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Schicksal eines Fremden: Angehörige gesucht
Georg Meyering ließen Erkennungsmarke und offene Fragen keine Ruhe
23. Juli 2020

Für Georg Meyering ist Erwin O. ein gänzlich Unbekannter, als ihm jemand die Erkennungsmarke aus dem Zweiten Weltkrieg zeigt. Nichts verbindet ihn mit dem jungen Mann, der sie bis zu seinem Tod im Juni 1944 in Frankreich trug. Und doch lässt ihm das Schicksal, für das sie steht, keine Ruhe, und er macht sich auf die Suche – auch beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Dass Angehörige nichts unversucht lassen, um Schicksale zu klären, ist verständlich. Dass aber ein Unbeteiligter nicht aufgibt, bis er Puzzleteile einer fremden Lebensgeschichte findet und zusammenfügt, ist eher ungewöhnlich.

Abgenommen und aufbewahrt
Georg Meyering war bis 2004 Bürgermeister der Gemeinde Rosendahl im westlichen Münsterland. Die deutsch-französische Partnerschaft mit der Gemeinde Entrammes in der Region Pays de la Loire führte ihn häufig nach Frankreich. Bei seinem jüngsten Besuch dort im Juni 2019 zeigte ihm seine Gastgeberin, eine langjährige französische Familienfreundin, die Erkennungsmarke. Ein deutscher Soldat hatte sie getragen, der am D-Day, am 6. Juni 1944, im französischen Laval gefallen war. Ihr Vater hatte sie ihm abgenommen und aufbewahrt. Was dann folgte, schildert Georg Meyering so:

„Das hat mich sofort fasziniert, ja elektrisiert: Galt da ein deutscher Soldat immer noch als vermisst, war sein Schicksal möglicherweise seinen Angehörigen niemals bekannt geworden? Sofort nach der Rückkehr aus Frankreich begann ich mit der Spurensuche: Beim Volksbund, bei der ehemaligen WASt – der 'Deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht', die seit einigen Jahren dem Bundesarchiv angegliedert ist – und auch bei anderen Stellen. Es dauerte…

Online-Recherche beim Volksbund
Ein persönlicher Besuch im Bundesarchiv in Berlin brachte mich zusammen mit der Online-Recherche beim Volksbund ans Ziel: Die Erkennungsmarke gehörte dem Obergefreiten Erwin O. (Name ist der Redaktion bekannt), geboren am 3. Juli 1923 in Frankfurt am Main, gefallen knapp einen Monat vor seinem 21. Geburtstag. Am Dienstag, den 6. Juni 1944, in Laval, dem Nachbarort unserer Partnergemeinde.

Den Nachnamen gibt es zwar noch in Frankfurt, aber Anrufe dort brachten mich nicht weiter. Vielleicht hatte er gar keine Angehörigen mehr: Sein Tod wurde noch im Januar 1945 beim Standesamt Frankfurt beurkundet, sein damals noch lebender Vater erhielt auch Nachricht. Aber nach 1945 hatte sich niemand mehr nach ihm oder seiner Grablage erkundet – ich war tatsächlich der erste an ihm interessierte Nachfragende seit 1945!

Blumenschmuck für das Grab zu Weihnachten
Mein Ziel: Ich möchte noch etwas mehr aus seinem kurzen Leben erfahren, vielleicht auch ein Bild und Briefe auftreiben. Ich werde weitere Quellen auftun. Weihnachten 2019 habe ich beim Volksbund Blumenschmuck für sein Grab in Auftrag gegeben und mir für meinen nächsten Besuch in Entrammes vorgenommen, es zu besuchen. Es liegt nur knapp 150 Kilometer entfernt.

Nach vielen weiteren Recherchen, Telefonaten, Schrift- und Mailverkehr hat sich am 12. Februar 2020 doch noch eine Familienangehörige telefonisch bei mir gemeldet: eine Nichte des Gefallenen, Tochter seiner jüngsten Schwester. Sie hat mir berichtet, dass nach dem Tod ihrer Großmutter – der Mutter des Soldaten Erwin O. – 1965 alle Unterlagen, alle Fotos und Briefe vernichtet worden seien, was sie heute sehr bedauere. Ihre Bitte, ihr ein Foto der Erkennungsmarke zu schicken, habe ich umgehend erfüllt.

Gedenkstein auf der Familiengrabstätte
Sie kann sich noch daran erinnern, dass sie mit ihrer Großmutter regelmäßig die Familiengrabstätte besucht hat, auf der es auch einen Gedenkstein für den Gefallenen gab. Trotz der Mitteilung, dass alles vernichtet worden sei, bat ich die Nichte, noch einmal in der Familie zu forschen, ob vielleicht doch noch irgendwo ein Foto des jungen Soldaten in einem vergessenen Album schlummert.

Das hat sie dann getan – und zwar erfolgreich: Bei einem anderen Neffen des Gefallenen, ihrem Vetter also, fand sich noch ein Album, in das gleich zwei Fotos eingeklebt waren. Unfassbar: Es ist eigentlich noch ein Junge, den man da sieht, in Uniform allerdings, irgendwie verkleidet…

Hitler-Bild mit Füßen getreten
Zwei ‚Fußnoten‘ lieferte die Nichte gleich mit: Die erste: Als der Vater des Gefallenen vom Tode seines Sohnes erfuhr, habe er das damals in jeder Wohnung obligatorische Hitler-Bild von der Wand gerissen und zertreten! Die zweite: Nach Kriegsende sei eine junge Frau zur Mutter des Gefallenen gekommen und habe sich nach Erwins Verbleib erkundigt. Als sie erfuhr, dass er gefallen war, sei sie in Tränen ausgebrochen und einfach fortgelaufen. In ihrer Verwirrung habe es die Mutter versäumt, die junge Frau nach ihrem Namen und sonstigem zu befragen – auch das eigentlich unfassbar.

Immerhin gibt es jetzt zu der Erkennungsmarke einen Namen und ein Gesicht – für mich und für andere. Mehr 75 Jahre nach diesem frühen Tod!"

Gräbersuche online des Volksbundes
Mehr als 4,8 Millionen Namen sind schon in der Gräbersuche online des Volksbundes verzeichnet. Und in den kommenden Jahren werden noch rund 500.000 weitere Namen in die Datenbank aufgenommen. Führt die Recherche dort nicht zum Ziel, ist eine individuelle Suchanfrage beim Volksbund der nächste Schritt.

Grabschmuck lässt sich für die meisten der 832 Kriegsgräberstätten, die der Volksbund in 46 Ländern pflegt, in Auftrag geben. Der über 100 Jahre alte, gemeinnützige Verein finanziert seine Arbeit hauptsächlich aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden.