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Es geht mir um die Kameraden
Nikolaus Ostermeier (91) dankt dem Volksbund
30. April 2019

Menschen wie Nikolaus Ostermeier gehören einer besonderen Generation an, die es so wohl nie wieder geben wird. Der 91-Jährige hat einen sehr langen Lebensweg hinter sich, der geprägt war von Fleiß, großem Engagement für Familie und Gesellschaft – sowie den Schrecken des Krieges. Darüber berichtet der Oberbayer aus der Region Pfaffenhofen bei seinem Besuch in der Volksbund-Bundesgeschäftsstelle. Dort erzählt er auch, warum er sich seit weit über einem halben Jahrhundert für den Volksbund engagiert.

Nikolaus Ostermeier stammt aus dem kleinen Örtchen Gundamsried unweit von Pfaffenhofen, das zugleich sein berufliches wie lokalpolitisches Zuhause war. Dort beginnt er auch seine Reise zur Bundesgeschäftsstelle Kassel. Es ist nicht das erste Mal, dass er sich den nur umständlich zu bewerkstelligenden Besuch beim Volksbund zu seinem Ehrentag wünschte. Immerhin sind es fast 500 Kilometer bis in die nordhessische Metropole. Zudem geht es über die viel befahrenen Autobahnen 7 und 9, das Ganze dann auch noch in den verkehrstechnischen Nachwehen der Osterfeiertage. Das bedeutet stockenden Verkehr, Stau und eine erkleckliche Verspätung.

Geburtstagsbesuch beim Volksbund

 

Nikolaus Ostermeier, den gute Freunde gerne auch „Niko“ nennen, ficht das nicht an. Schließlich ist er in guter Begleitung. An seiner Seite schmücken zwei hübsche Blondinen den flotten Cabrio, den er sich für diesen Ausflug von seinem Schwiegersohn geborgt hat. Bei den beiden Frauen handelt es sich um seine Tochter Gabi und die 23-jährige Enkeltochter Christina Blumhofer am Steuer. So wird die gesamte Fahrt selbst zu einem Geschenk, welches er sich exakt so gewünscht und nun auch bekommen hat. Das Schönste daran ist die gemeinsam verbrachte Zeit – und dass er nicht allein ist, wenn er sich wieder einmal auf Spurensuche in die Vergangenheit begibt.

Denn dies ist der eigentliche Grund für die Fahrt nach Kassel: die Suche nach alten Kameraden, nach den bis heute vermisst Gebliebenen und auch den Toten und dem Wissen um ihre Gräber, deren Pflege sowie die Erinnerung an all diese Menschen, die bis heute Bestandteil seines Denkens sind.

Nikolaus Ostermeier hat nichts und niemanden vergessen. Das hört sich gut an im Sinne einer lebendigen Erinnerung. Es könnte aber auch als Zeichen für die schweren Seelennöte und die daraus folgende Traumatisierung in der Zeit des Zweiten Weltkrieges verstanden werden. Vermutlich ist es beides, die daraus folgende Konsequenz ist für den 91-Jährigen aber ohnehin dieselbe: „Ich engagiere mich schon seit Jahrzehnten für den Volksbund. Das ist mir sehr wichtig. Mir geht es dabei um die Erinnerung an all die lieben Kameraden, die diesen Krieg nicht überlebt haben. In Gedanken sind sie immer noch bei mir. Ich möchte einfach dazu beitragen, dass sie nicht vergessen werden. Dabei leistet der Volksbund großartige Arbeit“, sagt Nikolaus Ostermeier.

Bewegender Zeitzeuge

Diese Worte richtet er an Silvia Börger von der individuellen Spenderbetreuung des Volksbundes und den Stiftungsreferenten Dr. Dirk Richhardt, die dabei etwas sprachlos bleiben, weil eigentlich sie es sein sollten, die sich umgekehrt beim 91-Jährigen bedanken wollten. Gründe dafür sind zahlreich: Seit 63 Jahren ist er nun schon Mitglied beim Volksbund. Er sammelt Spendengelder ein, gewinnt neue Mitglieder, trat in Schulen schon mehrmals als bewegender Zeitzeuge auf, initiierte zahlreiche Grabschmuckaufträge, ist Stifter und Spender hoher Summen an den Volksbund. Selbst auf Geschenke anlässlich seines Ehrentages hat er schon mehrmals zugunsten der Volksbund-Arbeit verzichtet. Das alles ist wirklich beeindruckend, nur eben nicht für Nikolaus Ostermeier. Es ist Teil seiner selbst und auch Ausdruck des Verlustes, den er erlitten hat.

Wenn man den 91-Jährigen nach den Menschen fragt, für die er dieses Licht der Erinnerung entzündet, folgt eine lange Liste für ihn vertrauter Namen: Da ist zunächst der große Bruder Johann, genannt „Hans“, der sein Leben im fernen Leningrad (heute: St. Petersburg) verlor, die Kriegskameraden Georg Windele, Alois Weiher, Martin Neumayer, Martin Haller und viele mehr. Dazu kommen die alten Schulkameraden, die Jungs aus dem Dorf und viele andere, die im Zuge des Zweiten Weltkrieges und auch danach noch die endlosen Todes- und Vermisstenanzeigen füllten. Viele dieser Menschen hat der Volksbund-Umbettungsdienst inzwischen geborgen, wieder andere, die wohl nie mehr gefunden oder geborgen werden können, sind auf Gedenktafeln auf deutschen Kriegsgräberstätten im Ausland verewigt.

Leben geht weiter

Das ist, wofür Niko sich einsetzt. Es geht um Erinnerung an liebe Menschen und darum, dass es nie wieder dazu kommen darf, meint der heute 91-Jährige, der schon mit 14 Jahren notgedrungen als Totengräber aushelfen musste und als Siebzehnjähriger beinahe an einer Granatsplitterverletzung gestorben wäre. Im Gegensatz zu vielen anderen, hat er es dennoch geschafft. Das war nicht zu erwarten. Ostermeier hat all die niederschmetternden Ereignisse wie viele Angehörige seiner Generation – Frauen und Männer, ja sogar schon Kinder – zum Anlass genommen, sich umso mehr ins Leben zu stürzen und selbst dafür zu sorgen, dass es irgendwann einmal wieder besser würde.

Es gelang. Und das war das eigentliche gesellschaftliche Wunder, das ganz konkret aus den Trümmern neue Hoffnung keimen ließ. Dass all jene Deutschen, die durch Krieg und Gewaltherrschaft so viel erlitten und verloren hatten, es geschafft haben, das fast vollständig zerstörte Land wie auch die Gesellschaft wieder so aufzubauen, dass wir heute wieder im Stande sind, Millionen anderer auf der ganzen Welt zu helfen, ist wohl einmalig in der gesamten Menschheitsgeschichte. Dies so zu sehen ist auch nicht pathetisch, sondern wahr, eine gelebte Tatsache – und Nikolaus Ostermeiers Lebensweg ist nur eines der herausragenden von zahlreichen weiteren Beispielen dafür.

Seine Arbeit begann schon früh als Bub auf dem elterlichen Hopfenhof, den er später als Nebenerwerbsbauer bis in unsere Tage bewahrte. Ostermeier war zudem Gemeindeschreiber, Bürgermeister, und stand in allen kirchlichen Diensten, vom Ministranten über Mesner hin zum Organisten und in der Verwaltung. Auch sonst war er in jedem Ortsverein vertreten, der Feuerwehr und natürlich dem Veteranenverband aktiv und stets ein gern gesehener sowie hoch geehrter Gast. Auch beim Volksbund erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, die er stolz an seinem Revers trägt. Nur dass der Platz dort langsam eng wird.

 

Das alles weiß auch die Familie, die seit jenen Tagen gediehen und gewachsen ist. Heute freut sich Niko über vier Kinder, neun Enkel und sechs Urenkel, der jüngste gerade ein Jahr alt. Zwei von ihnen sind heute bei ihm. So kann er sich auf der langen und doch sehr anstrengenden Rückfahrt ein wenig zurücklehnen, während Gabi und Christina für den sicheren Transfer in die Heimat sorgen; dass sich das Navi bei der Abfahrt besonders Zeit lässt, den „Zielort Heimatadresse“ zu finden, muss kein schlechtes Zeichen sein – eher im Gegenteil.

Vielleicht heißt es, dass der 91-jährige sich eigentlich noch gar nicht vom Volksbund lösen möchte. Womöglich heißt es aber auch, dass er bald wiederkommt. Niko Ostermeier sieht es dagegen eher praktisch: Für ihn ist es ein Zeichen, dass er das nächste Mal besser die Bahn nimmt.

Auch das wäre schön. Und wenn er seinen Besuch beim Volksbund in Kassel als Geschenk betrachtet, so können wir das Ganze guten Herzens spiegeln und sagen: Auch wir sehen Ihren Besuch, Ihr beeindruckendes Engagement als großes Geschenk an, über das wir uns ebenso freuen, wie Sie es tun.

Herzlichen Dank für alles, lieber Niko Ostermeier und Familie!

Maurice Bonkat

Maurice Bonkat
Redakteur
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