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Grablage bei Metz vermutlich von 1870
Gebeine von fünf Toten aus dem deutsch-französischen Krieg exhumiert
30. Juni 2020

Bei Waldarbeiten hatte ein Bauer am Ufer eines kleinen Flüsschens südlich von Aubigny bei Metz offene liegende Knochen gefunden und die französischen Behörden informiert. Vermutlich handelt es sich um Tote aus dem deutsch-französischen Krieg, womöglich von einer Schlacht im August 1870. Das haben die Untersuchungen eines internationalen Experten-Teams unter Volksbund-Beteiligung ergeben.

Nachdem festgestellt worden war, dass es sich vermutlich um deutsche Kriegstote handelt, kamen die auf französischer Seite unter anderem für Schlachtfeldarchäologie zuständige DRAC und die seit langem mit dem Volksbund zusammen arbeitende Veteranenorganisation ONAC überein, den Gebeinfund gemeinsam mit ihren deutschen Kollegen vom Volksbund zu sichten und zu bergen.

Da der einzige noch in Frankreich tätige, voll ausgebildete Umbetter des Volksbundes (Eric Goese) inzwischen als Hauptaufgabe die Leitung eines Pflegebezirks übernommen hat, jedes Jahr aber immer wieder deutsche Kriegstote des Ersten und Zweiten Weltkrieges zu bergen sind, war seit längerem in Planung, eine zweite Kraft in Frankreich so auszubilden, dass zukünftige Umbettungen ohne Verzögerungen vorgenommen werden können. Im Rahmen der Reisebeschränkungen aufgrund des Corona-Virus‘ bot es sich an, für die Ausbildung einen Mitarbeiter aus dem Umbettungsdienst heranzuziehen, der derzeit nicht in seinem Einsatzgebiet Georgien arbeiten kann.

Archäologische Ausgrabung

Die unter fachlicher Leitung der zuständigen DRAC, zusammen mit ONAC und Volksbund vorzunehmende Ausbettung bot sich hierzu als Lehrstück einer wohlgemerkt archäologischen Grabung an: Es waren zunächst nur einzelne, durch Ausspülungen auf halber Höhe der Uferböschung freigelegte Knochen sichtbar. In einem ca. 100 cm-Quadrat oberhalb der sichtbaren Grablage wurde Schicht für Schicht der Boden abgetragen. Mit Spatel und Pinsel wurden die, so wurde es schnell klar, nunmehr exakt 150 Jahre dort liegenden Gebeine, nach und nach freigelegt. Dabei fanden sich immer mehr und mehr Knochen und Metallgegenstände an. Der Einsatz von Metallsuchgeräten wurde vor jeder abzutragenden Schicht vorgenommen und auch der Aushub wurde nochmal mit einem Detektor durchsucht.

Am Abend des ersten Tages waren die teilweise unvollständigen Gebeine von drei verschiedenen Toten freigelegt. Die Fundstellen von Grabbeifunden wurden sichtbar markiert, die Fundstücke selbst zunächst am Ort belassen. Hierunter grünlich korrodierte Knöpfe (Durchmesser 24 mm) , teilweise mit Doppelöse, dunkelblaue Stoffreste unter Schulterklappenknöpfen im äußeren Schlüsselbeinbereich, eine grobgliedrige und stark verrostete Eisenkette im Brust-/Bauchbereich, diverse Metallhaken und ein nicht abgefeuertes Geschoss aus Blei. Ein längliches Metallstück wurde zunächst als Überrest eines Bajonetts gedeutet, ist aber vermutlich jüngeren Ursprungs. Vor Einbruch der Dunkelheit wurde die Grablage gegen evtl. Regen gesichert und die Arbeit eingestellt.

Nachtwache an der Fundstelle

Ein Mitarbeiter des Volksbundes verblieb zur Nachtwache am offenen Grab und betrieb erste Recherchen anhand von mitgeführtem Kartenmaterial und Fachliteratur. So konnte noch am Abend ermittelt werden, dass das Geschoss ein so genanntes „preußisches Langblei“ M/42 ist und die Knöpfe preußischer Herkunft. Die ebenfalls vom Volksbund mitgeführten Unterlagen zur Schlacht von Colombey (14.August 1870) lassen Rückschlüsse auf die seinerzeit an der betreffenden Stelle eingesetzten Regimenter und damit deren Heimatregion, wahrscheinlich Westfalen, zu. Eventuell stammen die Toten jedoch von einem anderen Gefecht in dieser Region am 31. August 1870 oder sind vielleicht auch umgekommene Kriegsgefangene. Hierzu sind weitere Recherchen notwendig.

Die Einsamkeit der Nachtwache wurde durch plötzliches Knistern und Knacken im Unterholz jäh unterbrochen. Doch es war kein ungebetener Besuch oder eine der Kühe von der benachbarten Weide, sondern einer der französischen Kollegen vom Tage, der seinen deutschen Compagnon wohl nicht so alleine im Wald lassen wollte. Der anschließende Austausch von Erinnerungen an die jeweils eigene Militärzeit und die Fragen um Krieg und Frieden damals und heute - im Angesicht der 150 Jahre vergessenen Knochen von fünf jungen Männern - wie auch die Dankbarkeit, dass Franzosen und Deutsche diese Arbeit hier gemeinsam tun, verkürzte die Nacht spürbar.

Am anderen Morgen mussten die Mitarbeiter des Volksbundes, die Grabungsstelle in den guten Händen der DRAC und ONAC wissend, den Einsatzort wechseln, um eine größere Grablage des Ersten Weltkrieges zu sondieren. Die Kollegen der DRAC und der ONAC setzten die Arbeit fort und legten bis zum Abend die Gebeine von zwei weiteren Gefallenen frei, dokumentierten ausführlich die Fundsituation und bargen die Toten.

Das Ziel ist jetzt, die weiteren Untersuchungen so gründlich wie möglich vorzunehmen und so zügig wie möglich abzuschließen, um die Gefallenen, möglichst im August, ihrem mutmaßlichen Todesmonat vor 150 Jahren, würdig beizusetzen. Ob dies im Rahmen der Gedenkveranstaltungen an die Gefallenen des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 möglich sein wird, ist derzeit noch offen.

Ein würdiges Grab nach 150 Jahren

Eine Identifizierung scheint derzeit nicht möglich, da keine entsprechenden Hinweise, wie Ringe oder die in diesem Krieg erstmals umfassend verwendeten Erkennungsmarken, geborgen werden konnten. Auch konnte bisher in den Akten und der Literatur kein konkreter Hinweis auf eine wie hier vorgefundene Grablage ermittelt werden. Diversen Hinweisen, als Reaktion auf die ersten Berichte in den sozialen Medien, wird derzeit nachgegangen. Diese Hinweise, gerade in Bezug auf heute schon zeitlich so weit entfernte Begebenheiten, sind für den Volksbund oft eine wirkliche Hilfe: Lassen sie den Volksbund an dem Spezialwissen Einzelner teilhaben und ermöglichen uns so noch bessere Arbeitsergebnisse. Ob eine eventuelle DNA-Analyse zusätzliche Erkenntnisse bringen kann, wird derzeit beraten – in jedem Fall bekommen fünf junge Männer, das wiesen die Knochen aus, nun ein würdiges Grab, nach 150 Jahren.