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„Europa ist im Aufwind"
Interview mit Prof. Hermann Heußner, Mitglied der Europa-Union
31. Mai 2019

Sie teilen gemeinsame Ideen und Werte, sie feiern auch zusammen: Die Europa-Union ist ein wichtiger Partner des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge und unterstützt diesen bei der „Woche der Begegnung“ vom 16.-23. Juni in Kassel. Zum Abschluss der Feierlichkeiten werden die Partner einen Heißluftballon mit Schriftzügen von Volksbund und Europa-Union taufen. Der Start des Ballons ist für Sonntag, 19 Uhr, auf dem Friedrichsplatz in Kassel geplant.

Der Volksbund sprach mit dem Vorsitzenden des Kreisverbandes Kassel, Professor Hermann Heußner, über sein politisches und persönliches Engagement. Professor Heußner, seit mehr als fünf Jahren Mitglied der Europa-Union, lehrt und forscht an der Hochschule Osnabrück. Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt sind Öffentliches Recht und Recht der Sozialen Arbeit.

 

Professor Heußner, die Europa Union bezeichnet sich als die größte Bürgerinitiative für Europa in Deutschland. Unabhängig von Parteizugehörigkeit, Alter und Beruf sind 17 000 Mitglieder auf lokaler, regionaler, nationaler und europäischer Ebene aktiv. Wie sind Sie zur Europa-Union gekommen?

Ich bin Jahrgang 1960 und seit jeher ein begeisterter Europäer. Schon mein Vater, er war Jahrgang 1926 , hat für ein einiges Europa gestritten. Die Europabewegung war damals ein Massenphänomen, das Eintreten für ein gemeinsames Europa vergleichbar mit einer riesigen Bürgerinitiative. Dank Europa leben wir seit 70 Jahren in Frieden. Das ist eine der längsten, wenn nicht die längste Friedensperiode nach dem Ende des Römischen Reiches. Der nachwachsenden Generation ist das oft nicht mehr bewusst.

Und welches war der konkrete Anlass für Ihr Engagement?

Das war die Griechenland-Krise vor fünf Jahren. Auf dem Gipfel der Krise dachte ich, dass etwas geschehen muss. Dass man sich für die europäische Idee einsetzen sollte. Ich habe mich bei der Europa-Union in Kassel engagiert, mittlerweile sind wir auf 190 Mitglieder angewachsen.

Braucht die Europäische Union denn eine Europa-Union?

Europa hat unter anderem ein Imageproblem. Das liegt auch daran, dass es immer noch ein Elitenprojekt ist. Wir versuchen aufzuzeigen, welche praktischen Vorteile Europa für jeden Einzelnen hat, nehmen sie nur die Fortschritte im Arbeitnehmerschutz. Oder im Verbraucherschutz

Sie meinen, dass wir nun den Krümmungsgrad der Gurke geregelt haben? 

Nein, dieses Beispiel wird leider oft missbraucht. Erstens gibt es diese Verordnung längst nicht mehr. Und zweitens hat sich das kein abgedrehter EU-Beamter in Brüssel ausgedacht, sondern es waren Gemüsehändler und Agrarminister der Mitgliedsstaaten. Sie wollten den Transport der Gurken vereinheitlichen, beschleunigen und damit effizienter und kostengünstiger machen.

Die Europa-Union hat eine mehr als 70-jährige Geschichte. Wie lauten Ihre aktuellen Themen?

Für die älteren Mitglieder ist es immer noch der Frieden. Zu Recht. Jüngere können aufgrund der langen Friedensperiode oft nicht einschätzen, was passieren kann, wenn wir uns aus EU und NATO zurückziehen würden. Wir sehen schon heute, dass neue Bündnisse etwa mit Russland oder China entstehen. Deshalb müssen wir wachsam sein, dass die Gespenster von 1914 und 1933 nicht wieder auftauchen. Das Mahnen für den Frieden eint uns mit dem Volksbund.

Was bedeutet das konkret?

Wer Frieden schaffen will, muss auch Menschenrechte und Demokratie schützen. Und kommt nicht umhin – der Krieg auf dem Balkan, aber auch die Geschehnisse im in Afghanistan beweisen es – bisweilen die Waffe in die Hand nehmen. Man muss in einem Land so lange helfen, bis aus Demokratiefeinden Demokraten geworden sind. Das zeigt das Beispiel der Alliierten in Deutschland: Aus Nazianhängern wurden Demokraten.

Sie haben drei Söhne. Kommen die Botschaften bei der Jugend an?

Daran müssen wir arbeiten! Wir brauchen in Europa einen neuen Schub. Darum haben wir hier in Kassel die 1. Europäische. Bürgerbegegnung im November 2018 initiiert. Es waren Leute aus vielen Ländern in Kassel, in 21 Workshops haben wir an vier Tagen an einem „Europa von unten“ gearbeitet. Künftig soll diese Begegnung alle zwei Jahre stattfinden, der nächste Termin ist der 17.-20 September 2020.

Ist das nur Arbeit? Oder auch ein Fest?

Beides. Unser Vorbild ist der Hessentag, der einst von Georg-August Zinn ins Leben gerufen wurde, um die Menschen aus den unterschiedlichen Teilen des damals neuen Hessens zusammenzuführen: Insbesondere Kurhessen-Waldeck, Hessen-Darmstadt und die vielen Heimatvertriebenen.  So etwas wie der Hessentag fehlt uns in Europa – unser „größenwahnsinniges“ Ziel ist:In jedem Jahr ein viertägiger „Tag der Europäerinnen und Europäer“. Aber wir müssen auch die Städtepartnerschaft neu beleben.

Vor den Wahlen zum Europäischen Parlament hatte das Thema Europa Konjunktur. Erfahrungsgemäß sinkt das Interesse anschließend wieder.

Keine Frage, das Thema muss verstetigt werden. Wir müssen auch zwei große Gefahren aufzeigen, die nur durch ein gemeinsames europäisches Projekt angegangen werden können: Das ist der Klimawandel mit allen seinen gravierenden Folgen. Und es ist China. Das Land macht riesige Fortschritte und wird regiert von einer kommunistisch-leninistischen Partei, die massenhaft Terror anwendet und Weltdominanz anstrebt. Die völkisch-populistische Regierung Italiens ist ihnen schon auf den Leim gegangen. Es hilft nichts: Hier müssen die freiheitlichen Kräfte Europas und des Westens viel besser zusammenarbeiten.

Sinngemäß sagten Sie jüngst, es sei ein Skandal, dass 17-Jährige nicht wählen dürfen

Für die Europawahlen gibt es weder im Europarecht noch im Grundgesetz ein Wahlmindestalter. Den Ausschluss zumindest der 17-Jährigen ist deshalb verfassungswidrig. Es gibt keinen zwingenden Grund, einen 17-Jährigen von der Wahl auszuschließen. Das Wahlrecht ist ein Menschenrecht. Außerdem haben jüngere Jahrgänge viel länger als wir Älteren mit den Auswirkungen der Europapolitik etwa auf den Frieden oder das Klima zu tun.

Sie unterstützen als Vorsitzender der Europa Union Kassel die Arbeit der Kriegsgräberfürsorge. Warum?

Der Volksbund macht eine tolle Friedensarbeit. Und zusammen engagieren wir uns jetzt für eine starke Europaarbeit – und damit für den Frieden.

Sie lassen einen Heißluftballon gemeinsam mit dem Volksbund aufsteigen:  Europa ist also im Aufwind?

Auf jeden Fall!

 
Interview: Harald John