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Neu-El Alamein – Vision mit Vergangenheit
Gedenken an die Toten vom Oktober 1942
23. Oktober 2018

Vertreter von mehr als zwanzig Staaten gedachten am 20. Oktober 2018 der Toten der beiden Schlachten um El Alamein in Ägypten vor 76 Jahren. Ort des gemeinsamen Gedenkens war der deutsche Soldatenfriedhof in El Alamein. Zugleich soll sich die bisher eher verschlafene Kleinstadt an der nordwestlichen Mittelmeerküste Ägyptens künftig in einen riesigen Business- und Touristenmagneten verwandeln – und zahlreiche Bauarbeiten laufen bereits: Es ist eines der großen Zukunftsprojekte des Landes und trägt den Namen „New El Alamein“.

76 Jahre nach dem Wendepunkt des Krieges in Nordafrika, dem Sieg der britischen Truppen und ihrer Verbündeten über das Deutsche Afrika Korps und die italienischen Verbände bei El Alamein, lud die deutsche Botschaft zu einer gemeinsamen deutsch-britischen Gedenkveranstaltung in das Oktogon des deutschen Friedhofes El Alamein. Hier sollte zum ersten Mal in einer gemeinsam ausgerichteten Gedenkstunde an das Leiden und die Leidtragenden, die Gefallenen, Verwundeten und deren Familien erinnert werden.

Viele Angehörige aus Deutschland

Diesem Ruf folgten auch 23 Angehörige von Kriegstoten aus Deutschland, die mit der vom Volksbund ausgelobten Reise schon einen Tag vor der Veranstaltung zum ersten Mal den Schatten spendenden Gruftbau, der Gebeine von über 4200 deutschen Soldaten birgt, betraten.  Viele der Angehörigen waren den langen Weg aus Deutschland angereist, um endlich einmal das Grab des eigenen Verwandten, des Vaters oder Onkels besuchen zu können.

Vor Ort eine derart aufstrebende Region vorzufinden, wo auf dreißig Kilometer um El Alamein herum alles eine einzige Baustelle ist, war dann auch für Bundesvorstandsmitglied Detlef Fritzsch kaum vorstellbar:  „Hotel neben Hotel wird hier auch für unseren Friedhof bedeutende Veränderungen in der Wahrnehmung bedeuten. Dass gerade der Neubau der Sommerresidenz des ägyptischen Präsidenten quasi direkt neben unserem Friedhof entsteht, ist auch schon ein Zeichen für sich.“

Mit Liebe zum Detail

Dies bestätigte auch der deutsche Verteidigungsattaché aus Kairo, Kapitän zur See Jan Otte, der die Veranstaltung mit viel Liebe zum Detail und Unterstützung seiner Mitarbeiterin Kersten Brügge und des Büroleiters Stabsfeldwebel Marcus Wagner sowie weiterer helfender Hände vom Volksbund organisierte: „Diese Region wird in vier bis fünf Jahren ihr Gesicht völlig verändert haben, touristisch hochwertig erschlossen und attraktiv, vor allem auch für Europäer. Der Volksbund sollte sich auf immens steigende Besucherzahlen einstellen. Gerne wollen wir den Volksbund dabei weiterhin nach Kräften unterstützen.“

Umgekehrt ist auch der Volksbund im ägyptischen El Alamein als Bauherr aktiv. Dabei geht es allerdings darum, dem sprichwörtlichen Zahn der Zeit entgegen zu wirken, denn vor allem der hohe Salzgehalt in der Luft nagt unablässig an der historischen Bausubstanz. Gleichzeitig sind auch das kunstvolle Mosaik sowie viele Gebäudebestandteile aus Metall inzwischen aufwändig renoviert beziehungsweise ersetzt worden. Davon konnten sich nun die Besucher der deutschen Kriegsgräberstätte vor Ort überzeugen.

Die deutsch-britische Initiative zum gemeinsamen Gedenken fand ebenfalls im Grußwort des deutschen Botschafters lobende Erwähnung – wenngleich keinerlei direkter Bezug zum Brexit ausgesprochen wurde, so dachten wohl viele der Besucher daran, dass das einende Band des Wunsches nach Frieden wohl hoffentlich auch in Zukunft wesentliche Richtschnur des Gedenkens und auch der Politik bleiben möge.

Fritzsch dankte dem deutschen Botschafter für die würdevolle Veranstaltung, die traditionell seit vielen Jahren vom Militärattachéstab der deutschen Botschaft in Kairo ausgerichtet wird. Er richtete sich an die extra angereisten Angehörigen, mit dem Wunsch, dass sie in ihren Familien weitergeben mögen, wie wichtig es ist, zusammen mit unseren internationalen Partnern an die vielen Toten dieses Krieges auch in Afrika, zu erinnern. Auch der deutsche Botschafter betonte diese Notwendigkeit und erinnerte in diesem Kontext auch an die zivilen Opfer in Ägypten.

„Die Leidtragenden des Krieges sind ganz wesentlich auch die Familien der Opfer, hier in Ägypten, in England, Italien, Griechenland und Deutschland, aber auch im heutigen Libyen und Tunesien – von wo die meisten Toten des Wüstenkrieges in Nordafrika stammen“, so Detlef Fritzsch beim Vortrag über die Arbeit des Volksbundes, vor der Reisegruppe von Angehörigen aus Deutschland am Vorabend der Gedenkveranstaltung.

Dass die Menschheit aus den Schrecken dieses Weltkrieges kaum gelernt hat, zeigt, dass ein Mitreisender, dessen Angehöriger auf dem deutschen Friedhof Tobruk in Libyen ruht, dessen Grab nicht besuchen kann. Der Volksbund kann aus Sicherheitsgründen seit Jahren keine Reise dorthin ausschreiben. Als kleinen Ausgleich dafür, übergab Fritzsch dem Angehörigen einen Abzug eines großformatigen Fotos der Kriegsgräberstätte Tobruk aus dem Jahr 1959, verbunden mit der Hoffnung, dass sich die Sicherheitslage für die Menschen vor Ort und auch für Besucher aus Deutschland schnell bessern möge.

Chor der Borromäerinnen

Die Gedenkveranstaltung auf dem Deutschen Friedhof in El Alamein wurde, wie seit vielen Jahren schon, wieder vom Chor der Deutschen Schule der Borromäerinnen aus Alexandria würdevoll musikalisch begleitet. Die jungen Schülerinnen trugen in beeindruckender Weise sowohl „Ich bete an die Macht der Liebe“ als auch klassische arabische Gesänge vor. Der Chor und die beiden Trompeter, die mit dem „Lied vom Guten Kameraden“ und „Last Post“ die Veranstaltung beendeten, vereinten damit hörbar die verschiedenen Kulturen der anwesenden Gäste: Neben dem griechischen Vizeaußenminister waren über zwanzig verschiedene Nationen vertreten, die mit dem Niederlegen von Kränzen an den Gräbern deutscher Soldaten ihren Wunsch nach Frieden und Zusammenarbeit zum Ausdruck brachten.

Dieser gemeinsame Wunsch nach Frieden zeigte sich auch bei den folgenden Zeremonien auf den italienischen, griechischen und Commonwealth Gräberfeldern in der Nähe der deutschen Anlage: Geprägt von Trauer über die Toten, geht der Blick in die Zukunft, mit dem Wunsch zur Zusammenarbeit, zum gemeinsamen Gedenken und Handeln. Die erste deutsch-britische Gedenkveranstaltung ist dazu ein Anfang.

Arne Schrader