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"Mein Vater war schuldig!"
Gespräch mit dem Sohn eines Kriegsverbrechers
08. März 2019

Rainer Diekmann ist ein kultivierter Mann. Er hat Medizin studiert, den Wehrdienst verweigert und ist ein beherzter Verfechter des friedliebenden Zusammenlebens. Er mag keine Waffen, lehnt jede Form der Gewaltanwendung ab. Dies ist zunächst nicht ungewöhnlich. Es gibt viele Menschen, die so denken und leben. Doch der 77-jährige Kinderarzt trägt einen berüchtigten Familiennamen: Sein Vater, Adolf Diekmann, war der Hauptverantwortliche des Massakers von Oradour. Wie lebt es sich mit dem Wissen, das der Vater ein Kriegsverbrecher, gar Massenmörder war?

Der Raum, in dem der 77-Jährige über das große Tabu-Thema seines Lebens spricht, ist sehr spartanisch eingerichtet: Zwei Stühle, dazwischen eine kleine Kamera und rundherum ein paar Regale, auf denen allerlei Utensilien gelagert sind. Auf einem der Stühle sitzt Rainer Diekmann, der extra für dieses Zeitzeugen-Interview aus seiner Wahlheimat La Palma angereist ist. Hinter ihm ist ein kleiner schwarzer Vorhang aufgespannt, vor dessen Hintergrund Diekmann in seinem weißen Polohemd umso mehr an seine Berufung als Kinderarzt erinnert.

Ein unbegreifliches Kriegsverbrechen

 

Doch das alles verschwimmt und verliert an Bedeutung, wenn er über die Taten seines Vaters im Zweiten Weltkrieg berichtet. Die sind historisch verbrieft ­­– und sein Sohn benennt eine zentrale Zahl, welche die Unglaublichkeit des Geschehenen zumindest formal auf den Punkt bringt: Die Zahl lautet 642. So viele Menschen hat Obersturmbannführer Adolf Diekmann auf dem Gewissen, als er seiner Truppe befahl, das Dorf Oradour-sur-Glane (Foto oben), beziehungsweise dessen komplette Einwohnerschaft erbarmungslos auszulöschen.

Es geschah am 10. Juni 1944. Gerade die Einzelheiten dieses Kriegsverbrechens sind besonders schockierend, fast unglaublich. „Allein das Erschießen der 260 Männer in den Ställen und Scheunen war schon ein unbegreifliches Kriegsverbrechen. Doch das Inbrandsetzen der Kirche mit all den Frauen und Kindern darin, ist für mich eine absolute Ungeheuerlichkeit. Damit rückte mein Vater aus moralischer Sicht in die Nähe eines KZ-Aufsehers“, sagt Rainer Diekmann in die kleine Kamera. Es ist ein schockierender Moment.

Die Dokumentation des Grauens, die auf diese Weise entsteht, wird später im Informationsgebäude der Kriegsgräberstätte La Cambe in Frankreich gezeigt. Er ist Teil der neuen Ausstellung, die nach modernen didaktischen Ansätzen konzipiert ist und unter anderem filmische Zeitzeugenaussagen wie die von Rainer Diekmann beinhaltet.

Viel gefühlt habe ich nicht

Er selbst war nur einmal in La Cambe, wo das Grab seins Vaters liegt. Das war im Jahr 1982. „Viel gefühlt habe ich dabei nicht. Ich war eher etwas emotionslos in diesem Moment. Eigentlich habe ich mehr an all die anderen zehntausende Tote gedacht, unter denen sicher auch ein paar Genies waren, die für die Menschheit ein Segen gewesen wären.“ Danach verließ er die Kriegsgräberstätte, die er als ruhigen und gepflegten Ort in Erinnerung hat – und kam nie mehr wieder.

Wie fühlt es sich an, wenn man selbst ein engagiertes Leben als Kinderarzt lebte – und der eigene Vater für den grausamen Tod von über 200 Kinderseelen die Verantwortung trüge?

 

„Ich habe damit abgeschlossen“, sagt Rainer Diekmann im weiteren Verlauf des Interviews, das er mit Ingo Rudloff (Foto oben) führt. Rudloff arbeitet schon länger für die Berliner Geschichts- und Gestaltungsagentur beier+wellach projekte als Interviewer und ist zugleich Diplom-Psychologe. Das merkt man seiner Gesprächsführung an. Schon im Vorfeld hatten er und das Team um den Projektverantwortlichen Historiker Florian Mittelbach versucht, sich ein genaueres Bild von diesem Zeitzeugen zu machen. Viel gab es dazu allerdings nicht, was sehr erstaunlich ist, vor allem wenn man sich den Bekanntheitsgrad und auch die Bedeutung des Massakers von Oradour vor Augen hält.

Aufgehört, Fragen zu stellen

Nur ein einziges Mal hat sich der Kinderarzt zu seinem Vater, dem Kriegsverbrecher in einem Zeitungsinterview geäußert. Heute ist es seine Premiere vor der Kamera. Dabei hakt der 50-jährige Psychologe nach und will wissen, ob das Kriegsverbrechen des Vaters das große Tabu im Leben des Sohnes gewesen sei.

„Ja, das ist so“, gibt Rainer Dieckmann ganz offen zu, „in meiner Familie wurde das Thema eigentlich immer vollständig gemieden und dann haben wir natürlich als Kinder irgendwann aufgehört, Fragen zu stellen. Ich selbst hatte bis ins junge Erwachsenenalter keine genaue Vorstellung davon, was mein Vater im Krieg verbrochen hat. Es hieß immer nur, dass er damals etwas ganz Schreckliches getan hat. Und einmal fiel auch der mit einem seltsamen Unterton belegte Name ORADOUR. Danach war das Thema aber sofort wieder beendet.“

Tatsächlich sei es so gewesen, dass er erst durch einen befreundeten Journalisten und anlässlich des bevorstehenden französischen Prozesses über den vollen Umfang und das nahezu unvorstellbare Grauen dieses Kriegsverbrechens erfahren habe. Zu diesem Zeitpunkt lag die Tat bereits ein Vierteljahrhundert zurück, ohne dass sie je an Bedeutung verloren hätte.

Viele Täter bleiben straffrei

Zugleich schreibt die juristische Aufarbeitung des Massakers von Oradour, das begangene Unrecht weiter fort: So wurden zunächst die kriegsgerichtlichen Ermittlungen recht zügig eingestellt, da Diekmann und weitere Täter kurz darauf in der Normandie gefallen waren. Auch die bundesdeutsche Nachkriegsjustiz hatte wenig Interesse an der Verfolgung dieses Kriegsverbrechens. Die Staatsanwaltschaft Dortmund hatte seinerzeit den bereits verstorbenen Adolf Diekmann als Hauptschuldigen benannt und fortan keine weiteren Anklagerhebungen vollzogen. Damit blieben alle übrigen Täter straffrei. Allein in der DDR wurde der ehemalige SS-Obersturmführer Heinz Barth zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Auch die französische Seite hatte kein besonders großes Interesse an der öffentlichen Aufklärung des Geschehens und der Verurteilung der mutmaßlichen Täter. Womöglich hing dies auch damit zusammen, dass 14 der insgesamt 21 SS-Soldaten, die am 13. Februar 1953 in Bordeaux verurteilten wurden, Elsässer, also französische Landsleute waren. Zugleich konterkarierte ein neues Amnestiegesetz die Strafverfolgung, indem es verbot, Franzosen gemeinsam mit Deutschen anzuklagen.

Am Ende wurden die teils hohen Strafen auf breiter Front drastisch herabgestuft. Selbst der einzige zum Tode verurteilte Deutsche entging seiner Strafe und kam nur sechs Jahre später wieder auf freien Fuß. Alle anderen Mitschuldigen kamen mit einem wesentlich geringeren Strafmaß von meist nur wenigen Jahren davon.

Aus heutiger Sicht verschlimmert der juristische Umgang mit den Tätern die Aufarbeitung und Wahrnehmung dieses Kriegsverbrechens. Es ist kaum nachzuvollziehen. Andere sehen es schlicht als Verdrängung und zugleich postume Missachtung der 642 Opfer an, darunter auch 254 Frauen und 207 Kinder.

Meiden, ausweichen und umdeuten

Rainer Diekmann sieht das ähnlich. Besonders der Mord an den Kindern beschäftigt ihn bis heute sehr. So machte er sich damals selbst auf, um mehr über das Thema zu erfahren, das in seiner Familie stets gemieden wurde. Doch eben jenes Meiden, Ausweichen und Umdeuten begegnete ihm erneut, als er sich mit den ehemaligen Vorgesetzen seines Vaters in Verbindung setzte. 

Der ehemalige SS-General Heinz Lammerding, den er nur telefonisch erreichte, war als erfolgreicher Bauunternehmer wieder zu gesellschaftlichen Ehren gekommen. Zugleich stritt er jede persönliche Beteiligung ab und verwies umgehend auf seine untergebene Befehlsebene. Doch auch der direkte Vorgesetzte Diekmanns, SS-Standartenführer Sylvester Stadler, hatte sich seine eigene Sicht der Dinge zurechtgelegt. Eine wirkliche Aufarbeitung des Kriegsverbrechens von Oradour hatte bei ihnen nie stattgefunden. Stattdessen klammerten sie sich an wilde Theorien, wonach die französische Resistance in Wirklichkeit für das Massaker die Schuld trüge oder aber die Deutschen aufgrund eines imaginierten Angriffes zu der schrecklichen Tat verleitet worden seien. Nichts davon lässt sich belegen. Was bleibt sind die Toten, die Einschusslöcher, die verkohlten Körper und die Zeugen, die sich mit einem Sprung aus dem Fenster oder versteckt unter blutigen Leichenhaufen das blanke Überleben sicherten.

Was Krieg wirklich bedeutet

Auch das Video von Rainer Diekmann wird bleiben. Der Volksbund präsentiert es im renovierten Ausstellungsraum der Kriegsgräberstätte La Cambe (Foto unten). Der Umgang mit den dort gewonnen Erkenntnissen ist oft nicht leicht, manchmal auch gar nicht möglich. 

„Mein Vater ist schuldig“, sagt Rainer Dickmann gegen Ende des Interviews, „das weiß ich – aber dennoch habe ich das alles nie wirklich begriffen“. Bezüglich seines Vaters, des Kriegsverbrechers, wäre dies wohl das Einzige, dessen er sich sicher sei. Er habe ohnehin nur eine blasse Erinnerung an ihn und später all seine Briefe verbrannt – auch den letzten, den er nur wenige Tage nach dem Massaker von Oradour in die Heimat sandte. Er blieb ungeöffnet, ungelesen, unwillkommen. 

Der 77-Jährige weiß nicht, was sein Vater darin geschrieben, womöglich sogar offenbart hat. Vielleicht war es auch nur Alltägliches ohne Belang. Aber dieser Brief, das Video und auch die kritische Beschäftigung mit der Zeit des NS-Regimes sind nicht das Ende, sondern das Wachhalten einer Erinnerung, die wohl alle Menschen angeht. Die Geschichte mahnt uns, nicht zu vergessen.

Maurice Bonkat

Maurice Bonkat
Redakteur
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