiatisch-pazifischen Raum wurde noch bis zum Spätsommer weitergekämpft. Erst am 2. September 1945, nach den Atombomben-Abwürfen der USA auf Hiroshima und Nagasaki, unterzeichnete Japan die Kapitulation. Diese Bilder des Kriegsendes 1945 lassen in Vergessenheit geraten, welche Rolle Japan im Ersten Weltkrieg spielte.

Bereits mit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war Japan als neue Großmacht auf die Weltbühne getreten. Schnell geriet das Kaiserreich mit seinen Expansionsbestrebungen mit China und Russland in Konflikt. Im Russisch-Japanischen Krieg von 1904/05 versenkte Japans Marine die russische Flotte. Zum ersten Mal hatte eine nicht-westliche Großmacht über eine „weiße“ Macht militärisch triumphiert. Japan war nun in die Reihen der internationalen Großmächte aufgestiegen. Die japanische Militärmacht im Pazifik war es auch, die Deutschlands koloniale Träume in China mit einem Schlag beendete.

Am 7. November 1914 kapitulierten die Truppen des deutschen Kaisers in der chinesischen Hafenstadt Tsingtau, dem heutigen Qingdao. Nach fast zweimonatiger Belagerung endete die Geschichte deutscher Kolonisation in China mit hunderten Toten. Eine Geschichte, die mit der Ermordung zweier deutscher Missionare 1897 begonnen hatte. In der Folge besetzten deutsche Truppen die Bucht von Kiautschou am Gelben Meer. Berlin zwang China, das Gebiet auf der Halbinsel Shandong mit der Hauptstadt Tsingtau für 99 Jahre an Kaiser Wilhelm II. zu verpachten. Die Kaiserliche Marine verlegte ihre in Ostasien stationierten Soldaten an den Unterlauf des Gelben Flusses – in der Folge ließen sich Händler und auch Verwaltungskräfte  in Tsingtau nieder.

Doch der Aufstieg der Metropole endete kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Großbritannien und das mit ihm verbündete Kaiserreich Japan forderten Kaiser Wilhelm II. zur Herausgabe Tsingtaus auf – das Reich weigerte sich. So erklärte Japan am 23. August 1914 dem Kaiserreich den Krieg. Es folgten eine wochenlange Belagerung und schließlich die Einnahme der Stadt: Am 7. November setzen die Deutschen um 6.20 Uhr die weiße Flagge auf dem Signalberg, der letzten Festung.

In der Folge gerieten tausende deutsche Soldaten in japanische Kriegsgefangenschaft. Ihre Geschichte und die Rolle der japanischen Kriegsgefangenenlager erforscht der junge Wissenschaftler Dr. Takuma Melber in seinem Projekt „Digitales Tsingtauarchiv“. Sein Ziel ist eine systematische Sammlung von aus Privatnachlässen stammenden Schriftzeugnissen und Fotos ehemaliger deutscher Soldaten, die in japanische Kriegsgefangenschaft gerieten.

Das Interview

Herr Dr. Melber, warum haben Sie sich auf die Spuren deutscher Sol­daten in japanischer Kriegsgefangenschaft begeben? 
Zu Zeiten des international begangenen Gedenkens „100 Jahre Erster Weltkrieg“ haben namhafte Historikerinnen und Historiker lesenswerte Gesamtdarstellungen der Geschichte des Ersten Weltkrieges auf den Markt gebracht. Mir fiel bei der Lektüre auf, dass der asiatische Kriegsschauplatz – wenn überhaupt – allenfalls eine randständige Rolle einnahm. Das vom Deutschen Kaiserreich gepachtete deutsche Schutzgebiet, Tsingtau, oder auch der Name des letzten Gouverneurs von Tsingtau, Alfred Meyer-Waldeck, tauchten mit keiner Silbe auf. Dass Japan im Ersten Weltkrieg auf Seiten der Alliierten stand oder überhaupt Kriegsteilnehmer war – unter anderem sogar mit Marinestreitkräften im Mittelmeer – ist hierzulande weitestgehend unbekannt. Das gilt erst recht für die Geschichte deutscher Soldaten in Japan während des Ersten Weltkrieges.

Wie viele deutsche Soldaten waren in japanischer Gefangenschaft? Und wie wurden sie behandelt?
Die Zahlen variieren je nach Quelle, aber wir wissen gesichert, dass weit über 4.500 deutsche und österreichisch-ungarische Kombattanten in Kriegsgefangenschaft gerieten. Mit Blick auf Kriegsgefangene in Japan kommen uns ja immer die Bilder der Behandlung – oder besser gesagt: Misshandlung – alliierter Soldaten im Zweiten Weltkrieg durch Japans Militär in den Sinn. Im Vergleich da­zu war die Behandlung im Ersten Weltkrieg besser: Beispielsweise gab es im Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg keine systematische Ausbeutung der Kriegsgefangenen als Zwangsarbeiter in Japan.
Das Narrativ der deutschen Kriegsgefangenschaft in Japan wird bis heute von den Erzählungen aus dem Lager Bandō dominiert. Dieses im April 1917 und damit erst zu einem späteren Zeitpunkt in Betrieb genommene Lager war eine Art „Musterlager“ der Japaner; die Deutschen genossen hier Gestaltungsfreiräume im Lageralltag, konnten vielen sportlichen und kulturellen Aktivitäten recht frei nachgehen und es gab einen regelrechten Austausch zwischen deutschen Gefangenen und japanischen Wachmannschaften sowie der Lokalbevölkerung. 

War das überall so? 
Es existierten mehr als ein Dutzend Kriegsgefangenenlager in Japan. Aus anderen Lagern gibt es Berichte über Missstände: Der Postverkehr funktionierte teilweise nicht, Soldaten beschwerten sich über das Essen, litten unter „Lagerkoller“, hatten Depressionen. Und es finden sich auch abfällige Bemerkungen, teils geradezu rassistische Äußerungen über die Japaner in den Dokumenten deutscher Soldaten. Die Zeit der Kriegsgefangenschaft in Japan scheint also doch nicht so rosig und idyllisch gewesen zu sein, wie es uns Bandō glauben lassen mag. Eines meiner Anliegen ist es, ein Gesamtbild mit deutlich mehr Grauschattierungen zu zeichnen. 

Wie kann man sich diese Lager vorstellen? Unter welchen Bedingungen lebten die Deutschen dort? Und wann endete dieses Kapitel?

Die längste Zeit waren die Soldaten in Barackenlagern untergebracht. Neben den Unterkünften für Mannschaften und Offiziere – für Letztere waren die Behausungen etwas luxuriöser und boten zumindest ein wenig mehr Privatsphäre – gab es Küchen und Speiseräume. Es konnten Tiere gehalten und geschlachtet werden, es gab Lagerdruckereien, Bibliotheken und Flächen, auf denen Sport getrieben werden durfte – beispielsweise Tennis, Turnen, Tauziehen, Wettlaufen, Feldhockey und natürlich Fußball. Die Soldaten konnten auch kulturellen Aktivitäten nachgehen, gründeten Orchester, Chöre, Theatergruppen und allerhand Lern- und Arbeitskreise.

Das mag alles recht idyllisch klingen, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Soldaten vor allem eines wollten: raus aus den Lagern, nach Hause zu den Liebsten. Repatriiert wurden die Soldaten allerdings erst nach den Pariser Friedensverhandlungen im Frühjahr 1920. Der Erste Weltkrieg endete für sie also definitiv nicht 1918!

Kam es auch zu kulturellen Annäherungen zwischen Siegern und Besiegten?

Tatsächlich gab es Kontakte zwischen Japanern und Deutschen, die über das Verhältnis Sieger und Besiegte/Gefangene und Wächter hinausgingen: Die Lager wurden von japanischen Händlern beliefert; deutsche Gefangene durften auch in japanischen Betrieben arbeiten. Es herrschte ein Interesse daran, von den Deutschen zu lernen. Beispielsweise ist bis heute die auf deutsche Art hergestellte „Narashinowurst“ eine lokale Spezialität der Stadt Narashino, einem Ort in der Präfektur Chiba nahe Tokio, wo sich eines der größten Lager befand. Es fanden auch Ausstellungen in den Lagern statt, die die Lokalbevölkerung besuchte. Bei diesen zeigten die deutschen Soldaten etwa Gemälde, technische Geräte oder Handwerkskunst.

Aber auch die Deutschen lernten die japanische Kultur kennen: Es gibt Fotos von Sumōringern, die Gefangenenlager besuchten. Zudem gab es auch sportliche Aufeinandertreffen zwischen Deutschen und Japanern. So liegt etwa eine der Wurzeln des japanischen Fußballs in diesen Lagern. Ferner bildeten die Soldaten Theater- und Orchestergruppen und führten ihre Stücke vor japanischem Publikum auf. Beethovens „Neunte“ kam etwa durch ein deutsches Lagerorchester zu seiner Uraufführung in Japan.

Wie hat Japan dieses Kapitel aufgearbeitet? Gibt es Museen oder Ausstellungen zu dem Thema?
Der Erste Weltkrieg spielt in Japan nur eine Nebenrolle, etwa im Geschichtsunterricht. Andere Themen dominieren hier: Die Meiji-Restauration, der Aufstieg Japans zur Großmacht, der Russisch-Japanische Krieg (1904/05), der Asiatisch-Pazifische Krieg/Zweite Weltkrieg und die Atombombenabwürfe. Gerade die Geschichten derjenigen Lager, die sich in oder nahe heutiger japanischer Metropolen befanden, sind auch in Japan weitestgehend unbekannt und in Vergessenheit geraten.

Wie sehen Ihre Forschungen konkret aus?
Das Schöne an meiner Forschung ist, dass mich die Zuschriften von Nachkommen vor allem aus der Enkelgeneration ehemaliger „Tsingtauer“ erreichen, die mir noch Nachlässe zur Auswertung und Digitalisierung leihweise zur Verfügung stellen, zusenden oder vorbeibringen. Mit meiner Forschung sind aber auch Reisen nach Japan verbunden, um mich zum einen mit den japanischen Expertinnen und Experten auszutauschen oder in den Archiven und Bibliotheken zu recherchieren. Zum anderen begebe ich mich aber auch an Ort und Stelle auf Spurensuche und schaue mir an, ob heute noch etwas von den Lagern zu sehen ist – wenn ja, was – oder wie die Lagergeschichten lokal an Ort und Stelle präsentiert werden. 

Der Erste Weltkrieg liegt nun 100 Jahre zurück. Was gibt Ihrer Forschung Aktualität?

Aus meiner Sicht ist „Globalisierung“ ein Modewort unserer Zeit in Politik, Medien und Gesellschaft. Meine Forschung zeigt ganz gut, so denke ich, dass es globale Verflechtungen schon deutlich früher gab und gewisse Austauschprozesse – etwa von Wissen und Kenntnissen – stattfanden. Aktualität verleiht meinem Thema im Übrigen auch die Tatsache, dass wir in diesem Jahr des Weltkriegsendes vor 75 Jahren gedenken. Wir haben unter uns noch Personen, die den Weltkrieg miterlebt haben und davon erzählen können. Beim Ersten Weltkrieg ist das ganz anders: Es sind die Enkel dieser deutschen Soldaten, die ihre Großväter noch persönlich kannten und aus überwiegend persönlichen, emotionalen Gründen deren Nachlässe als Erinnerungsstücke aufbewahren.

Diese Enkelgeneration nähert sich aber dem eigenen Ableben. Die Nachfolgegeneration wird mit den Nachlässen dann in der Regel nichts mehr anzufangen wissen – es fehlt ja die persönliche und emotionale Bindung zum Verfasser der Quellen – und wird wohl die Quellenkonvolute entsorgen. Für mich als Historiker ist das jetzt quasi die letzte Chance: nochmals an „neue Quellen“ zum Ersten Weltkrieg zu kommen, die ich mittels einer technischen Methode des 21. Jahrhunderts, nämlich der Digitalisierung, für die Nachwelt und zukünftige Generationen von Weltkriegshistorikern sichern möchte.

Vor dem Hintergrund Ihrer Forschung: Wie bewerten Sie die aktu­el­len Spannungen im Pazifik? Droht ein neuer, kriegerischer Konflikt?

Die Spannungen im Pazifik etwa zwischen Japan und seinen Nachbarn Russland, China, Süd- oder auch Nordkorea halten ja nun schon einige Jahrzehnte an. Aktuell sehe ich zwar keine akute Kriegsgefahr für Japan, aber gerade der Erste Weltkrieg lehrt uns eines:  dass bei Spannungen, die sich über Jahre hinweg aufbauen, ein Einzelereignis und ein nicht besonnener Umgang der politischen Entscheidungsträger ausreichen kann, um einen Flächenbrand auszulösen. Ich hoffe sehr, dass auf den Seiten aller Konfliktparteien klug, besonnen und umsichtig agiert und Japan ein weiterer Krieg in der Zukunft erspart bleiben wird.

Herr Melber, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Kontakt:

Dr. Takuma Melber
Heidelberg Centre for Transcultural Studies | HCTS
Karl Jaspers Centre
Voßstr. 2, 69115 Heidelberg
Telefon: 06221 / 54-4323, Mail


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