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Erinnerung an die Opfer der Wehrmachtsjustiz
Eröffnung der Ausstellung „Was damals Recht war … – Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht“ in Remscheid
20. September 2019
  • Düsseldorf

Remscheid. Die Gedenk- und Bildungsstätte Pferdestall war bis auf den letzten Platz besetzt, als die Ausstellung „Was damals Recht war… – Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht“ am 6. September eröffnet wurde. Der Remscheider Verein „Gedenk und Bildungsstätte Pferdestall“ arbeitete über ein Jahr darauf hin, diese Ausstellung in dem noch jungen Erinnerungsort zeigen zu können. Als Erweiterung recherchierte der Verein Biografien von Remscheider Wehrmachtsjustizopfern, die nun die Ausstellung der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas ergänzen. Dass sich die Arbeit gelohnt hat, zeigt die vollbesetzte Eröffnungsfeier. Bis März 2020 ist die Ausstellung noch in Remscheid zu sehen.

Zur Eröffnung stellten die Redner die Bedeutung des Ausstellungsthemas für unsere Gegenwart in den Mittelpunkt. Als Landesvorsitzender des Volksbundes in NRW ging Thomas Kutschaty (s. Foto) von den Kriegsgräbern aus: Wehrmachtsjustizopfer gelten als Opfer von Krieg und Gewalt und sind demnach Kriegstote, deren Gräber nicht entfernt werden dürfen. Er verwies auf ihre Lebensgeschichten, die zeigen, wie schwer und fast schon unmöglich eine Unterscheidung zwischen „Opfer“ und „Täter“ sein kann. Doch ungeachtet der individuellen Schicksale trugen die drastischen Urteile der Wehrmachtsjustiz dazu bei, im Nachkriegsdeutschland das Recht auf Leben im Artikel 102 unseres Grundgesetzes zu verankern. Auch Oberbürgermeister Mast-Weisz stellte in seiner Ansprache unsere heutigen Grundrechte in den Mittelpunkt. Er berichtete von seinen Erfahrungen, als er den Kriegsdienst verweigerte. Auch wenn das bis vor wenigen Jahren sowohl organisatorisch als auch gesellschaftlich ein langwieriger Prozess war, ist dieses Grundrecht eine deutliche Abgrenzung vom Nationalsozialismus. Wie schwierig der Umgang mit den Opfern der Wehrmachtsjustiz jedoch lange war, machte Dr. Baumann, der Kurator der Ausstellung, deutlich.

Die Ausstellung „Was damals Recht war… Soldaten und Zivilisten vor den Gerichten der Wehrmacht“ wurde von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Kooperation mit der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz e. V. entwickelt. Sie informiert über Unrecht und Willkür der NS-Militärjustiz und dient der gesellschaftlichen Verankerung der erst zwischen 2002 und 2009 erfolgten rechtlichen Rehabilitierung ihrer Opfer.

Im Zentrum der Präsentation stehen Fallgeschichten, bei denen es nicht nur um Personen geht, die als Deserteure abgeurteilt wurden, sondern auch um sogenannte "Wehrkraftzersetzer" und "Volksschädlinge". Darüber hinaus werden Biografien von Angehörigen des Widerstandes in besetzten europäischen Ländern dargestellt. Insgesamt wurden mindestens 22.000 Menschen hingerichtet, unzählige andere starben in Lagern oder in Strafeinheiten. Die Fallgeschichten werden in Überblicksdarstellungen zur Geschichte der deutschen Militärjustiz zwischen 1871 bis 1939 eingebettet. Zum Schluss nimmt die Ausstellung die Ausgrenzung und Nichtachtung überlebender Justizopfer in den deutschen Nachkriegsstaaten in den Blick.

Dass diese Ausstellung in Remscheid gezeigt wird, ist der Initiative des Vereins Gedenk- und Bildungsstätte Pferdestall e.V. zu verdanken; die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, der Landesverband NRW im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. und die Stiftung Gedenken und Frieden unterstützen das Projekt.

Der Verein Gedenk- und Bildungsstätte Pferdestall Remscheid wurde 2018 auf Initiative von Schülerinnen und Schülern der Geschichts-AG des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums in Remscheid gegründet. Ziel ist, in Remscheid einen Gedenkort für die Opfer des Nationalsozialismus zu schaffen. Zu den Gründungsmitgliedern gehören neben der Schule und der AG u.a. die Stadt Remscheid, die jüdische Kultusgemeinde Wuppertal, die katholische und evangelische Kirche und der Bergische Geschichtsverein. Seit der Gründung im vergangen Jahr hat sich die Mitgliederzahl mehr als verdoppelt; aktuell hat der Verein 65 Mitglieder.


Text: Regionalgeschäftsstelle Rheinland
Fotos: Regionalgeschäftsstelle Rheinland/Klaus Blumberg