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Der Beitrag des Bremer Jugendarbeitskreises im Rahmen der zentralen Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag im Rathaus stand in diesem Jahr ganz im Rahmen des 100. Jubiläums des Volksbundes.
Unter dem Motto "Flagge zeigen - gemeinsam für den Frieden" gaben die Mitglieder des Jugendarbeitskreises einen Einblick in die Geschichte der Jahre 1918/1919 bis 2019 und warum es wichtig ist, daran zu erinnern.
16. November 2019
  • Bremen
  • Jugend

100 Jahre,
100 Jahre mögen Weltgeschichtlich kein sonderlich langer Zeitraum sein, aber die letzten 100 Jahre sind für unser heutiges Leben von großer Bedeutung, 100 Jahre sind genau die Anzahl an Jahren, die es den Volksbund bereits gibt. Wir haben dies zum Anlass genommen, darüber nachzudenken, was in diesen 100 Jahren alles passiert ist, um damit eine aktuell sehr wichtige Frage für uns zu beantworten:

Warum ist Erinnerungskultur so wichtig? Und brauchen wir sie noch?

Als vor 100 Jahren der Volksbund als Konsequenz des ersten Weltkrieges gegründet worden ist, gab es noch kein Europa, wie wir es heute kennen. 1919, ein Jahr, das für uns unvorstellbar lange zurück liegt. Der Volksbund hatte und hat die Mission, die Kriegstoten zu finden, ihnen ihre Namen zurückzugeben und deren Gräber zu pflegen. Seitdem ist viel passiert, was heute dazu führt, dass wir gemeinsam auf einem friedlichen, grenzenlosen und vereinten/geeinten Kontinent leben können.

Dies möchten wir zum Anlass nehmen, zurückzublicken:

Vor 100 Jahren, im Jahr 1919, ist nicht nur der Volksbund gegründet worden: Im selben Jahr konnten Frauen in Deutschland erstmalig ihr Wahlrecht ausüben. Diese ersten freien Wahlen gelten als Kernereignis der Geschichte der Demokratie in Deutschland. Sie bildeten die Grundlage für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern und stellen damit einen Meilenstein in der deutschen Geschichte dar.

Sollen wir uns daran etwa nicht mehr erinnern?

Die aufkeimende Demokratie in Deutschland erlitt jedoch früh einen Rückschlag: Die anhaltende Perspektivlosigkeit angesichts der hohen Arbeitslosigkeit, ausgelöst durch die Weltwirtschaftskrise 1929, ermöglichte überhaupt erst das Erstarken der extremen politischen Gesinnungen in Deutschland und der Welt. Dies führte zu einem schrecklichen, menschenverachtenden zweiten Weltkrieg, der sich schnell über den gesamten Kontinent ausbreitet und Millionen Menschenleben kostete.

Sollen wir uns daran etwa nicht mehr erinnern und diese schrecklichen Taten vergessen, all die umsonst gestorbenen Menschen? Einfach vergessen? Als hätte es sie nie gegeben?

Um ein derartiges Ereignis wie den zweiten Weltkrieg nicht wieder geschehen zu lassen, wurde im Jahre 1949 das Grundgesetz verabschiedet. In dieser politischen Neuordnung wurden Lehren gezogen aus der Weimarer Republik und der Nazi-Diktatur. Die festgeschriebenen Grundrechte garantieren die unantastbaren Rechte jedes einzelnen Menschen. 

Unter diesen Bedingungen erweiterte sich der Blickwinkel der einzelnen Länder über die Staatsgrenzen hinaus. So wurde 1955 ein bilaterales Abkommen zwischen Frankreich und Deutschland verabschiedet, dass den Zweck hatte, die Feindschaft der Staaten ein für alle Mal zu begraben.

In diesem Rahmen hat auch der Volksbund seinen Teil zur fortschreitenden Völkerverständigung beigetragen: 1961 fand das erste vom Landesverband Bremen organisierte Workcamp statt, in dem sich Franzosen und Deutsche begegneten. Die Jugendlichen legten zusammen den deutschen Soldatenfriedhof in Brest an, tauschten sich über Land und Kultur aus und wurden Freunde. Wahre Versöhnung über den Gräben.

Sollen wir uns daran etwa nicht mehr erinnern?

Während die Grenzen zwischen den Nachbarn im Westen langsam aber sicher verschwammen, verfestigte sich die innerdeutsche Teilung und damit die Grenze im Osten. Nicht zuletzt durch den Mauerbau fand diese ihren vorläufigen, traurigen Höhepunkt. Staaten schotteten sich gegeneinander ab, statt gemeinsam in die Zukunft zu blicken.

Ein Meilenstein der Annäherung zwischen Ost und West, den verfeindeten Blöcken der Weltpolitik, war der Kniefall von Willy Brandt im Jahre 1970. Spontan fiel er in Warschau angesichts des Denkmals der ermordeten Juden auf die Knie und bat um Vergebung. Für diese Tat erhielt er 1971 den Friedensnobelpreis. Endlich begannen sich die Staaten anzunähern.

Sollen wir uns daran etwa nicht mehr erinnern?

Der Mauerfall am 9. November 1989, dessen Jahrestag sich in der vergangenen Woche zum 30. Mal jährte, und die daraus resultierende deutsche Einigung schaffte nicht nur Einigung auf politischer Ebene, sondern auch die Wiedervereinigung von Freunden und Familien, jahrelang getrennt durch eine Mauer.

Sollen wir uns daran etwa nicht mehr erinnern?

30 Jahre mögen uns im Vergleich zu 100 Jahren kurz vorkommen, für uns ist dies allerdings unsere gesamte Lebenszeit, für manche von uns nicht einmal das. Negative Ereignisse in der frühen Kindheit vergisst man, meist aus gutem Grund. Sind also 100, 74 oder 30 Jahre schon zu lang her, um sich noch daran zu erinnern?
W
ir sagen nein, denn wir können nur aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen. Wir tragen heute noch die Verantwortung dafür, dass diese Geschichte nicht vergessen wird. Denn ohne Erinnern würden wir die gleichen Fehler immer und immer wieder machen.

Wir wollen: “Flagge zeigen – gemeinsam für den Frieden“