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Ich wäre bis ans Ende der Welt gefahren
Schauspieler Fritz Wepper besucht Erinnerungsort des Vaters
26. Juli 2019

"Ich wäre bis ans Ende der Welt gefahren" –  das antwortete Fritz Wepper auf die Frage, ob die Reise zur Kriegsgräberstätte Pulawy anstrengend gewesen sei. Sie war auf jeden Fall berechtigt. Der Schauspieler Fritz Wepper, Jahrgang 1941 ist von München nach Ostpolen gereist. Pulawy liegt zwei Stunden Autofahrt südöstlich von Warschau. Er will die Gegend sehen, wo sein Vater vermutlich als 29-jähriger Soldat sein Leben verlor. Friedrich Karl Wepper gilt seit dem 14. Januar 1945 vermisst.

Auf dieser Reise wird er von seiner Tochter Sophie begleitet, aus dem Volksbund sind Iza Gruszka, Büroleiterin in Warschau und Pressesprecherin Diane Tempel-Bornett, dabei.

100 Jahre später nach seiner Gründung sucht und findet der Volksbund die Toten der Kriege.

Im Zweiten Weltkrieg fielen in Polen ca. 468.000 Wehrmachtssoldaten. Davon konnten bis jetzt ca. 154.000 geborgen und auf Sammelfriedhöfen bestattet werden. Der Volksbund sucht und findet immer noch die Toten der Weltkriege. Allein im ersten Halbjahr dieses Jahres wurden in Polen 1.019 Soldaten exhumiert.

Bei Grabungen in der Nähe des Ortes, wo Friedrich Karl Wepper vermisst wird, wurden Tote aus zwei Massengräbern geborgen und nach Pulawy überführt. Bei einigen von ihnen konnte die Identität nicht mehr festgestellt werden. Ob Friedrich Karl Wepper unter ihnen ist? Diese Frage kann nicht mit Sicherheit beantwortet werden. Aber auch wenn man es nicht weiß, sein Name steht im Gedenkbuch des Friedhofes (Foto unten) Pulawy. Auf diesem Friedhof sind über 24.000 Tote bestattet.

Friedrich Karl Wepper, geboren am 25. Mai 1916 gehörte zur 25. Panzerdivision, die an der Weichsel am Brückenkopf bei Warka bei schweren Rückzugsgefechten im Winter 1945 große Verluste erlitt. Hinter diesen dürren Worten stehen Tragödien um menschliche Schicksale, die längst nicht  mit dem Krieg 1945 endeten. Die nachfolgenden Generationen spüren seine Folgen noch immer.

Deutsche und polnische Soldaten pflegen gemeinsam Kriegsgräberstätten

Auf dem Friedhof Pulawy werden wir freundlich empfangen. Hauptmann Grames und eine zehnköpfige Gruppe von Studierenden der Bundeswehruniversität in München leisten einen mehrtägigen Arbeitseinsatz auf der Kriegsgräberstätte. Er erzählt, dass auch sein Urgroßvater in Pulawy liegt. Später werden noch polnische Soldaten dazu kommen und sie unterstützen. Der Volksbund initiiert und fördert diese gemeinsamen internationalen Pflegeeinsätze, bei denen sich die Soldaten der früher verfeindeten Nationen begegnen.

Die jungen Soldatinnen und Soldaten wässern die Rasenflächen, ziehen Inschriften auf Pultsteinen nach und streichen Bänke und Türen. In dem kleinen Vorraum zur Kriegsgräberstätte duftet ein frisches Blumengesteck. Fritz Wepper blättert im Gedenkbuch und findet den Namen seines Vaters. Wir lassen ihn kurz allein, dann hat Isza Gruschka eine besondere Überraschung für ihn: ein Foto seines Vaters in einem Glasrahmen.

Dann gehen alle gemeinsam zum Hochkreuz. Die Soldaten legen das Blumengesteck ab und stellen das Bild von Friedrich Karl Wepper dazu. Alle schweigen, dann spricht Hauptmann Grames das Totengedenken. Dann ist alles still. Die friedliche Atmosphäre der Kriegsgräberstätte im Sonnenschein scheint fast unwirklich, vor allem mit dem Wissen um das, was hier vor über 70 Jahren geschah.

Auf den Spuren des Vaters

Fritz Wepper dankt den Soldatinnen und Soldaten sehr herzlich für ihre Mühen, ihre Arbeit und auch für ihre Empathie. Später sitzt er noch auf einer Bank und gibt Autogramme (Foto oben), für die Mütter der Anwesenden - und auch für die Omas. „Früher kamen die jungen Mädchen und wollte Autogramme für sich. Heute wollen sie Autogramme für die Omas“ kommentiert er mit einem Augenzwinkern. Nach einem herzlichen Abschiednehmen fahren wir weiter, an die Weichsel. Dort wurden die Truppen der Wehrmacht von der Roten Armee „zerschlagen“, wie es in militärhistorischen Büchern heißt. Hier hat vermutlich Friedrich Karl Wepper sein Leben verloren und nun suchen fast 75 Jahre später sein Sohn und seine Enkelin seine Spuren.

In den Kriegsjahren wuchsen unzählige Kinder ohne Vater auf. Für viele von ihnen blieb das auch nach dem Krieg so. Nicht nur Soldaten erleiden den Krieg, er hinterlässt zerstörte Städte und Landschaften, Witwen, Waisen, verzweifelte und traumatisierte Menschen.

„Haben Sie als kleiner Junge Ihren Vater vermisst?“

Fritz Wepper antwortet direkt: „Ich vermisse ihn bis heute. Auch wenn meine Mutter uns mit ihrer ganzen Liebe und Herzensgüte überschüttete. Diese Unsicherheit, ob der Vater zurückkäme, begleitete meine ganze Kindheit. Als 1953 Konrad Adenauer bei Leonid Breschnew die Rückführung der deutschen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion veranlassen konnte, da sind mein Bruder Elmar und ich jede Woche ins Kino gegangen. Dort wurden in der  Wochenschau Bilder von den Kriegsheimkehrern gezeigt, die in Friedland ankamen. Wir haben immer geschaut, ob er dabei ist. 2006 haben wir eine Suchanfrage beim Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes gestellt, aber ohne Erfolg. Dann kam eine Antwort des Volksbundes. Als wir 2009 die Recherchen von Ihren Kollegen gelesen haben, dass der Vater möglicherweise unter den Unbekannten ist und dass man ihn vielleicht gar nicht mehr finden kann, da haben wir überlegt, ob wir das unserer Mutter sagen können. Wir haben entschieden, es ihr zu sagen – und sie war unglaublich tapfer. Das Wo und das Wie hat sich nicht geklärt – aber zumindest wurde es eingekreist.“

Und wie entstand der Kontakt zum Volksbund? Fritz Wepper erzählt: „Vor vier oder fünf Wochen gab es eine Gedenkfeier und eine kleine Einweihung zu Ehren von Manfred Gregor Dorfmeister. Er ist der Autor des biografischen Romans, der Vorlage für den Film: „Die Brücke“ von Bernhard Wicki ist. Da habe ich mitgespielt.

Bei der Gedenkfeier haben wir, die Schauspieler, jeder ein bis zwei Seiten aus dem Buch vorgelesen. Der Gedenkstein für Dorfmeister wurde auf der Brücke Bad Tölz eingeweiht. Und da habe ich jemanden vom Volksbund kennengelernt. Heute sage ich: ein Wink des Himmels. Dadurch kam dieser Besuch zustande. Ich muss auch sagen, ich finde die Haltung Ihrer Organisation sehr konstruktiv. Und auch sehr empathisch.“ Wurden Ihre Erwartungen erfüllt, Herr Wepper?“ 

Es war die Erfüllung meines Wunsches

„Ich bin sehr beeindruckt, dass es überhaupt möglich ist. Meine seelischen Erwartungen haben sich erfüllt. Dass ich jetzt noch die Gegend kennenlernen kann, in der mein Vater gefallen ist, schließt das Ganze ab. Ein Friedhof ist schon immer etwas Besonderes, aber ein Friedhof mit gefallenen Soldaten in einem anderen Land, das ist noch mal etwas Anderes. Dieser Friedhof, der so schön gepflegt ist, der so viel Frieden ausstrahlt, das ist wirklich die Erfüllung meines Wunsches. Deswegen wäre ich, wie ich vorhin schon gesagt habe, bis ans Ende der Welt gefahren, um die Gegend zu sehen, wo mein Vater vermisst wird. Auch um meinen Vater zu würdigen.“ 

Diane Tempel-Bornett

Diane Tempel-Bornett
Pressesprecherin
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