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Krieg in einem kargen Bergland
Der Konflikt um Bergkarabach ist neu entbrannt
24. November 2020

Hermann Krause, Volksbund-Büroleiter in Moskau war als ARD-Radiokorrespondent mehrfach in Bergkarabach. Hier folgt seine Analyse über einen Jahrzehnten andauernden Kampf.

November  1990. In diesen Regionen des Kaukasus weht ein kalter Wind. Es liegt Schnee, die Straßen sind eng und vereist. Unser VW-Bus quält sich die Berge hoch, links tiefe Schluchten, rechts überhängende Felsen. Immer wieder begegnen uns Panzer und Panzerwagen auf dem Weg in das Kriegsgebiet. Flüchtlinge mit ihrem wenigen Hab und Gut sitzen trotz der Kälte auf den Ladeflächen vorbeirumpelnder LKWs. In die umkämpfte Region Nagorny-Karabach, Bergkarabach übersetzt, sind wir über eine für Zivilisten gesperrte Straße aus dem aserbaidschanischen Baku gekommen. Von weitem hört man Gefechtslärm und Detonationen. Das erste Dorf, auf das wir treffen, ist weitgehend zerstört. Ruinen und brennende Häuser. Hier lebten Aserbaidschaner, sie alle mussten fliehen. Ein alter Mann steht vor seinem zerbombten Haus. „Da liegen sie alle drunter“, sagt er und schaut mich unendlich traurig an „unter den Trümmern. Meine Familie, auch die Enkelkinder.“ Berichte von Gräueltaten an der Zivilbevölkerung hören wir auch im nächsten Dorf. Die Armenier hätten schwangeren Frauen die Bäuche aufgeschlitzt. Wenige Tage später in einem armenischen Dorf in Bergkarabach die gleichen Vorwürfe, jetzt an die andere Seite. Aserbaidschanische Soldaten seien über die Zivilbevölkerung hergefallen, hätten Frauen getötet, Männer verstümmelt. Was von all dem stimmt, ist nicht nachzuprüfen.

Ein objektives Bild ist kaum möglich

Als Gerd Ruge für das ARD-Fernsehen mit seinem Team und ich für den ARD-Hörfunk mit unserem Bus weiterfahren, geraten wir unter Beschuss. Armenische Scharfschützen haben uns in Visier genommen, nur mit Glück gelingt es uns, unverletzt zu entkommen. Zurück in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans, überspielt Gerd Ruge sein Fernsehmaterial nach Deutschland. Ich habe erstmals nach zwei Wochen wieder Kontakt zu meinem Heimatsender WDR. Handys gab es damals noch nicht. Obwohl vor Ort, konnte man sich kein objektives Bild machen. Was wir zu sehen bekamen, waren nur Momentaufnahmen. Standbilder von Zerstörung, Armut, gegenseitigem Hass und Tod. Der Krieg war gerade erst ausgebrochen, er sollte noch mehr als drei Jahre dauern. Vorausgegangen waren Pogrome in aserbaidschanischen und armenischen Städten und Dörfern. Jahrzehntelang hatte man in beiden Ländern friedlich zusammengelebt, Geburtstage und Hochzeiten miteinander gefeiert. Nun wurden aus Freunden Feinde. Im September 1989 setzte die erste größere Flüchtlingsbewegung ein. 180.000 Armenier flohen aus Aserbaidschan, 100.000 Aseries aus Armenien. Sie mussten alles zurücklassen, am Ende waren es mehr als 1 Millionen Flüchtlinge.

Wem gehört Bergkarabach?

Als dann 1991 durch den Putsch gegen Michail Gorbatschow die Sowjetunion auseinanderbrach, erklärten Armenien und Aserbaidschan ihre Unabhängigkeit. In Jerewan, der Hauptstadt Armeniens gründete sich das Komitee „Nagorny Karabach“, eine Art revolutionäre Zelle, die den Anschluss Bergkarabachs verlangte. In Jerewan kam es zu Massenprotesten, die Forderungen waren eindeutig: „Bergkarabach ist unser!“ Armenische Soldaten besetzten daraufhin Bergkarabach, die dort lebenden Aserbaidschaner mussten Hals über Kopf fliehen. Dann schickte Baku seine Armee. Nur mit Hilfe der russischen Luftwaffe gelang es Armenien, die Geländegewinne gegen die heranrückenden aserbaidschanischen Soldaten zu verteidigen. Russland verstand sich als Schutzmacht, lieferte Waffen und Munition. An die 30.000 Menschen wurden in diesem mehr als dreijährigen Krieg getötet. Sieger war Armenien. Die Aserbaidschaner waren geflohen, in Bergkarabach lebten nur noch Armenier; dazu kamen Geländegewinne rund um das eigentliche Kernland, dort wurden Stellungen ausgebaut, Abwehrraketen aufgestellt. Armenien wiegte sich in Sicherheit.

Bescheidener Wohlstand in schöner Landschaft

2015 reise ich noch einmal nach Bergkarabach, in einen De-facto-Staat, der sich jetzt Arzach nennt, aber von der Weltgemeinschaft nicht anerkannt wird. Diesmal geht es im Taxi von Armenien aus über den sogenannten „Latschin-Korridor“ in die Hauptstadt Stepanakert. Die Zufahrt ist militärisch abgeriegelt, nur mit einer Sondererlaubnis ist die Fahrt möglich. Der Wohlstand ist bescheiden, aber die Straßen sind ausgebaut, neue Wohnhäuser sind entstanden, Verwaltungsgebäude, ein Rathaus, Restaurants und einige Hotels. Der Wochenmarkt funktioniert, allerdings müssen die Waren immer aus Armenien hoch in das Bergland transportiert werden. Die Landschaft ist wunderschön, Touristen gibt es aber nur wenige. Denn es herrscht ja immer noch Kriegszustand. In einem Interview erläutert der Präsident von Arzach seine Pläne. Er wolle sein Land auch für deutsche Urlauber öffnen, schließlich bestünden zwischen Armenien und der Bundesrepublik freundschaftliche Kontakte. Wandern, Skifahren, Bergsteigen, alles sei möglich. Der Traum von einem „blühenden Steingarten“ verheißt Wohlstand und Wachstum für alle.

Aserbaidschan hat einen starken Verbündeten

November 2020. Die Wirklichkeit hat alle Träume zerstört. Aserbaidschan hat angegriffen. Mehr als 2.500 armenische Soldaten sind vermutlich in den letzten sechs Wochen gefallen, es gab unzählige Verletzte. Mit einer überlegenen Waffentechnik haben die aserbaidschanischen Streitkräfte die gesamte Pufferzone um Bergkarabach zurückerobert – und auch Teile von Bergkarabach. Hätte Russland nicht in letzter Minute eingegriffen, wären vielleicht die gesamten 4.400 Quadratkilometer an  Aserbaidschan verloren gegangen, das wiederum den Waffengang als großen Sieg feierte. In der Hauptstadt Baku waren tausende auf den Straßen, schwangen begeistert Fahnen und fuhren hupend durch die Stadt. Präsident Ilham Alijew redete von einem großen Sieg. Und er hat einen starken Verbündeten – nämlich den „Bruderstaat“ Türkei. Aserbaidschaner und Türken gehören zu den Turkvölkern, ihre Sprachen sind fast identisch. Seit Jahren finden gemeinsame Manöver in Aserbaidschan statt, seit Jahren beschwört man die enge Freundschaft. Mehrfach erklärten Spitzenpolitiker in Ankara, die Türkei würde nicht zögern, reguläre Truppen nach Bergkarabach zu schicken. Nach armenischer Darstellung warfen sogar  türkische Kampfjets Bomben ab, die türkischen Drohnen hätten zielgenau Mannschaftswagen mit armenischen Soldaten getroffen, hunderte junger Männer seien so bereits auf dem Weg zur Front ums Leben gekommen. Der Sieg Alijews ist auch ein Sieg seines türkischen Freundes Recep Erdogan. Durch das Waffenstillstandsabkommen ist es dem türkischen Präsidenten indirekt gelungen, sein Einflussgebiet auszuweiten. Erdogan ist seinem Traum vom großen osmanischen Reich ein Stück näher gekommen. 

Die Türkei, so berichten Journalisten vor Ort, hatte seit Wochen Syrer rekrutiert, die an der türkisch-syrischen Grenze festsaßen. Sie konnten weder in die von Assad kontrollierten Gebiete zurück, noch in die Türkei. Sie waren deshalb leichte Beute für militärische Anwerber. Den syrischen Soldaten wurden 2.000 Dollar im Monat versprochen, die wenigsten allerdings bekamen das Geld. Denn als „Kanonenfutter“ direkt an die Frontlinie geschickt, waren schon gleich zu Beginn Hunderte gefallen.

Waffen „Made in Turkey“

Die Bilder, die das armenische Fernsehen in diesen Tagen des November 2020 zeigt, sind die Bilder von Besiegten. Gefallene Soldaten, verstümmelte Körper,  gleich mehrere Beerdigungen auf einem Friedhof, weinende Verwandte, Verzweiflung. Die Menschen in Bergkarabach, die vor der heranrückenden Armee Aserbaidschans fliehen mussten, haben ihre Häuser angezündet. Sie sollten dem Feind nicht in die Hände fallen. Stepanakert ist eine Geisterstadt geworden. Viele Gebäude in der Stadt sind zerstört. Die Drohnen und Raketen, fast alle „made in Turkey“, aber auch in Israel hergestellt, haben Gas- und Stromleitungen zerrissen. Zwar bleibt die Hauptstadt noch in armenischer Hand, die Frage ist nur wie lange.

Eine russische Friedenstruppe, bestehend aus ca. 2.000 Soldaten, soll den ausgehandelten Waffenstillstand kontrollieren. Verblieben ist nur noch eine Zufahrtstraße von Armenien aus, an dem Latschin-Pass stehen jetzt russische Panzer. Vereinbart wurde das am 9. November in einem Waffenstillstandsabkommen zwischen dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, seinem aserbaidschanischen Amtskollegen und dem armenischen Regierungschef Nikol Paschinjan. Beide Kriegsparteien dürfen demnach die Gebiete behalten, in denen sie die Kontrolle ausübten, für Armenien bedeutet dies den Verlust großer Gebiete. Denn die bestens ausgerüsteten aserbaidschanischen Soldaten verzeichneten bereits zu Beginn des neuen Krieges täglich Geländegewinne. Auch Stepanakert hätte fallen können, sagen Beobachter, dann wäre ganz Bergkarabach an Aserbaidschan gegangen.

Der Kreml wahrt seine Interessen

„Wir waren nicht berechtigt, direkt an diesen Kampfhandlungen teilzunehmen“, erklärte Putin in einem Interview, „unser Beistandsabkommen bezieht sich nur auf Armenien, nicht auf Bergkarabach.“ Was so stimmt, in dem von Russland geführten Militärbündnis „Organisation über kollektive Sicherheit“ geht es nur um Armenien. Natürlich hätte Russland auch früher intervenieren können, kritisieren armenische Politologen. Aber vielleicht sollte so der demokratisch an die Macht gekommene Reformer Paschinjan bestraft werden. Und der Kreml hat seine Interessen gewahrt. Die stehen für Putin an erster Stelle. Indem er so spät intervenierte, hat er seine guten Beziehungen zu Aserbaidschan und zur Türkei gefestigt.

Erdogan und Putin treffen sich regelmäßig, trotz Differenzen in Syrien und Libyen stimmt die Chemie zwischen den beiden Staatschefs. Insgeheim sind sie fast Verbündete gegen den Westen. Das NATO-Mitglied Türkei kauft russische Raketenabwehrsysteme, der bilaterale Handel blüht, angeblich will die Türkei auch den russischen Corona-Impfstoff Sputnik V bestellen. Für den Kreml ist die Niederlage Armeniens kein großer Prestigeverlust. Indirekt hat Putin sogar einen diplomatischen Erfolg erzielt und bewiesen: „Ohne Russland geht nichts“. Armenien muss dankbar sein, dass Russland überhaupt eingegriffen hat – und Aserbaidschan, dass man sich im Kreml Zeit ließ.

Europa hat wieder geschwiegen

Wie im Ukraine-Konflikt existiert auch eine sogenannte „Minsk-Gruppe“, bestehend aus Vertretern der USA, Russlands und Frankreichs. Seit 1994 trifft sie sich regelmäßig in Minsk unter dem Mandat der OSZE. Jetzt ist sie eher wertlos. Denn Russland hat, ohne Absprache mit den anderen Mitgliedern, interveniert und Fakten geschaffen. Der abgewählte Donald Trump hatte nie die Absicht, den NATO-Partner Türkei an die Leine zu legen. Europa hat geschwiegen, so dass Erdogan freie Hand hatte. Lediglich der französische Präsident Emmanuel Macron kritisierte die Politik der Türkei; seitdem wird er von Erdogan beschimpft. Die armenische Regierung hätte aber, so Experten, sehen müssen, dass das erdölreiche Aserbaidschan Millionen in die Aufrüstung steckt und der Angriff nur eine Frage Zeit war. Statt Kompromisse anzubieten, wie „Land gegen Frieden“, aber beharrte Jerewan darauf, keinen Quadratmeter abgeben zu wollen.

In all den Jahren hat es immer wieder Kriege und Auseinandersetzungen um Bergkarabach gegebenen. In Jerewan bezieht man sich darauf, dass in der langen Geschichte des Hochlandes vorwiegend die Armenier siedelten. Schon in der Antike, dann wieder im Mittelalter. Die alten armenischen Kirchen und Klöster zeugen davon, sie sind Überbleibsel des frühen Christentums. Der Diktator Stalin selbst hatte bewusst Bergkarabach als „Autonome Oblast“, als Enklave in Aserbaidschan, festgelegt, so konnte er die beiden Völker besser kontrollieren. Die Bevölkerung war damals, bis zur Vertreibung, gemischt: ca. 30 % Aserbaidschaner, 70 % Armenier lebten friedlich gemeinsam. Dem Selbstbestimmungsrecht der Völker entsprechend, das von Russland gerne bei der Annexion der Krim herangezogen wird, müsste Bergkarabach zu Armenien gehören. In Volksentscheiden hat sich die Bevölkerung - in den 90er Jahren waren es etwa 145. 000 Menschen- immer eindeutig für Armenien entschieden. Die UNO-Vollversammlung hat hingegen in mehreren Resolutionen Bergkarabach Aserbaidschan zugesprochen. Die USA, Russland und Frankreich stimmten gegen diese Resolutionen, Deutschland enthielt sich, Armenien erkennt sie nicht an.

Paschenjan hatte keine Wahl

In der armenischen Hauptstadt Jerewan herrscht Trauer. Nicht nur die Menschen, die ganze Stadt trägt schwarz. Noch immer sind die Leute entsetzt über die Entscheidung von Ministerpräsident Nikol Paschinjan, dem Waffenstillstandsabkommen zuzustimmen. Doch der Wut ist nun Resignation gewichen. Die wirtschaftliche Situation ist katastrophal, hinzu kommt die Corona-Pandemie. Die Krankenhäuser sind überfüllt, dort liegen verletzte Soldaten und Zivilisten, zusammen mit Menschen, die an Covid-19 erkrankt sind. Der einst so beliebten Paschinjan, auf dem alle Hoffnungen lagen, trägt nun den Makel eines Verräters. „Wir wollen lieber sterben als unser Land verlieren“, war immer wieder zu hören, „wieso hat er uns verkauft?“ Ein geplantes Attentat auf den Regierungschef wurde im letzten Moment vereitelt, tagelang demonstrierten Tausende gegen ihn.

Mittlerweile aber wird vielen klar, dass Paschinjan nichts anderes übrigblieb als zuzustimmen. Russland hat mittlerweile seine Truppen an der sogenannten Kontaktlinie positioniert, in Berg Karabach wurden 18 Beobachtungsposten eingerichtet. Die Soldaten sind speziell für Friedenseinsätze ausgebildet, ihr Mandat gilt für einen Zeitraum von fünf Jahren, eine automatische Verlängerung ist vorgesehen. Seitdem wird nicht mehr geschossen. Mittlerweile kehren auch wieder Flüchtlinge aus Armenien nach Bergkarabach zurück, doch was sie vorfinden, ist deprimierend. Zerstörte Häuser und Geschäfte, der Wiederaufbau wird schwierig werden. Und das nicht nur, weil alles Material aus Armenien in die Berge transportiert werden muss.

Armenien war die Perle des Kaukasus

Aus Protest gegen das Waffenstillstandsabkommen ist der armenische Verteidigungsminister zurückgetreten, ebenso die Minister für Zivilschutz und für Bildung. Die Regierungskrise geht weiter. Wie lange sich Ministerpräsident Panschinjan noch halten kann, ist unklar. Nachrichtenagenturen melden, dass er sich mit dem russischen Verteidigungsminister Schoigu getroffen hat, eine engere militärische Zusammenarbeit zwischen Moskau und Jerewan wurde auf Bitte Armeniens vereinbart.

In der Sowjetunion war Armenien einst die Perle des Kaukasus. Die tiefsinnigen Witze von Radio Jerewan gingen um die halbe Welt; eine blühende Republik mit südländischem Flair, die Menschen fröhlich, gut gelaunt. Man saß in den vielen Straßencafés, trank georgischen Wein, armenischen Cognac. In diesen düsteren Herbst- und Wintertagen ist davon nichts mehr zu spüren. Die Armenier fühlen sich verraten und verkauft, verlassen von den Europäern und besonders den Deutschen. Große Hoffnungen lagen auf Angela Merkel, die die EU-Ratspräsidentschaft innehat. Sie wurden nicht erfüllt.