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Gedenkveranstaltung auf dem Essener Terrassenfriedhof
Erinnern an die knapp 1.700 in Essen-Schönebeck bestatteten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter_Innen
15. Mai 2019
  • Düsseldorf

Essen-Schönebeck. Am 9. Mai fand auf dem Terrassenfriedhof in Essen-Schönebeck eine Gedenkveranstaltung statt. An diesem Tag erfolgte 1945 die deutsche Kapitulation in Berlin-Karlshorst gegenüber der sowjetischen Seite, weshalb dieser Tag seitdem in der Sowjetunion und nun in Russland als Tag des Sieges über den Faschismus gefeiert wird. Zugleich wird an diesem Tag aber auch der ca. 27 Millionen Sowjetbürger gedacht, die dem nationalsozialistischen Vernichtungskrieg zum Opfer fielen. Zur Veranstaltung geladen hatte der Verein Rhein-Ruhr-Russland e. V., der die Gedenkveranstaltung zusammen mit der Russisch-orthodoxen Gemeinde in Essen ausrichtete. Zu den geladenen Gästen gehörte auch eine Vertreterin des Generalkonsulats der Russischen Föderation aus Bonn. Für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. nahmen an der Gedenkveranstaltung die Bildungsreferentin Jana Moers und der Referent der Geschäftsleitung Dr. Dario Vidojković teil.

Gedacht wurde der ca. 1.700 meist jungen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie der Kriegsgefangenen, die auf dem Terrassenfriedhof bestattet sind. An deren hartes und unmenschliche Schicksal erinnerten viele der anwesenden Redner, so Dr. Martin Schneider und Dr. Ljubov Jakovleva-Schneider für den Rhein-Ruhr-Russland-Verein. Schülerinnen des Städtischen Mädchen-Gymnasiums Essen-Borbeck trugen auf Deutsch und Russisch Gedichte vor. Eine Vertreterin der Jüdischen Gemeinde berichtete von ihren Kriegserlebnissen. Weiter waren Vertreter des Kulturhistorischen Vereins Essen-Borbeck, des Vereins Deutsch-Russischer Begegnung und von Grün und Gruga anwesend. Die Vertreterin des russischen Generalkonsulats legte für die Russische Föderation ein Blumengebinde nieder. Der Erzpriester der Russisch-orthodoxen Gemeinde in Essen Vater Viktor Alekseev hielt einen Gedenkgottesdienst ab und erklärte in seiner bewegenden Predigt, dass die Verstorbenen, solange man ihrer gedenkt, nicht sterben. Nach dem Gedenken legten zahlreiche Teilnehmende Blumen auf den Gräbern nieder und zusammen mit Dr. Martin Schneider pflanzte Vater Viktor Alekseev ein kleines Tannenbäumchen als Zeichen der Hoffnung. Von der Hoffnung auf Frieden und Versöhnung sprach auch Jana Moers vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und verwies auf den mahnenden Charakter solcher Gräberstätten. Zugleich betonte sie die Selbstverpflichtung des Volksbundes, sich für Versöhnung über den Gräbern und für die Arbeit für den Frieden einzusetzen.

Die Mehrheit der auf dem Terrassenfriedhof bestatteten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie der Kriegsgefangenen stammten aus der ehemaligen Sowjetunion, aus Russland, der Ukraine und Weißrussland, neben Zwangsarbeitern aus anderen Ländern wie Jugoslawien. Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges wurden bis zu 12 Millionen Menschen, die meisten davon aus Ost- und Südosteuropa, von den Nationalsozialisten zur Zwangsarbeit in Deutschland deportiert. Diese Menschen mussten die Lücken in Rüstungsbetrieben und in der Landwirtschaft, die durch die eingezogenen und gefallenen deutschen Männer entstanden sind, auffüllen. Unter den auf dem Terrassenfriedhof bestatteten Zwangsarbeitern waren viele jünger als 18 Jahre alt. Die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter mussten sehr oft unter widrigsten Umständen leben und arbeiten. Das betraf vor allem die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Ost- und Südosteuropa, welche in der nationalsozialistischen Anschauung als „rassisch minderwertig“ und folglich als „Untermenschen“ grausam behandelt wurden. Sie waren in speziellen Lagern untergebracht, in denen sie unzureichend verpflegt wurden und in mangelhaften hygienischen Zuständen leben mussten. Ebenfalls waren sie Repressalien und verschiedenen Schikanen ausgesetzt, nicht wenige starben an Entkräftung, Krankheiten, kamen während alliierter Bombenangriffe ums Leben oder wurden von ihren deutschen Aufpassern willkürlich ermordet.

Dr. Dario Vidojković

Alle weiteren Fotos: Dr. Dario Vidojković/Volksbund