Nachricht
"Er ist immer noch da!"
Mutter trauert um ihren in Afghanistan gefallenen Sohn
21. Januar 2019

Es gibt Menschen, die einen Großteil ihrer Lebensenergie in den Dienst von anderen stellen, zum Beispiel die Soldaten der Bundeswehr. Wenn es darauf ankommt, stehen sie an deiner Seite, bieten Schutz und Zuspruch. Einer dieser „Schutzengel“ war auch Martin Augustinyak. Der junge Zeitsoldat gab in Afghanistan beim so genannten Karfreitagsgefecht im Jahr 2010 sein Leben für das seiner Kameraden – und sogar für unser aller Freiheit? Zurück blieb seine Familie, die fortan alles versucht, den Tod ihres einzigen Sohnes zu verarbeiten. Seine Mutter Uschi Wolf möchte vor allem, dass er in Erinnerung bleibt – und erhält dabei tatkräftige Unterstützung von einem Volksbund-Ehrenamtlichen.

Es ist Karfreitag, der 2. April 2010, als das schwerste Gefecht deutscher Soldaten seit dem Zweiten Weltkrieg stattfindet. Ausgerechnet Karfreitag. Zu der Bundeswehr-Patrouille im Raum Kunduz gehört auch der Hauptgefreite Martin Augustyniak. Als er gemeinsam mit seinen Kameraden den Ort Isa Kehl erreicht, erwartet ihn ein von den Taliban geplanter Hinterhalt und ein Inferno bricht los.

Das Geschehen ist gut dokumentiert. Beide Seiten werden später ihre schockierenden Videoaufnahmen ins Netz stellen. Am Ende des Tages haben die Bundeswehr-Soldaten 25000 Schuss abgefeuert, die Gegenseite nicht weniger. Während des Gefechtes wird Martin Augustyniak beim Versuch, einen Kameraden aus der Schusslinie zu ziehen, selbst von einer Kugel am Helm getroffen, bleibt aber nahezu unverletzt. „Heute ist mein Glückstag!“, soll Martin danach gesagt haben. So berichten es die überlebenden Kameraden.

Als sie es endlich geschafft haben, sich aus der akuten Gefahrenzone zu lösen und mit ihrem Dingo den Rückzug anzutreten, werden sie das Opfer einer Sprengfalle. In dem attackierten Fahrzeug sitzt auch Martin Augustyniak. Der 28-Jährige stirbt an diesem Tag gemeinsam mit seinen Kameraden Hauptfeldwebel Nils Bruns (35 Jahre), und dem Stabsgefreiten Robert Hartert (25). Postum erhalten sie das Ehrenkreuz der Bundeswehr für Tapferkeit.

Es ist eine wahre Geschichte. Doch es scheint, als wäre sie aus der Zeit gefallen. Unsere heutige Gesellschaft kennt so genannte Helden eigentlich nur aus der Sport- oder Musikwelt. Doch der Krieg in Afghanistan ist sehr real, während seine Begründung bis heute für viele Menschen im Vagen bleibt. Es heißt, dass dort am etwa 5.000 Kilometer entfernten Hindukusch unsere Freiheit verteidigt und zugleich der Kampf gegen den internationalen Terrorismus geführt wird. Andere, wie der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler, räumten dagegen ein, dass dort auch wirtschaftliche Interessen verteidigt werden – und mussten dafür ihren Hut nehmen, beziehungsweise freiwillig zurücktreten.

Ein Krieg, der keiner sein durfte

Die Debatte um die inzwischen recht zahlreichen Auslandseinsätze der Bundeswehr und deren Toten ist bis heute ein heißes Eisen, ein Tabuthema, obwohl allein der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr bereits ins 16. Jahr geht. Dabei dauerte es fast ein ganzes Jahrzehnt, bis die bundesdeutsche Politik im Zusammenhang mit dem Afghanistan-Einsatz das Wort „Krieg“ erstmals in den Mund nahm.

Zu diesem Zeitpunkt lagen die ersten Bundeswehr-Soldaten, die beim Entschärfen einer Flugabwehrrakete ums Leben gekommen waren, bereits über acht Jahre unter der Erde. Insgesamt wurden 54 Soldaten Opfer dieses Kriegs, der zunächst unter allen Umständen nicht als Krieg bezeichnet werden durfte. Einer dieser Männer war Martin Augustyniak.

„Es hat sich einfach richtig angefühlt, als Herr Guttenberg in seiner Trauerrede von Krieg gesprochen hat“, sagt Martins Mutter Uschi Wolf heute. „Vorher“, so erinnert sich die 61-jährige Bielefelderin, „wurde ich sogar einmal von einer Mitarbeiterin des Verteidigungsministeriums zurechtgewiesen, als ich das Wort gefallen benutzt hatte.“ Das ginge doch nicht, sagte die Dame, weil dort schließlich auch kein Krieg sei.

Auch diese schmerzliche Begegnung hat sie seither nicht vergessen können. In jenen Tagen entsprach sie aber dem Zeitgeist, der einfach nicht einsehen wollte, was nicht sein durfte: Deutschland befand sich nach dem Zweiten Weltkrieg erstmals wieder in einem richtigen Krieg. Doch man schwieg darüber. Wenigstens hatte man für ein anständiges Grab gesorgt.

 

Doch der Mangel an Ehrlichkeit wirkt sich bisweilen auf die gesamte Gesellschaft aus und trifft vor allem die Angehörigen der Gefallenen, die man lieber nicht so nennen möchte. Das wiederum führt dazu, dass auch viele Menschen zu den aktuellen Kriegsgeschehen und vor allem deren menschlichen Opfer keinen Zugang haben. Als Uschi Wolf am Tag nach der offiziellen Trauerfeier wieder zu ihrem Arbeitsplatz an der örtlichen Schule zurückkehrte, sprach sie eines der Schulkinder an, warum sie heute so traurig sei. Sie antwortete, dass ihr Sohn in Afghanistan gefallen sei. „Und – hat er sich sehr weh getan“, fragte dann das Kind voller Mitgefühl.

Über diesen Vorfall kann Uschi Wolf heute lächeln. Vielleicht ist es aber auch nur ihre Form von Tapferkeit, ihre Art mit einem Schicksalsschlag umzugehen, der die meisten Angehörigen ebenso an den Abgrund führt wie ihre entrissenen Kinder. Martins Bilder, seine Orden und viele weitere Andenken an sein Leben umgeben sie, wenn sie mit ihrem Ehemann Lothar am Esstisch sitzt und für ihre Gäste Kaffee einschenkt.

Dabei schweift ihr Blick immer wieder nach oben, hin zu der Stelle, an der Martins Foto hängt. Es zeigt ihn in der Ausgehuniform der Bundeswehr, ein Bär von einem Mann mit blauen Augen und kräftigem Vollbart. Man sieht ihm förmlich an, dass er sich der Bedeutung seines Berufes bewusst war und diesen Dienst voller Stolz erfüllte.

Dabei hatte Martin zunächst ganz andere Pläne verfolgt, wollte Sozialpädagoge werden und studierte bereits in Hannover. „Doch dann kam es anders“, erinnert sich seine Mutter: „Ich weiß noch, wie er eines Tages vorbei schaute, sich aufs Sofa setzte, verschmitzt lächelte und sich gleichzeitig nervös über den Kopf fuhr, weil er mir etwas Wichtiges mitteilen wollte. Aber da wusste ich es eigentlich schon und freute mich, denn er wollte mir beichten, dass er Papa und ich Oma werde. Diesen glücklichen Tag werde ich nie vergessen!“

Er ist immer noch da

 

Sein Sohn wurde auf den Namen Remo getauft. „Er ist wirklich etwas ganz Besonderes“, sagt Uschi Wolf, „und er möchte gerne so sein wie sein Vater, dem er tatsächlich in vielen Dingen ganz ähnlich ist.“ Dann schaut sie wieder auf das Foto ihres in Afghanistan getöteten Sohnes und meint: „Irgendwie ist Martin immer noch Teil meines Lebens. Er ist immer noch da. Und wenn ich sein Bild betrachte, dann wirkt es so, als ob er jeden Tag ein bisschen anders schaut.“

Mit der Trauer um ein getötetes Kind umzugehen, gehört wohl zu den größten Seelennöten, die es im Leben geben kann. Dabei erhielt Frau Wolf trotz der schwierigen politischen Hintergrunddiskussion auch seitens der Bundeswehr große Unterstützung. „Dafür bin ich sehr dankbar. Und gerade in den vergangenen Jahren hat die Bundeswehr nach anfänglichen Problemen immer größeren Wert auf die Betreuung der Angehörigen von Kriegstoten gelegt“, sagt die Bielefelderin.

Tatsächlich gibt es beim Bundesverteidigungsministerium, dem BMVg, seit Juli 2010 die so genannte Ansprechstelle für Hinterbliebene (AfH). Deren Betreuung gilt speziell den Hinterbliebenen, deren Angehörige im Dienst der Bundeswehr zu Tode gekommen sind. Sie bietet eine individuelle Betreuung für die Familie, Hilfe bei rechtlichen Fragen und begleitet die Angehörigen auch zu Terminen und Gedenkveranstaltungen wie etwa dem Volkstrauertag im Deutschen Bundestag. Selbst ein Besuch am Todesort ist möglich.

Diese Möglichkeit haben auch Uschi und Lothar Wolf wahrgenommen. So folgte sie Martins Spuren, flog mit einer Transall der Bundeswehr nach Afghanistan und stand schließlich in dem deutschen Lager, aus dem Martin zu seiner tödlichen Patrouille aufgebrochen war. „Das alles war sehr bewegend – und hat viel dazu beigetragen, dass ich zumindest beginnen konnte, ein wenig mit der Sache abzuschließen.“

Ein Netzwerk der Hilfe

Darin unterstützten sie auch viele der ehemaligen Kameraden, die gerade in den ersten Jahren im Bielefelder Vorort häufiger bei der Mutter vorbeischauten und sein Ehrengrab auf dem örtlichen Gemeindefriedhof besuchten. Und dann ist da noch das "Netzwerk der Hilfe", unterstützt durch den Sozialdienst der Bundeswehr, die Militärseelsorge sowie auch durch die private Stiftung von Marlies Böken, deren Tochter Jenny im Dienst auf der Gorch Fock ums Leben gekommen war.

 

„Die Treffen in diesem Kreis waren und sind für mich immer ganz wichtig gewesen. Dort bin ich auf Eltern getroffen, die mich genau verstehen konnten und das hat wirklich sehr geholfen“, sagt Frau Wolf. Aus dem Netzwerk der Hilfe stammt übrigens auch die Anregung für den „Wald der Erinnerung“ (Foto oben), dem Ehrenhain der Bundeswehr nahe Potsdam. Auch dort ist Uschi Wolf gewesen, gemeinsam mit der Schwiegertochter Natela und Enkel Remo. „Er war ganz aufgeregt, lief kreuz und quer, und hat sich viel Zeit gelassen, um den richtigen Baum für die Gedenktafel seines Vaters zu finden. Ich glaube, das war auch für Remo ein wichtiger Moment des Abschiednehmens“, sagt seine Großmutter heute.

Zu den regelmäßigen Besuchern und Unterstützern von Frau Wolf zählt auch der Volksbund-Ehrenamtliche und Oberstabsgefreite der Reserve Volker Lehmann (Foto unten). Den hatte sie bei einem Benefizkonzert der Bundeswehr kennengelernt und ihn gemeinsam mit seinem Hund „Schnuffler“ schnell ins Herz geschlossen. Von Volker Lehmann sieht Martin als „Friedenshelden“, als einen Soldaten, der sich für den Frieden und die Freiheit anderer mit seinem eigenen Leben eingesetzt hat. „Und genau dafür sollte er auch von der Gesellschaft geehrt werden“, sagt Volker Lehmann. Von ihm stammte daher auch die Idee, eine Straße – oder sogar die kleine Grünanlage unweit des Hauses seiner Mutter nach Martin zu benennen.

So reichte Volker Lehmann schließlich einen entsprechenden Antrag beim Bielefelder Stadtrat ein. Dabei war die Idee, nicht nur den im Dienst für sein Land gestorbenen Soldaten zu ehren, sondern auch die Diskussion um Sinn und Zweck solcher Auslandseinsätze sowie die gesellschaftliche Rolle der Bundeswehr stärker als bisher in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu rücken. 

Besonders für Uschi Wolf wäre eine solche Namensgebung ein wichtiges Zeichen der Erinnerung wie auch der gesellschaftlichen Anerkennung für das Opfer ihres Sohnes. Noch viel wichtiger ist ihr aber all die Hilfe, die ihr von den Kameraden, der Bundeswehr und auch von anderen betroffenen Eltern zu Teil wurde: „Das alles ist eine große Hilfe, ganz einfach deswegen, weil man dann nicht mehr allein ist!“

Der Martin-Augustyniak-Platz

Als der Bielefelder Stadtrat schließlich die Entscheidung fällt sind auch Volker Lehmann und Uschi Wolf vor Ort. Am Ende liegen sie sich in den Armen und lachen mit Tränen in den Augen, da die Entscheidung positiv ausgefallen ist. Die Familie, Volker Lehmann sowie weitere Kameraden können sogar Vorschläge für die künftige Gestaltung des „Martin-Augustyniak-Platzes“ einreichen.

Es ist ein voller Erfolg. Wenn Uschi und Lothar Wolf künftig aus ihrem Haus an der Niederbreede treten und den gepflasterten Fußweg zur Straße passieren, laufen sie direkt auf eine kleine grüne Wiese zu, in deren Mitte ein großer Lindenbaum thront. Von hier aus hat man einen schönen Blick über die ganze Stadt. Auch Martin ist hier oft vorbeigekommen. Künftig trägt dieser Platz seinen Namen und die Erinnerung an sein Leben. Es ist ein Glückstag heute.

Maurice Bonkat

Maurice Bonkat
Redakteur
+49 (0) 561-7009-281