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Gedenken an die Opfer in Ostpreußen und der Ostsee
Vor 75 Jahren starben Tausende beim Untergang der „Gustloff“ und in Palmnicken
30. Januar 2020

2020 gedenken wir des Endes des Zweiten Weltkrieges vor 75 Jahren. Am heutigen Donnerstag jährt sich eine der größten Schiffskatastrophen des Zweiten Weltkrieges zum 75. Mal.

Am Abend des 30. Januar 1945 wurde das Kriegsschiff "Wilhelm Gustloff" mit tausenden von flüchtenden Zivilisten und Soldaten vor der Küste Pommerns durch ein sowjetisches U-Boot versenkt. Ursprünglich wurde es als Kreuzfahrtschiff für die NS-Organisation "Kraft durch Freude" (KdF) gebaut und nach dem zum Märtyrer verklärten Nationalsozialisten der ersten Stunde Wilhelm Gustloff benannt. Die "Gustloff" wurde jedoch von Anfang an nicht bloß für touristische Angebote, sondern auch gezielt für die NS-Propaganda eingesetzt. Sie diente dann im Zweiten Weltkrieg als Lazarettschiff, Truppentransporter und Wohnschiff der Kriegsmarine und zuletzt bei der Evakuierung von Zivilisten und Soldaten aus Ostpreußen.

Auch die "Steuben" wurde torpediert

Nachdem Gauleiter Erich Koch Ostpreußen zunächst zur Festung erklärt hatte und eine frühzeitige Evakuierung der Bevölkerung unterband, kam es Anfang 1945 zur überstürzten Flucht aus der nun vom Reichsgebiet abgeschnittenen Region. Die riskante Fahrt über die Ostsee blieb für viele als letzte Fluchtroute. In den Hafenorten kam es auf den überfüllten Anlegern bei eisigen Temperaturen zu schrecklichen Szenen. Die "Gustloff" hatte mehr als 10.000 Menschen, darunter viele Flüchtlinge und Kinder sowie Verwundete und Wehrmachtssoldaten an Bord. Ein sowjetisches U-Boot torpedierte die "Gustloff". Nur 1.252 Menschen konnten gerettet werden. Neben der "Wilhelm Gustloff" wurden auch das Passagierschiff "Steuben" und der Frachter "Goya" durch sowjetische Torpedos versenkt. Von den 4.100 Menschen an Bord der "Steuben" wurden nur etwa 660 Menschen gerettet. Bei der Versenkung der "Goya", die ebenfalls Flüchtlinge aus Ostpreußen in Sicherheit bringen sollte, kamen mehr als 7.000 Menschen ums Leben.

Verdrängtes Massaker

Sie waren nicht die Einzigen, die im eisigen Januar 1945 ihr Leben in der Ostsee verloren. Über die tragischen Schicksale der Flüchtlinge aus Ostpreußen wurde viel berichtet. Eine andere Tragödie ist dagegen wenig bekannt. Denn derweil litten KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter im weitverzweigten Lagersystem im letzten Kriegswinter unter härtesten Bedingungen, den Bombardierungen im Zuge der näher gerückten Front waren sie schutzlos ausgesetzt. Wer bis dahin überlebt hatte, wurde umgebracht oder auf Todesmärsche geschickt.

In Palmnicken, einem kleinen Küstenort nördlich der Frischen Nehrung, fielen rund 5.000 Menschen einem Massaker zum Opfer, an das bis heute selten erinnert wird. Nach Beginn der sowjetischen Offensive in Ostpreußen am 12. Januar 1945 begannen die Nazis, die Konzentrationslager zu räumen. Aus den Nebenlagern des KZ Stutthof, die um Königsberg, dem heutigen Kaliningrad lagen, wurden rund 5.000 Häftlinge, meist Jüdinnen aus Osteuropa in Richtung Ostseeküste getrieben. Viele von ihnen starben schon auf dem Weg, wurden erschossen oder erschlagen. Rund 3.000 Häftlinge, vorwiegend Frauen und Kinder schafften es nach Palmnicken. Sie sollten nach dem Willen der Nazis lebendig im Stollen eines Bernsteinbergwerks eingemauert werden. Der Bergwerksdirektor weigerte sich, ebenso der Kommandeur des Palmnicker Volkssturms. Die SS trieb daraufhin die Häftlinge auf das zugefrorene Meer. Die allermeisten starben im Maschinengewehrfeuer oder ertranken in der eisigen Ostsee. Nur wenige Menschen überlebten das Massaker.

Die "Gustloff bleibt im Gedächtnis

Als der Bundestag am 1. Juni 1995 an das Unglück erinnerte, sprach Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) in einer Regierungserklärung über Flucht und Vertreibung während des Zweiten Weltkriegs. Dabei erwähnte er ausdrücklich das Schicksal der "Wilhelm Gustloff": "Am nachdrücklichsten hat sich aber wohl die Versenkung der ,Wilhelm Gustloff' in das Gedächtnis eingebrannt. 5.000 Flüchtlinge sind damals in der Ostsee ertrunken, darunter 3.000 Kinder.

" 75 Jahre nach dem Untergang der damaligen Flüchtlingsschiffe will ein Team von Tauchern aus Bielefeld und Paderborn eine Expedition zu der Untergangsstelle unternehmen. Unter dem Motto "Erinnerungen, die niemals untergehen", wollen die Taucher über den Untergangsstellen Kränze ablegen und eine Gedenkfeier mit Überlebenden abhalten.

Gedenkreise des Volksbundes

Auch der Volksbund wird im 75. Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges durch eine Gedenkreise auf See mit zahlreichen Angehörigen der Opfer der Gustloff und aller weiteren Opfer von Flucht und Vertreibung gedenken. Ohne dabei Ursache und Wirkung zu verwechseln, wollen wir mit dieser Veranstaltung und den damit verbundenen Begegnungen ein Zeichen für Frieden und Versöhnung setzen.

Diane Tempel-Bornett / Harald John