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Deutschland und das Vereinigte Königreich
Großbritannien als Wegbereiter für die Demokratie und starker Partner auch für den Volksbund
04. November 2020

Die deutsch-britische Freundschaft und das gemeinsame Gedenken an die Kriegstoten stehen am Volkstrauertag am 15. November 2020 im Mittelpunkt. Welche Rolle hat Großbritannien im Nachkriegsdeutschland und für die demokratische Entwicklung unseres Landes gespielt? Für den Volksbund-Gräberdienst hat das gute bilaterale Verhältnis ganz praktische Bedeutung.

Das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland achtete in der europäischen Geschichte immer darauf, dass es in Kontinentaleuropa ein Gleichgewicht der Kräfte gab. Das galt auch für den Zweiten Weltkrieg: Nachdem Hitler 1939 Polen überfallen hatte und sich eine deutsche Dominanz auf dem Kontinent ankündigte, erklärten die Briten dem Deutschen Reich den Krieg.

Bei der Gestaltung der deutschen Nachkriegsordnung spielte Großbritannien eine herausragende Rolle. Schon 1946 forderte Winston Churchill, der bis 1945 und noch einmal ab 1951 britischer Premierminister war, nicht nur die Gründung der Vereinigten Staaten von Europa, sondern er betonte dabei auch die besondere Rolle, die Deutschland darin spielen müsse.

Plädoyer für ein „geistig großes“ Deutschland

„Ich sage Ihnen jetzt etwas, das Sie erstaunen wird. Der erste Schritt zu einer Neuschöpfung der europäischen Völkerfamilie muss eine Partnerschaft zwischen Frankreich und Deutschland sein. Nur so kann Frankreich seine moralische und kulturelle Führerrolle in Europa wiedererlangen. Es gibt kein Wiederaufleben Europas ohne ein geistig großes Frankreich und ein geistig großes Deutschland“, so der britische Premier ein Jahr nach Kriegsende.

Nach der Kapitulation hatten die Alliierten Deutschland in Besatzungszonen aufgeteilt. Die britische umfasste das nördliche Deutschland einschließlich des heutigen Nordrhein-Westfalens. Großbritannien schuf bereits 1947 durch die Zusammenlegung seiner Zone mit der amerikanischen („Bizone“‘) den Grundstein für die spätere Bundesrepublik Deutschland und achtete auf die Entstehung und Festigung demokratischer Strukturen in den Kommunen und Bundesländern.

Erste Städtepartnerschaften 1947

Die Schaffung eines öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems nach dem Vorbild der britischen BBC hat wesentlich zur Entwicklung einer demokratischen Diskurskultur in Deutschland beigetragen. Erste deutsch-britische Städtepartnerschaften entstanden bereits 1947 – heute gibt es rund 130 dieser Verbindungen. 1955 unterstützte das Vereinigte Königreich die Aufnahme der Bundesrepublik Deutschland in die NATO, womit die volle Souveränität der Bundesrepublik verbunden war. 

Der deutschen Vereinigung 1990 stand die britische Regierung zunächst skeptisch gegenüber. Sie trug sie jedoch mit und ermöglichte durch die Unterzeichnung des Zwei-plus-Vertrags die deutsche Einheit im europäischen Kontext.

Auch nach dem Ausscheiden des Vereinigten Königreichs aus der EU bleiben Deutschland und Großbritannien enge Partner, verbunden durch wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen sowie die gemeinsame Mitgliedschaft im Europarat, in der NATO und in der OSZE.

Projekt Hill 80: gemeinsam Tote des Ersten Weltkriegs geborgen

Für den Volksbund zeigt sich die gute Verbindung zu Großbritannien zum Beispiel in der alltäglichen Arbeit des Gräberdienstes. Beispiel Flanders Fields – die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs in Belgien. Viele deutsch-britische Projekte sind in dieser Erinnerungslandschaft angesiedelt. Eines der jüngsten Beispiele ist das transnationale Projekt Hill 80.

Freiwillige aus vielen Ländern, vor allem aber aus den angelsächsische Staaten, legten unter professioneller Anleitung eine deutsche Stellung bei Ypern frei und bargen an die 100 Kriegstoten aus Deutschland und den Commonwealth-Staaten. Eingebettet wurden sie bei einer Doppelbeisetzung 2019 auf der Kriegsgräberstätte in Langemark.

Beispielhaft ist dabei ein Ereignis am Rande: Am Tag der Gedenkveranstaltung kam zufällig eine Besuchergruppe mit britischen Kadetten vorbei. Sie halfen spontan den Bundeswehr-Soldaten, die für den Volksbund im Einsatz waren, die Grabblumen vorzubereiten und zu verteilen. Abends fand ein deutsch-britisches Gedenkkonzert mit Schülerinnen und Schülern beider Länder in der Kirche des kleinen Orts Wijschate statt – mit großer Anteilnahme der Gemeinde. Und das, obwohl der Ort und das dortige Klostergebäude seinerzeit von den Kriegsparteien für freies Sichtfeld rücksichtslos planiert und später schwer beschossen worden waren.

Kriegsgräberstätte als deutsch-britischer Erinnerungsort

Ein weiteres Beispiel für die gute Zusammenarbeit ist die britische Kriegsgräberstätte St. Symphorien bei Mons in Belgien. Sie war ursprünglich von Deutschen im Ersten Weltkrieg angelegt worden. 284 deutsche und 229 britische Soldaten sind hier begraben. Später übernahmen die britischen Gräberdienste die Pflege. Heute kümmert sich die Commonwealth War Graves Comission darum.

Text: Prof. Dr. Eckart D. Stratenschulte

Aktion „Vergissmeinnicht"


Im Zeichen des deutsch-britischen Gedenkens steht die Aktion "Vergissmeinnicht": Zum Volkstrauertag 2020 wird ein Stahlkranz mit 1.000 metallenen Blüten in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin aufgestellt. Vergissmeinnicht und Mohnblumen stehen in Deutschland und den Commonwealth-Staaten für die Erinnerung an die Kriegstoten. Sie können diese Aktion und die Arbeit des Volksbundes mit einer Spende unterstützen – per Überweisung, Bankeinzug oder telefonisch.

Seine Arbeit finanziert der Volksbund als gemeinnütziger Verein vor allem aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden. Mehr Informationen finden Sie unter www.volksbund.de/helfen.