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Solidarität über Grenzen hinweg: "Bleibt behütet und vereint"
Volksbund in aller Welt – heute: Stimmen aus der Jugend- und Bildungsarbeit aus Italien, Rumänien, Dänemark und dem deutsch-polnischen Grenzgebiet
13. April 2020

Deutschland in Woche vier der Krise, das soziale Leben ist weitgehend zum Stillstand gekommen. Aber wie sieht es in anderen Ländern aus? Wir haben Kolleginnen des Volksbundes aus der Jugend- und Bildungsarbeit gebeten, Stimmen zu sammeln – in Italien, Rumänien, Dänemark und auf dem Golm auf Usedom an der polnischen Grenze.

Heike Baumgärtner (Jugend- und Bildungsreferentin im Landesverband Baden-Württemberg) und Angelika Müller (Bildungsreferentin für internationale Jugendbegegnungen in Kassel) stellen den Antworten ihre eigene Einschätzung der Lage voran:

Geschlossene Grenzen in Europa – das ist nur schwer zu verstehen und den meisten jugendlichen Teilnehmenden des Volksbundes unbekannt. Für sie und für viele Volksbund-Mitarbeitende gehört Mobilität über Grenzen zum Alltag. Internationale Kontakte und Partnerschaften füllen den Leitspruch „Gemeinsam für den Frieden“ mit Leben. Dazu gehören auch die persönlichen Begegnungen mit Menschen in anderen Ländern und das Kennenlernen anderer Kulturen. Dieser unmittelbare und bereichernde Kontakt fällt durch die aktuellen Vorkehrungen gegen die weitere Ausbreitung des Corona-Virus weg.

Die neue Realität der eingeschränkten Freiheiten zum Wohle aller bringt große Herausforderungen für jede und jeden einzelnen mit sich. In Zeiten, wo jeder um das gesundheitliche Wohl seiner Familie und Freunde besorgt ist und nicht wenige um ihre Existenz fürchten, fragen sich viele, wie und vor allem wann es wieder anders weitergeht. Diese Frage stellen wir uns natürlich auch in der Jugend- und Bildungsarbeit des Volksbundes.

Tiefe Solidarität und Mitgefühl
Schulklassen mussten ihre Fahrten in die Jugendbegegnungsstätten absagen, Projekttage in Schulen wurden gestrichen, und die Workcamps werden nur durch offene Grenzen international. Was wir nun vor allem brauchen, ist Geduld. Aber nicht nur wir müssen die Situation meistern, sondern auch unsere Kooperationspartner im Ausland, unsere ehrenamtlich Mitarbeitenden und die Teilnehmenden in Deutschland und ganz Europa.

Viele Aktionen deutschland- und europaweit zeugen von einer tiefen Solidarität und Mitgefühl mit den am stärksten Betroffenen. Italien macht es vor: „Altra tutto bene“ – für das von Corona besonders hart betroffene Land ist dieser Slogan ein Hoffnungsschimmer, ein Zeichen der Solidarität und des Zusammenhalts.

Auch der Jugend- und Bildungsbereich des Volksbundes möchte in dieser Zeit ein Zeichen setzen und Mut machen. „Gemeinsam für den Frieden“ – auch diese Krise können wir nur gemeinsam meistern. Darum sind wir als Zeichen der tiefen Verbundenheit mit allen in engem Kontakt. Wir haben viele unserer Partner gefragt, wie es ihnen geht. Ihre Statements geben einen Eindruck über die aktuelle Situation in ihrem Land und darüber, was ihnen jetzt wichtig ist:

Maria Gabriella Sementa
deutsch-italienischer Freundschaftsverein in Avellino (Italien):


„Liebe Frau Baumgärtner,

ich hoffe sehr, dass es Ihnen gut geht. Die Situation hier ist absolut extrem, sogar unmenschlich... Man   verbringt die ganze Zeit zu Hause... und wartet... Worauf? Auf ein Wunder, auf eine gute Nachricht von der Regierung, von den Behörden, von den Fachärzten, von den Forschern!
Dagegen am Folgetag wird alles so sein wie am Vortag... Seit mehreren Wochen leben wir wie unter Hausarrest, in totaler Isolation! Das ist kein Leben mehr!!! Das ist ja wie in einem sehr schlimmen Alptraum... Noch bis Anfang Mai (mindestens!) müssen wir obligatorisch zu Hause bleiben... Alles wurde hermetisch versiegelt, Schulen an der ersten Stelle!
Aber wir SüditalienerInnen haben es noch nicht so schwer wie in Norditalien... Zufällig sind wir noch verschont: Wenn unser Glück aussetzt, sind wir hier verloren!
Natürlich müssen meine DeutschlernerInnen auf alle außerschulischen Initiativen verzichten.
So läuft hier das Leben an der italienischen Front... Vielleicht kann doch noch alles gut enden...
Bleiben Sie gesund!
Maria Gabriella Sementa“

Florin Badau (24)
Workcamp-Teamer aus Bukarest (Rumänien):

„Das ganze Europa sieht derselben Krise ins Auge. Von Norden bis Süden und von Westen bis Osten tragen alle Menschen dieselben Gedanken und Hoffnungen. Angst und Unsicherheit dürfen uns aber nicht davon abhalten, uns gegenseitig zu helfen. Obwohl wir weit voneinander bleiben müssen, ist jetzt die Zeit, uns nah zu stehen. Freundlichkeit, Verständnis und besonders Solidarität zwischen Menschen und zwischen Länder sind wichtiger heute als je zuvor. Solche schweren Zeiten sind Gelegenheiten, das Beste von uns zu zeigen.“

Anne Sofie Vemmelund Christensen
Projektleiterin der Varde-Museen, zuständig für den Aufbau des Museums zum Thema Flucht in Oksbøl (Dänemark):

„Dänemark ist nun schon seit zwei Wochen abgeriegelt, und eine der Konsequenzen ist, dass ich zu Hause an unserem Esstisch arbeite. Meine beiden Kinder sitzen neben mir, da ihre Schule ebenfalls geschlossen worden ist. So kann ich ihnen bei ihren Schularbeiten helfen und dabei auch selbst arbeiten. Es ist nicht optimal, funktioniert aber ganz gut. Es ist außerdem schön, so viel Zeit mit ihnen zu verbringen!

Mir ist auf jeden Fall bewusst geworden, wie viel mir Freunde, Familie und Kollegen bedeuten – ich habe lange Zeit niemanden von ihnen gesehen und vermisse sie alle. Das ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, als ich mein erstes Online-Meeting mit einem Kollegen hatte, nachdem ich schon ein paar Tage von zu Hause gearbeitet habe. Ich habe mich so gefreut, ihn auf meinem Computerbildschirm zu sehen!
Diesen Freitagnachmittag treffe ich meine Kollegen zum virtuellen Bingo-Spielen. Ich glaube, das wird viel Spaß machen und es wird schön sein, alle Kollegen zu sehen, ohne im selben Raum zu sein.

Bleibt behütet – und bleibt vereint, auch wenn ihr für einige Zeit getrennt bleiben müsst. Es ist wichtig, dass wir trotz des Covis-19-Virus die europäische Gemeinschaft und Solidarität nicht vergessen.“

Mariusz Siemiątkowski (wissenschaftlicher Leiter)
und Kinga Sikora (pädagogische Leiterin)
Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte Golm auf Usedom:

„In der Nacht vom 14. auf den 15. März wurde die in der Nähe liegende deutsch-polnische Grenze auf der Insel Usedom das erste Mal seit 2007 wieder geschlossen. Ausweiskontrollen und medizinische Check-Ups standen nun an den Grenzübergängen auf der Tagesordnung. Nur polnische Berufspendler, so auch wir, die in Świnoujście (Polen) wohnen und in der JBS Golm in Kamminke (Deutschland) arbeiten, durften ausnahmsweise die Grenze noch passieren. Seit der Nacht vom 26. auf den 27. März sind die deutsch-polnische Grenzen auch für polnische Pendler komplett geschlossen.

Eine kleine Insel – aufgeteilt in zwei Länder. Das in den vergangenen Jahren entstandene Zusammenwachsen, das alltäglich gewordenen und wechselseitige Überschreiten von Ländergrenzen sowie die Stärkung der deutsch-polnischen Zusammenarbeit sind nun wie eingefroren.

Alle auf der Insel Usedom machen sich Gedanken um Gesundheit, Arbeitsplätze und Freundschaften beiderseits der Grenze. Gemeinsame Sorgen und Ängste verbinden alle Insulaner, die nun mit der geschlossenen Grenze wieder geteilt wurden. Trotz der ernsten Situation blicken wir aber mit Hoffnung in die gemeinsame und gestärkte Zukunft. Wir freuen uns auf die neue Zeiten, auf neue Ideen, neuen Zusammenhalt und besonders auf unsere Gäste, die nach der Corona-Krise kommen werden.“