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Gebeinfund an der Villa von Günther Jauch
Interview mit Volksbund-Umbetter Kozlowski über den Fund von Potsdam
05. Dezember 2019

Diane Tempel-Bornett  (DT) fragte Joachim Kozlowski (JK), der als Umbetter im Inland aktiv ist, nach den Ereignissen in Potsdam.

DT: Herr Kozlowski, die Berliner Presse hat sich mit großem Interesse dem „Toten in Jauchs Vorgarten“ gewidmet. Sie waren schnell involviert, nachdem vermutet wurde, dass der Tote ein russischer Soldat sein könnte. Können Sie erzählen, wie sich alles zugetragen hat?

JK: I bekam einen Anruf vom Kriminaldauerdienst (KDD) in Potsdam, dass in der Mangerstr. 34 Gebeine gefunden wurden. Nach Einschätzung der Polizei vor Ort wurden sie als Gebeine eines Kriegstoten aus dem II. Weltkrieg erkannt. Ich war gerade in Frankfurt/Oder, aber bin dann im Anschluss an den Auftrag direkt nach Potsdam gefahren. Auf dem Weg erhielt ich einen Anruf vom KDD, dass sie alle Gebeine  mitnehmen und sicherstellen wollten – wegen der vielen Presse vor Ort. Das hat mich natürlich gewundert. Warum ist da so viel Presse? Die Antwort war: Das ist die Villa von Günther Jauch. Daraufhin bin ich direkt zum KDD in Potsdam gefahren und wurde dort  - wie es so schön heißt - in die Fundsituation eingewiesen. Wo genau hat man den Toten gefunden, in welcher Lage… Danach habe ich die sterblichen Überreste und Beifunde übernommen. Anschließend bin ich  zum Auffindeort, zur Villa Kellermann gefahren, um mir den Fundort anzusehen. Dort habe ich erfahren, dass die Gebeine nur 30 – 40 cm tief lagen und mir die Stelle zeigen lassen, wo sie genau gefunden wurden. Die Gebeine transportierte ich zu unserem temporären Gebeinhaus an der Kriegsgräberstätte Lietzen. Als ich gerade angekommen war, rief der Kriminaldauerdienst an, dass die Staatsanwaltschaft eine Sektionsanregung erwirkt hat. Möglicherweise auch wegen des großen Medieninteresses. Deshalb habe ich die Gebeine zu einer Untersuchung in das Institut für Rechtsmedizin nach Potsdam gebracht. Dort soll ein osteologisches Gutachten durchgeführt werden. Den Untersuchungsbericht erhält die Staatsanwaltschaft.

DT: Können Sie sagen, was dem Soldaten zugestoßen ist? An was er genau gestorben ist?

JK: Der Schädel war unversehrt, kein Einschuss oder so etwas. Aber von dem Skelett fehlen so viele wichtige Knochen, ein Großteil der Wirbelkörper und diverse Rippen – das kann man so nicht sagen.

DT: Wieso waren Sie sicher, dass es sich um einen Rotarmisten handelt?

JK: Der Zahnstatus – an den Zähnen kann man sehen, was die Leute gegessen haben und die Kauflächen der Backenzähne weisen auf osteuropäische Ernährung hin. Auch die Beifunde waren ziemlich eindeutig, russische Infanteriemunition und Patronentaschen, die dazu passten. Außerdem lag noch ein Blatt mit kyrillischen Buchstaben dabei – vermutlich eine Zeitungsseite.

DT: Glauben Sie, dass da noch mehr Gebeine liegen?

JK: Da muss ich spekulieren. Es ist nicht auszuschließen. Wir haben im Volksbund die Möglichkeit, das mit einem geologischen Bodenradar zu überprüfen. Je nachdem, was die Behörden und natürlich auch die Eigentümer wünschen, sollten wir das Bodenradar einsetzen, um auszuschließen, dass noch mehr Gebeine dort liegen.

DT: Was geschieht nun mit den Gebeinen?

JK: Wir arbeiten gut mit den russischen Behörden zusammen. Wenn die Untersuchungsergebnisse vorliegen und eindeutig bewiesen ist, dass es sich um einen einstigen Sowjetsoldaten handelt, erstelle ich eine Umbettungsdokumentation und die leite ich dann auch an das Büro für Gedenkarbeit und Kriegsgräberangelegenheiten in der Russischen Föderation in der Botschaft weiter.

Wenn die Gebeine von der Staatsanwaltschaft freigegeben sind, werden wir ihn im Frühjahr auf der Kriegsgräberstätte in Lebus einbetten, gemeinsam mit den sterblichen Überresten von rund hundert anderen Soldaten, die in unserem temporären Gebeinhaus bei Lietzen liegen. Sie werden dann ihre letzte Ruhe dort finden.  

DT: Eigentlich ist der Volksbund für die Kriegstoten im Ausland zuständig. Wie kommt es, dass doch so viele Soldaten hier gefunden und umgebettet werden?

JK: Der Kampf um Berlin am Ende des Zweiten Weltkrieges forderte unzählige Opfer, Soldaten und Zivilisten. Jeder Tote hat das Recht auf ein Grab. Die Soldaten sind einen öffentlichen Tod gestorben, meistens einen sehr grausamen Tod. Das Mindeste, was man für sie tun kann, ist ihnen wenigstens noch ein würdiges Grab zu geben. Wir finden jährlich alleine in Brandenburg über 200 Tote, in diesem Jahr fast 300. Und – die wenigsten Menschen wollen einen Toten im Vorgarten haben.

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