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Deutsche Flüchtlinge in Dänemark
Besondere Geschichte aus dem Lager Oksbøl
05. März 2019

Berlin, 28.02.2019 – Die Geschichte der deutschen Flüchtlinge in Dänemark ist weit weniger präsent als die Geschichten der Flüchtlinge und Vertriebenen, die aus den früheren Ostgebieten direkt nach Deutschland kamen. 1949, vor siebzig Jahren, verließen die letzten Deutschen Dänemark. Um an dieses geteilte Kapitel in der Geschichte beider Länder zu erinnern, luden die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung und die dänische Organisation Varde-Museen zu einem Zeitzeugengespräch in die Königlich Dänische Botschaft nach Berlin. In diesem Rahmen stellte Anne Sofie Vemmelund Christensen das von den Varde-Museen geplante Dänische Flüchtlingsmuseum in Oksbøl vor. Das Projekt wird in deutsch-dänischer Kooperation umgesetzt und durch den Volksbund unterstützt. In der künftigen Ausstellung werden die Perspektiven beider Länder berücksichtigt.

15.000 Deutsche Gräber in Dänemark

Für den Volksbund ist die Thematik von hoher Relevanz. Er betreut in Dänemark die Gräber von 14.900 deutschen Flüchtlingen und setzt sich, auch mit der Durchführung von Jugendbegegnungen, für ein lebendiges Erinnern ein. In Oksbøl zeugt die größte deutsche Kriegsgräberstätte auf Jütland von der Vergangenheit. Schon jetzt kooperiert der Volksbund in der Bildungsarbeit aktiv mit den Museen Varde.

Als kleiner Junge erlebte Jörg Baden das Lagerleben in Oksbøl. Im Gespräch mit Dr. Andreas Kossert von der Stiftung schilderte er die Flucht seiner Familie. Als Ingenieur in Warnemünde war sein Vater von der Verfolgung durch die russische Armee bedroht, so dass die Eltern Anfang Mai 1945 entschieden, mit den beiden Söhnen und dem Großvater „zu türmen“. Über Rostock, Kiel und Sonderburg gelangten sie per Schiff nach Hadersleben. Drei Monate verbrachte Baden im Krankenhaus Hadersleben, bis er vollständig von Diphtherie geheilt war. Noch heute ist er den behandelnden Ärzten und Schwestern sehr dankbar, denn sie retteten sein Leben. Von Lille Anslet wurde die Familie im Frühherbst 1945 nach Oksbøl verlegt. Hier blieben sie bis 1947, der Vater unterrichtete in der Lagerschule und in der Volkshochschule Mathematik. Baden wurde in der Lagerschule eingeschult. Mit seinem älteren Bruder war er bei den Pfadfindern aktiv, die das Lager zu vereinzelten Ausflügen in die Umgebung verlassen durften.

Jörg Baden (links) berichtet von seinen Erinnerungen an das Leben im Flüchtlingslager Oksbøl. (Foto: Volksbund)

Dankbar für die Aufnahme in Dänemark

Auch nach der Ausreise hielten Kontakte sowohl zu einer dänischen Familie aus Anslet als auch zu anderen deutschen Flüchtlingen. In Oksbøl hatte seine Familie jedoch keine Kontakte zu Dänen.

Das Kind Jörg Baden hat die Zeit in Oksbøl nicht als entbehrungsreich wahrgenommen, auch wenn sie es war. Auch an das Sterben von Flüchtlingskindern hat Baden keine bewusste Erinnerung. Doch haben ihm die Aufzeichnungen seines Großvaters, der als 76-Jähriger die Flucht erlebte, dabei geholfen, sich über die besonderen Umstände der Aufnahme der Deutschen von den Dänen und die sich darin äußernde Menschlichkeit bewusst zu werden. Bis heute erfüllt ihn große Dankbarkeit, dass Dänemark die deutschen Flüchtlinge aufgenommen und versorgt hat.

In seinem Einführungsvortrag erklärte der Historiker der Museen Varde, John Jensen, dass sich nach der deutschen Kapitulation schnell abzeichnete, dass die Deutschen, die über die Ostsee nach Dänemark gekommen waren, nicht direkt nach Deutschland weiterziehen konnten. Zu groß war dort die Zerstörung durch den Krieg, zu prekär die Versorgungslage. Nur wer Wohnung und Arbeit nachweisen konnte, durfte in eine der Besatzungszonen einreisen.

Ab September 1945 wurden die deutschen Flüchtlinge von der dänischen Flüchtlingsverwaltung in ehemaligen Militäreinrichtungen der Wehrmacht untergebracht. Die schiere Menge von 250.000 zivilen Flüchtlingen und ca. 100.000 verwundeten Soldaten machte dies notwendig. Insgesamt acht Flüchtlingslager gab es in ganz Dänemark. Mit 35.000 Flüchtlingen war das Lager Oksbøl das größte.

Deutsche und Dänen sollten nicht fraternisieren, doch …

Die Versorgung der Flüchtlinge wurde durch Unterbringung in Lagern vereinfacht. Verglichen mit vielen Orten in Nachkriegsdeutschland war die tägliche Kalorienration für die Lagerbewohner höher. Die Deutschen bauten ein – bei allen Entbehrungen – weitgehend autonomes Lagerleben auf. Es gab Schulunterricht, handwerkliche Betätigungen, Gottesdienste, Theaterspiel.

Auf der anderen Seite war es auch das Ziel der dänischen Flüchtlingsverwaltung, dass die Deutschen Dänemark wieder verließen, und dass Deutsche und Dänen sich nicht fraternisierten. Die Flüchtlinge durften deshalb die Lager im Allgemeinen nicht verlassen. Sie wurden isoliert und die Lager bewacht. Für die Dänen gab es Kontaktsperren mit den Deutschen. Entnazifizierung und Demokratieerziehung wurden im Schulunterricht und in Unterricht für Jugendliche und Erwachsene umgesetzt.

Facettenreich sind die Erzählungen von Flüchtlingen, ob von Zeitzeugen oder aus der Überlieferung. Genauso wie von Anfeindungen gegenüber Deutschen berichtet wird, die schließlich den Besatzer und Feind darstellten, sind auch positive Begebenheiten und Akte der Menschlichkeit überliefert – wie dass Kinder unter dem Drahtzaun durchkrabbeln durften, um Blumen für ihre Mütter zu pflücken. Auch vereinzelte heimliche Liebesbeziehungen zwischen Dänen und Deutschen hat es gegeben. Diese Diversität soll in der künftigen Ausstellung abgebildet werden.

Lernen für die Zukunft

Jensen betonte, dass die Geschichte der deutschen Flüchtlinge in Dänemark für die Gegenwart gerade seit 2015 und auch für die Zukunft viele Erfahrungen bereithält, aus denen es zu lernen gilt. Deshalb werde im Museum nicht nur die Vergangenheit thematisiert, sondern es sei auch das Ziel, die internationale Dimension aufzuzeigen und Geflüchteten heute und von überall ein Gesicht zu geben. Die Eröffnung des Museums ist 2021 geplant.

 

Das Modell des zukünftigen Dänischen Flüchtlingsmuseums. Es wird im früheren Lagerkrankenhaus eingerichtet; beide Gebäude werden mit einem geschwungenen Eingang verbunden. (Foto: Vardemuseerne)

Angelika Müller