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„Nie wieder Krieg!“
Gedenkveranstaltungen am Vortag des Volkstrauertages
16. November 2019

Wuchtige Steinquader, die übergroße steinerne Frauenstatue, die um ihren gefallenen Sohn trauert, dahinter ein 33,50 Meter hoher Obelisk aus Syenit. Die Architektur des Sowjetischen Ehrenmals auf der Schönholzer Heide ist respekteinflößend. Auf dieser Anlage im Berliner Norden, auf dem rund 13.200 Rotarmisten ruhen, gedenken traditionell am Vortag des Volkstrauertages der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und Vertreter der Botschaften der sowjetischen Nachfolgestaaten der zivilen und militärischen Opfer der Sowjetunion.

Ist solch eine Gedenkveranstaltung noch zeitgemäß oder nur mehr ein erstarrtes Ritual? Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan begann seine Rede vor Vertretern der Politik, der Bundeswehr und verschiedener gesellschaftlicher Gruppen mit einer kleinen Provokation. Aber diese Frage nach der Ritualisierung, so der Präsident des Volksbundes weiter, könne man „klar beantworten“. Schließlich sei man gekommen, um die Toten zu betrauern, aber auch, um in die Zukunft zu blicken. „Unsere Pflicht ist es, durch Bildung dafür zu sorgen, dass es keine neuen Soldatenfriedhöfe mehr gibt“, so Schneiderhan.

Mit Blick auf den Angriff des nationalsozialistischen Deutschlands auf die Sowjetunion, der erst zur Niederlage und später zur deutschen Teilung geführt habe, forderte Schneiderhan: „Wir haben einen Konsens: Nie wieder Krieg!“ Wer also Kriege verhindern wolle, müsse dafür sorgen, dass die Spirale der Propaganda gar nicht erst beginne. Dazu gehöre es auch, den „Hetzern und Schwätzern, die die Leistungen der deutschen Soldaten überhöhen, mutig und entschlossen entgegentreten“.

Der Botschafter der Russischen Föderation in Deutschland, Sergej J. Netschajew, sagte in der Gedenkansprache mit Blick auf die Gedenkstätte, an deren Mauern 100 Bronzetafeln mit Namen, Dienstgraden und Geburtsjahren von einem Fünftel der Opfer, die identifiziert werden konnten, angebracht sind: „Hier ist die Erinnerung an unsere gemeinsame Geschichte besonders lebendig.“

Es grenze fast an ein Wunder, dass „wir heute als Freunde hier stehen“. Der 66-jährige Diplomat lobte, dass das wiedervereinigte Deutschland sich seiner historischen Verantwortung stelle. Besonders der Volksbund, der den Wandel der deutschen Erinnerungskultur aktiv gestalte, spiele dabei eine zentrale Rolle. „Gedenken bedeutet einen ehrlichen Umgang mit der Geschichte“, sagte Netschajew und wandte sich gegen den Versuch, die „globale Katastrophe“ des Weltkrieges auf die „Konfrontation zweier totalitärer Systeme“ zu reduzieren.

Seine Forderung: „Bringen Sie Ihre Kinder und Enkelkinder hierher und sagen Sie ihnen, wofür dieses Ehrenmal steht.“ Und mit Blick auf seinen Vorredner Wolfgang Schneiderhan versprach er: „Diesen Weg der Versöhnung wollen wir gemeinsam weitergehen.“

Anschließend ertönte das Totensignal. Ein Trompeter der Bundeswehr intonierte den „guten Kameraden“. Das Lied vom guten Kameraden spielt im Trauerzeremoniell der deutschen Bundeswehr eine große Rolle. Es ist Bestandteil eines Begräbnisses mit militärischen Ehren und jeder militärischen Trauerfeier.

 

„Der Schoß ist fruchtbar noch…“

Gedenkstunde in Plötzensee und Erinnerung an die Opfer des nationalsozialistischen Regimes

Die Gedenkveranstaltung in Plötzensee mittags um 12 Uhr hat einen ganz besonderen Charakter, sie wird vom Jugendarbeitskreis des Volksbundes Berlin organisiert und gestaltet, meist mit Liedern und Gedichtvorträgen. Die ehemalige NS-Haftanstalt Plötzensee steht stellvertretend für Orte, in denen während dieser Zeit Willkür und Unrecht ausgeübt wurden. Nach Unrechtsurteilen wurden hier von 1933 bis 1945 über 2.891 Menschen aus zwanzig verschiedenen Nationen enthauptet oder erhängt. Heute ist Plötzensee ein Ort des stillen Gedenkens an die Opfer von des Widerstandes gegen das nationalsozialistische Terrorregime.

Dr. Fritz Felgentreu, MdB und Landesvorsitzender des Volksbundes in Berlin begrüßte die Anwesenden. „Wir gedenken hier der Opfer der NS-Diktatur, wo hier aus dieser Stadt der der Zweite Weltkrieg in die Welt getragen wurde. Nun zeigt der Nationalismus überall in der Welt wieder sein hässliches Gesicht.“ Felgentreu warnte mit den Worten von Bertolt Brechts Arturo Ui, „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem es kroch.“

Sophie Rothe, Vorsitzende des Jugendarbeitskreises Berlin, forderte ein mutiges Einstehen für die demokratische Gesellschaft. „Auch heute werden wir diese Forderung „Nie wieder“ alle teilen. Doch wie kann eine Gesellschaft, wie kann ein Staat verhindern, dass derartiges nochmal passiert?“ (…) Jeder Einzelne hat die Pflicht das zu tun, was richtig ist. Wir alle verfügen über einen moralischen Kompass, der uns leitet, der uns zeigt, wie wir uns im Umgang mit unseren Mitmenschen bewegen sollten. Es liegt in unseren Händen, aufzustehen und aktiv zu werden (…) Wir leben in einer Zeit, in der das jüdische Leben in Deutschland wieder zum Ziel von Übergriffen und bewaffneten Angriffen wird wie zuletzt in Halle geschehen… Wir leben in einer Zeit, in der wir uns nicht mehr erlauben können, unbeteiligt zu sein.“

Bei der Gedenkveranstaltung in Plötzensee waren auch die Botschaften von Pakistan, Jamaika, Mauritius und Nigeria vertreten. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Gedenkstunde waren überraschend jung. Sie sind beteiligt an der deutsch-polnischen Jugendbegegnung, die der Landesverband Berlin seit mehreren Jahren stets im November anbietet. Inhalte sind die deutsch-polnische Geschichte ebenso wie Formen des Gedenkens an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft.

Auch die Gewinner des deutsch-französischen Comicwettbewerbs waren dabei sowie die Schülerinnen und Schüler des Gerhart-Hauptmann- Gymnasium aus Berlin-Friedrichshagen mit ihrer  polnischen Partnerschule, der Sienkiewicz-Oberschule aus Kołobrzeg und außerdem Schülerinnen und Schüler des Nikolaus-Kopernikus-Lyzeums. Die Zusammenarbeit zwischen dem Landesverband Berlin und den Schulen in Kolobrzeg besteht nun schon seit zehn Jahren.

Zwei Schüler trugen gemeinsam ein Gedicht des polnischen Dichters Krysztof Kamil Baczynski, der 1944 während des Aufstands im Warschauer Ghetto erschossen wurde, auf Deutsch und Polnisch vor:

„Sie trennten dich von Träumen, Sohn, die wie ein Falter zittern,

sie malten eine Landschaft dir aus Bränden und Gewittern,

sie strickten feuchte Augen dir, mein Sohn, die rotverbluten,

und säumten mit Gehängten dir den Fluss der grünen Fluten.

Sie prägten dir die Heimat ein, mein Sohn, mit toten Schritten,

das Eisen deiner Tränen hat sich Wege ausgeschnitten,

Sie zogen dich im Dunkel groß mit Angst, die alle aßen,

und du gingst blind die unwürdigste aller Menschenstraßen.

 

Die Sängerin Lisa Illner und die Musiker Ikui Masubuchi und Wolfgang Pfau interpretierten Lieder und Musikstücke unter anderem von Ennio Morricone und des emigrierten Komponisten Werner Richard Heymann vor. Das Totengedenken wurde in deutscher und polnischer Sprache vorgetragen. Abschließend wurden Blumen und Kränze niedergelegt.

Harald John / Diane Tempel-Bornett