Pressemitteilung
Geschichte darf nicht verschleiert werden
Eine Antwort auf den Artikel im Tagesspiegel vom 24.5. Linke will Grabpflege für Kriegsverbrecher stoppen
12. Juni 2019

Wenn man es liest, klingt es erstmal ungeheuerlich: Die Pflege von Gräbern von Kriegsverbrechern werden mit Steuergeldern unterstützt. Deshalb ist es wichtig, sich diesem Thema von den rechtlichen Grundlagen her zu nähern. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge pflegt im Auftrag der Bundesregierung über 800 Kriegsgräberstätten in ganz Europa und einige auch in Übersee.

Die zweite Rechtsgrundlage ist das Völkerrecht: Kriegstote haben dauerndes Ruherecht. Das stellt uns in Deutschland vor besondere Herausforderungen. Es ist nicht selbstverständlich, dass ausgerechnet diejenigen, die als Besatzer und teilweise auch Kriegsverbrecher während des Angriff- und Vernichtungskrieges des nationalsozialistischen Deutschlands andere Länder überfielen, nun dort auf Friedhöfen beigesetzt werden. Im Gegenteil, es ist eine sehr große Versöhnungsgeste der ehemaligen Kriegsgegner, dass sie dies den Deutschen ermöglichen. Der Volksbund, der in Deutschland den staatlichen Auftrag zur Suche nach Kriegstoten, zur Errichtung und Pflege ihrer Gräber übernommen hat, ist sich dessen bewusst.

Die Geschichte des Volksbundes ist selbst eng verknüpft mit der deutschen und der europäischen Geschichte – auch mit dem finstersten Kapiteln. Dies spiegeln daher auch viele deutsche Kriegsgräberstätten wieder, die damals mit pompöser Architektur und heroisierenden Gedenkinschriften eingerichtet wurden.

Aber die Kriegsgräberstätten und auch ihre Aufgabe haben sich verändert: Sie sind von Orten der individuellen Trauer zu Orten der Mahnung und des Lernens geworden. Letzteres ist ein Bildungsauftrag des Volksbundes. Wir sorgen auf unseren Kriegsgräberstätten dafür, dass die Verantwortung Deutschlands und auch einzelner Toter nicht verschwiegen, sondern benannt werden. Wir gehen auf die Biographien der Toten ein und wollen Friedhöfe zu Orten der Auseinandersetzung mit und der Verantwortung für Vergangenheit und Zukunft machen. Gerade die Tatsache, dass hier häufig einfache Soldaten neben Kriegsverbrechern, Zivilisten neben Internierten, Täter neben Opfern liegen – und dass manche auch beides waren – macht die komplexe und grausame Dimension dieses Krieges deutlich.

Wir wissen, dass ca. 10 % der Toten, die auf Kriegsgräberstätten bestattet sind, SS-Einheiten angehören. Was wissen wir über sie und über die anderen 90 %? Vieles erfahren wir nur im Einzelfall. 10 % der Toten aus SS-Verbänden generell von den Kriegsgräberstätten zu entfernen, ist neben der technischen Machbarkeit nach 75 Jahren auch inhaltlich schwer zu begründen. Unser Weg ist es daher, über ihre und andere Biographien zu berichten und ein Bewusstsein für die Folgen von überzogenem Nationalismus, von Krieg und Gewalt zu schaffen.

Diane Tempel-Bornett
Pressesprecherin
+49 (0) 561-7009-139