Nachricht
Studienfahrt der Auszubildenden des Landkreises Northeim in die internationale Jugendbegegnungsstätte in Niederbronn-les-Bains.
2. Tag
11. September 2019
  • Braunschweig

Was ist Gedenkarbeit und warum gedenken wir Kriegstoten?

Diese Fragen stehen im Mittelpunkt des zweiten Tags in Niederbronn-les-Bains. Joelle Krieger präsentierte uns ein vor der Hand banales Objekt: eine Baumscheibe, die einen schwarzen Fleck, eine merkwürdige Unebenheit zeigte. Der Baum war vor einigen Jahren in der Nähe von Niederbronn gefällt worden. Im Winter 1944 fanden hier heftige Kämpfe zwischen amerikanischen und deutschen Soldaten statt. In deren Verlauf traf ein Splitter den Baum, verletzte die Borke und das Splintholz. Der Baum wuchs weiter und schloss die Verletzung in seinem Stamm ein. Auf der Baumscheibe tritt sie uns heute als schwarzer Fleck, als Unebenheit entgegen. So wie diese Verletzung aus der Vergangenheit, die lange eingeschlossen und verdeckt war, wieder zum Vorschein kommt, so brechen auch Elemente der Vergangenheit immer wieder in unsere Gegenwart ein. Genau das erleben Besucherinnen und Besucher einer Kriegsgräberstätte wie der in Niederbronn-les-Bains. Plötzlich taucht eine schmerzvolle Vergangenheit auf – aber wie damit umgehen? Warum soll man sich dem überhaupt aussetzen?

Joëlle Kriegers Führung gab uns Antworten.
Da war zunächst der Ort selbst: mehr als 15.000 Tote sind hier bestattet worden – ein Ort, der Respekt einflößt. Und sofort stellt sich die Frage: wer waren die Toten? Alles arme Jungens, die gegen ihren Willen kämpften und starben? Alles Nazis, böse Täter? Joëlle Krieger forderte uns auf, genau hinzusehen, zu differenzieren und stellte uns mehrere Einzelschicksale vor: Nationalsozialistisch sozialisierte und fanatisierte Jugendliche, denen der Soldatentot als erstrebenswertes Ideal vorgegaukelt worden war; Kriegsverbrecher, die gegen alle Regeln unserer Zivilisation verstoßen haben; Berufssoldaten, die glaubten ihre Pflicht zu tun; junge Wehrpflichtige, die sich kaum dem Militärdienst entziehen konnten.

Was bedeutet ihr Tod heute? Am Grab von August Waigel, er starb im September 1944 mit 18 Jahren, fanden wir eine Antwort. Sein jüngerer Bruder Theo ging in die Politik. Als deutscher Finanzminister war er einer der Väter des Euro. Theo Waigels Generation war geprägt vom Krieg, von der Trauer um Angehörige. Darauf reagierte sie (jedenfalls in ihrer Mehrheit) nicht mit einer Glorifizierung des Soldatentodes, sie sprach nicht von Ruhm und Ehre, betrieb keinen Heldenkult, sondern eine Politik, die sich bemühte, die europäischen Völker einander anzunähern und gemeinsame Bezugspunkte zu schaffen. Der Euro, die gemeinsame europäische Währung, gehört dazu. Und daher legen Besucherinnen und Besucher Euromünzen auf den Grabstein von August Waigel nieder.

Hier zeigte Joëlle Krieger eine Karikatur: „le pull qui gratte – der Pullover, der kratzt“. Gewiss, die Europäische Union kann unbequem sein. Zieht man den Pullover aber aus, dann merkt man, wie kalt es werden kann. So drängte sich auf der Kriegsgräberstätte in Anbetracht der mehr als 15.000 Toten eine Botschaft auf: Die Europäische Union ein Friedensprojekt.

Text und Bilder:
Dr. Rainer Bendick, Bildungsreferent Volksbund Braunschweig