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Eine Misserfolgs-Geschichte
Neuerliche Grabsuche in Stalingrad ohne Ergebnis
23. Juli 2019

Häufig berichtet der Volksbund über die Erfolge, die der Umbettungsdienst bei der Suche nach Kriegstoten erzielt. Doch das ist leider nicht immer so. Bei der jüngsten Probegrabung in Stalingrad (heute: Wolgograd) traten trotz anfänglich großer Hoffnung leider nur leere Gräber zu Tage. Wir wollen dennoch darüber berichten, um zu zeigen, wie schwer diese Aufgabe ist, die der Volksbund im Namen seiner zahlreichen Unterstützer bis heute leistet.

Die Ausgangslage war vielversprechend: Auf einem im September 1942 entstandenen Foto (unser Titelbild) aus Stalingrad sieht man neben einem schönen Springbrunnen, der im Reigen tanzende Kinder abbildet, im Hintergrund ein paar Wehrmachtsgräber. Das machte Denis Deryabkin neugierig. Er ist der Leiter des Volksbund-Umbettungsdienstes in Russland. So machte er sich ans Werk.

Gerade solche markanten Punkte wie der Springbrunnen mit den spielenden Kindern bleiben den Leuten häufig in Erinnerung, werden fotografiert oder anderweitig in Briefen und sogar Büchern für die Nachwelt festgehalten. Für die Umbetter des Volksbundes sind diese spezifischen Ortsangaben in Kombination mit zeitgenössischen Fotos wichtige Hinweise – und häufig genug der Ausgangspunkt für eine erfolgreiche Suche. So war es für Deryabkin und sein Team nicht schwer herauszufinden, dass dieser besondere Springbrunnen zu einer Klinik (Foto unten) gehörte, die auch heute noch existiert, während der Springbrunnen mittlerweile abgetragen wurde. Anhand des vorhandenen Fotos konnte nun die genaue Stelle vor Ort lokalisiert werden, an der sich einst die Grabkreuze der Wehrmacht befunden hatten.

 

Die Suche begann. Dazu wurden auch die Volksbund-internen Datenbanken genutzt, in der zahlreiche Informationen zu Kriegstoten, möglichen Grablagen, Angehörigen, altes Kartenmaterial und vieles mehr zu finden ist. Dabei wurde auch ein konkreter Hinweis auf fünf Gräber entdeckt, die sich genau an dieser Stelle befinden sollen. Um dies zu überprüfen verschafften sich die Umbetter über so genannte Probesondierungen erste Gewissheit. Dabei wird an der vermuteten Grabstelle ein Graben (Foto unten) in die Oberfläche gezogen und dann an einzelnen Stellen noch weiter in die Tiefe gegraben. Zumeist stößt man dann schnell auf die ersten Fundstücke sowie die Knochen der Kriegstoten.

 

Doch diesmal war es anders. Sowohl der Sondierungsgraben als auch die tieferen Grabungen ergaben zahlreiche Hinweise auf insgesamt zehn frühere Grabausschachtungen, also doppelt so viele wie zunächst angenommen. Menschliche oder auch militärische Überreste wurden aber leider nicht gefunden. „Vermutlich“, sagt Denis Deryabkin, „wurden die Gräber aufgrund der Nähe zur angrenzenden Entbindungsstation des Krankenhauses wahrscheinlich schon kurz nach Kriegsende von sowjetischer Seite irgendwohin umgebettet.“ Da es darüber aber keine Nachweise gibt, sind diese Kriegstote nun wohl nicht zu bergen oder gar zu identifizieren.

Das Leben geht weiter – die Suche nach Kriegstoten auch

So etwas ist auch für die erfahrenen Umbetter des Volksbundes immer sehr enttäuschend. Alles scheint vergebens, die ganze Recherche- und Sucharbeit bleibt in diesem Fall ohne das allseits erhoffte Ergebnis. Aber es hilft nicht, davon zu sehr enttäuscht zu sein. Das Leben geht weiter, die Suche nach den Toten auch. Morgen schon kann der Volksbund wieder andere Kriegstote aus der Vergessenheit heben, ihnen ihre Namen zurückgeben und deren Angehörigen sowie allen anderen Menschen einen Ort der Trauer schaffen.

Darauf zu hoffen, ist immer das Beste, was man tun kann. „Dennoch wollte ich über dieses Beispiel mitteilen, dass unsere Arbeit nicht immer erfolgreich ist. Wir als Umbettungsdienst nutzen dabei wenigstens die letzte Chance, die Gräber doch noch zu finden. Und wir haben sie auch gefunden – aber leider leer“, sagt Denis Deryabkin, bevor er sich wieder auf die Suche macht.

Denis Deryabkin und Maurice Bonkat

Maurice Bonkat
Redakteur
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