Pressemitteilung
Kriegsgefangene: Namen ermitteln, Schicksale klären
Ein gemeinsames deutsch-russisches Projekt will 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges Gewissheit bringen.
06. Mai 2020

Berlin/Moskau, den 6. Mai. In diesen Tagen gedenkt man in vielen Ländern dem Ende des Zweiten Weltkrieges vor 75 Jahren. In Moskau hat heute ein besonderes deutsch-russisches Projekt einen ersten Erfolg gefeiert. Ein Projekt der Erinnerung, das zeigt, dass man die Opfer des Krieges nie vergessen darf, aber auch ein Projekt der historischen Forschung.

Deutscher Botschafter übergibt biografische Daten von sowjetischen Kriegsgefangen an Russland

Zum 75. Jahrestag des Sieges der Alliierten über das nationalsozialistische Deutschland wurden heute erstmals digitale Kopien von Unterlagen über sowjetische Kriegsgefangene aus dem deutschen Bundesarchiv an Russland übergeben. Bundesaußenminister Heiko Maaß betonte in seinem Grußwort: „Die heutige Übergabe eines ersten Teils von bisher noch nicht erschlossenen Daten sowjetischer Kriegsgefangener und Internierter des Zweiten Weltkriegs ist ein sehr wichtiger Schritt in den bilateralen Beziehungen zwischen Russland und Deutschland“. Dies geschieht auf Grundlage einer im vergangenen Jahr zwischen dem Bundesarchiv und dem Staatlichen Militärarchiv der Russischen Föderation geschlossenen Vereinbarung. Die feierliche Übergabe durch den deutschen Botschafter in Moskau, Dr. Géza Andreas von Geyr, erfolgte um 14.00 Uhr Ortszeit im TASS Pressezentrum Moskau.

Bei den übergebenen Digitaldaten handelt sich um Unterlagen der ehemaligen Wehrmachtauskunftsstelle (WASt) bzw. der Deutschen Dienststelle zu sowjetischen Kriegsgefangenen, die in deutschem Gewahrsam verstorben sind, Krankenunterlagen (Röntgenbilder, Fieberkurven), persönliche Dokumente von Gefangenen, Militärausweise und Personalkarten.

Schicksal der Kriegsgefangenen – ein besonders dunkles Kapitel

Während des Zweiten Weltkriegs gerieten über fünf Millionen sowjetische Soldaten und Offiziere in deutsche Kriegsgefangenschaft. Mehr als drei Millionen von ihnen fielen den unmenschlichen Bedingungen der Gefangenschaft zum Opfer, viele wurden ermordet. Der deutsche Umgang mit sowjetischen Kriegsgefangenen zählt zu den größten Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs. In sowjetische Kriegsgefangenschaft gerieten ca. 3,15 Millionen deutsche Soldaten, mehr als eine Millionen kamen ums Leben.

Den Toten die Namen wiedergeben – in Russland und in Deutschland

Heute arbeiten Deutschland und Russland gemeinsam daran, den Kriegsgefangenen beider Seiten ihre Namen und Biografien zurückzugeben. Dazu werden Archivdokumente aus russischen, deutschen und internationalen Archiven erschlossen und aufbereitet, um sie für die humanitäre Schicksalsklärung, die historische Forschung und gedenkkulturelle Arbeiten nutzen zu können. Der Außenminister der Russischen Föderation Sergej Lawrow unterstrich in seinem Grußwort die enorme Dimension der Aufgabe: „Dank der langjährigen und mühsamen Arbeit von Historikern, Archivaren und Technikern wird Licht in das Schicksal von bis zu 8 Millionen Menschen gebracht.“

Das Projekt wurde am 22. Juni 2016 durch eine gemeinsame Erklärung des deutschen Außenministers Dr. Frank-Walter Steinmeier und seines russischen Amtskollegen Sergej Lawrow ins Leben gerufen. Der Träger auf der deutschen Seite ist der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., der das Projekt im Auftrag des Auswärtigen Amtes zusammen mit der „Abteilung für die Wahrung des Andenkens an die gefallenen Vaterlandsverteidiger“ im Verteidigungsministerium der Russischen Föderation koordiniert.

Für das binationale Projekt stehen besondere Datenbanken zur Verfügung

Das Deutsche Historische Institut Moskau führt im Rahmen des Projekts die Recherchen zu den sowjetischen Kriegsgefangenen durch. Die Materialien zu sowjetischen Gefangenen werden in Russland in der vom Projektpartner ELAR AG betriebenen Datenbank OBD „Memorial“ bereitgestellt. Auf deutscher Seite verwaltet die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg die Daten im Auftrag des Bundesarchivs in der Online-Datenbank „Memorial Archives“. Außerdem bemüht sich der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes als Teil des internationalen Suchdienst-Netzwerks der weltweit 190 Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften und des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) um die Klärung der Schicksale deutscher Kriegsgefangener. Die Informationen werden in der Suchdienstleitstelle München verwaltet.

Schicksalsklärung ist ein besonderes wichtiges Anliegen des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Den sowjetischen Kriegsgefangenen ihre Namen und ihre Biografien wiederzugeben ist ein wichtiges Element der Versöhnung zwischen Deutschland und Russland, für das der Volksbund als Träger gerne Verantwortung übernimmt. Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan sagte per Videobotschaft: „Die Dokumente aus dem deutschen Bundesarchiv, die wir heute übergeben können, sind ein Baustein im großen digitalen Gedächtnis, das wir gemeinsam erarbeiten“.

Weitere Übergaben von Daten sollen folgen. So werden ein Dreivierteljahrhundert nach Ende des Zweiten Weltkrieges Familien Gewissheit über das Schicksal ihrer Vermissten erhalten – in Deutschland wie in Russland.

Hier können Sie die Radioreportage des Bayrischen Rundfunks anhören.

Informationen zum Projekt:

Dr. Heike Winkel mobil: +49 1732961708
heike.winkel@volksbund.de