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Es gibt keinen Fluchtweg aus der Verantwortung der Geschichte
Podiumsdiskussion im Berliner Haus Würth
08. November 2018

Das Würth Haus in Berlin, Schwanenwerder bot am Abend des 6. November einen schönen Rahmen für die Diskussionsveranstaltung: Das Gestern nicht vergessen, um das Morgen zu gestalten“. Welche Rolle spielen Erinnerung und Identität?

Im Pressegespräch vorab betonte Wolfgang Schneiderhan, Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.; die Notwendigkeit, die sich aus der deutschen Geschichte ergebende Verantwortung anzunehmen. „Die Geschichte ist nur dann eine gute Lehrerin, wenn wir auch gute Schüler sind.“ Und er forderte mehr Mut in Zeiten des wachsenden Populismus: „Als Demokraten müssen wir für die Demokratie kämpfen. Das kann die Demokratie nicht alleine.“

Carmen Würth (Foto oben) wünschte konkretes Engagement, um die Erinnerung wachzuhalten und schlug vor, junge und alte Menschen zum Austausch über die Geschichte zusammenzubringen.

„Diese 12 Jahre waren kein Fliegenschiss!“

Prof. Dr. h.c. mult. Reinhold Würth erlebte als Zehnjähriger das Ende des Zweiten Weltkrieges. Er beobachtete, dass die Erinnerung im gesellschaftlichen Bewusstsein schwindet.

„Wir können die Zukunft nicht gestalten, wenn wir die Vergangenheit nicht kennen“ sagte er in seiner Begrüßung der über hundert Gäste im Saal. Er erzählte, wie er Studierenden in seinen Seminaren immer gesagt habe: „Ihr jungen Leute müsstet jeden Morgen fünf Minuten auf der Matratze hüpfen, so glücklich müsstet ihr sein, in Frieden zu leben!“ Und wieder ernster wurde Würth (Foto unten), als er sich in die Richtung der Geschichtsrelativierer wandte: „Diese 12 Jahre waren kein Fliegenschiss!“

 

In zwei Gesprächsrunden diskutierten anschließend Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kultur über Erinnerung versus Innovation und Erinnerung als Grundlage für kollektive Identität. Manfred Kurz vom Würth Haus führte in das erste Gespräch  ein: „Wir haben die Pflicht, den Toten zuzuhören“.

Ist es nach 100 Jahren nicht langsam gut mit der Erinnerung?

Moderator Heinrich Beil, stellv. Vorsitzender der Deutschen Nationalstiftung, fragte Brigitte Zypries, ehemalige Justiz- und Wirtschaftsministerin und Kuratoriumsmitglied der Deutschen Nationalstiftung: „Wie können wir Erinnerung lebendig halten?“ „Bildung, Bildung, Bildung!“ so Frau Zypries (Foto unten mit Daniela Schily). Sie verwies aber auch auf die Pflicht des Staates, Anlässe zu schaffen, um jungen Menschen zu zeigen, wie wichtig es ist, aus der Erinnerung zu lernen.

 

Welche Auswirkungen Gedenken und Erinnern auf unternehmerisches Handeln haben, thematisierte der Unternehmer Heinrich Deichmann, der ebenfalls dem Kuratorium der Nationalstiftung angehört. Ein Unternehmen benötige einen Anker aus Werten und Normen, so Deichmann. Das Leitbild führe dazu, dass sich Menschen mit der Firma identifizieren könnten.

Auch Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan betonte: „Wir haben keinen Fluchtweg aus der Verantwortung vor dem Hintergrund unserer Geschichte.“ Angesichts der populistischen Bewegungen in Europa fragte Beil weiter: „Wehren sich die Demokraten denn richtig? „Mir geht es um die Rechtzeitigkeit – bevor sich kleine und große Diktatoren wieder breit machen“, so Schneiderhan. Und: „Hier ist noch Raum!

Einheit in Vielfalt – wie kann man in Europa eine Einheit entwickeln?

Das war das Thema der zweiten Gesprächsrunde, die Daniela Schily, Generalsekretärin des Volksbundes moderierte.

Carmen Würth, die neben ihrem Engagement in der Würth eigenen Stiftung auch als Kuratoriumsmitglied die Volksbund Stiftung „Gedenken und Frieden“ unterstützt, beantwortete die Frage positiv: „Wenn man will, schon.“ Sie betonte den Schatz der vielen unterschiedlichen Kulturen in Europa und forderte auf, auch wieder das Positive in den Blick zu nehmen: „Ich muss immer wieder über Deutschland staunen… wie viele Jugendliche sich engagieren, auf die Straße gehen, sich für Flüchtlinge einsetzen und so Haltung zeigen.“

Nicht wo man herkommt, sondern wo man hin will, ist wichtig

Der Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir, der mit 18 Jahre die deutsche Staatsbürgerschaft annahm, sagte über seine Identität: „Ich bin Deutscher mit türkischen Wurzeln. Aus der türkischen Staatsbürgerschaft bin ich entlassen. Ich bin diesem Deutschland verbunden – das so ein großartiges Grundgesetz hat. (…) und zu manchen Personen im Parlament möchte ich mal sagen: Hier in diesem Land kommt es nicht darauf an, wo man herkommt, sondern wo man hin will.“

Auf die Frage nach der spezifischen deutschen Erinnerungskultur antwortete Özdemir: „Ein Land kann daran reifen, sich den dunklen Flecken zu stellen.“ Und wie Integration funktionieren kann, erklärte er mit schwäbischem Zungenschlag: „Durch Arbeit, durch Sprache, durch Kultur und die Anerkennung der Werte des Grundgesetzes!“

 

Wie kann eine europäische Erinnerungskultur funktionieren?

Clara Mokry von Pulse of Europe verwies auf das Haus der europäischen Geschichte in Brüssel, in dem europäische Geschichte aufgearbeitet werde. Verliert man die deutsche Erinnerung, wenn man europäisch erinnert? Was bedeutet das alles für Europa? Können wir alle, auch die armen und kleinen Ländern mitnehmen? hakte Daniela Schily nach. „Ja, das können wir“, so Carmen Würth, „wir müssen nur Herz und Hirn öffnen.“

Wolfgang Wieland, Volksbund-Vizepräsident beschloss den Diskussionsteil der Veranstaltung mit einer Zusammenfassung der wichtigsten Statements.

Der anschließende Empfang bot die Möglichkeit zum Weiterdiskutieren und bildete den Abschluss eines gelungenen Abends.

Die Veranstaltung bildete den Auftakt einer Reihe, die zum Ziel hat, ein öffentliches Bewusstsein für die Notwendigkeit der Erinnerung auch an die beiden Weltkriege zu stärken und die Erfahrungen und Erkenntnisse der Vergangenheit für die Zukunft zu nutzen. Auch wenn die deutsche Geschichte natürlich aus mehr denn vier Jahren Erster Weltkrieg oder zwölf Jahren Nationalsozialismus besteht, sind es ja die beiden Weltkriege, die Europa und Deutschland in den Grundfesten erschüttert haben und mit deren Folgen wir uns heute noch beschäftigen müssen.

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, als ein Träger der Erinnerungskultur in Deutschland, die Deutsche Nationalstiftung vor 25 Jahren von Helmut Schmidt gegründet, um Grundfragen der deutschen Nation und ihrer Einbettung in Europa zu thematisieren, und Pulse of Europe, eine breite Bürgerbewegung, die sich für den Erhalt der europäischen Integration einsetzt, hat dazu eine Partnerschaft vereinbart und lädt Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ein, „Flagge“ zeigen gegen Populismus, rechte Hetze und Versuche, die deutsche Geschichte umzuschreiben, anstatt aus der Verantwortung eine friedliche Zukunft zu generieren.

Diane Tempel-Bornett
Pressesprecherin
+49 (0) 561-7009-139