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Zwei Drittel geschafft dank guter Vorarbeit
Umbettungen 2020: Volksbund-Gruppenleiter organisierten viele Einsätze von Deutschland aus
13. Januar 2021

Gute Vorarbeit hat sich für den Volksbund an einer Stelle enorm ausgezahlt im vergangenen Jahr: für die Mitarbeiter des Umbettungsdienstes. Ihre Aufgaben waren besonders von den Einschränkungen durch Covid 19 betroffen, wie Thomas Schock (Leiter des Umbettungsdienstes) zusammenfasst. Dennoch war etwa zwei Drittel dessen, was geplant war, auch möglich. Die meisten Exhumierungen gab es in Russland und Polen sowie in Belarus/Ukraine.

Noch bevor die Außendienst-Mitarbeiter zur jährlichen Umbettertagung zusammenkommen konnten, traten  die Reisebeschränkungen in Kraft. Nur wenige Gruppenleiter durften in „ihre“ Einsatzländer reisen und dort zumindest einige Exhumierungen leiten. Der überwiegende Teil organisierte genehmigte, unaufschiebbare Arbeiten und Notausbettungen von der Heimat aus.

Dabei zahlten sich erneut vertrauensbildende Friedensarbeit, der Erfassungsvorlauf und die Ausbildung von Kräften vor Ort aus. „Wir sind in diesem Jahr allen Unterstützern, den ‚Ortskräften‘ und Freunden besonders dankbar“, sagt Thomas Schock. Dank der Kurzarbeit seien weiterhin alle Mitarbeiter an Bord. Allerdings hatten altersbedingt ein langgedienter Umbetter und ein Bereichsleiter den aktiven Umbettungsdienst des Volksbundes verlassen, was die Arbeit zusätzlich erschwerte.

„Trotz aller Bemühungen mussten wir die geplanten Umbettungszahlen kürzen“, zieht Thomas Schock Bilanz. Eine erste Prognose vom Vorsommer erwies sich aber glücklicherweise als zu pessimistisch, sodass mit 9.956 Umbettungen im Ausland zwei Drittel des ursprünglichen Jahressolls Ende 2020 abgeschlossen waren. 10.183 Umbettungen waren es insgesamt (mit Inland).

„Dieses Ergebnis ist auch den Erfassungsarbeiten der Vorjahre zu verdanken“, betont der Umbettungsleiter und bittet um Verständnis für alles, was nicht möglich war. Positiv sei nicht zuletzt, dass alle Mitarbeiter im Außendienst gesund nach Hause zurückgekehrt sind.

Im Folgenden sind alle Einsatzländer kurz vorgestellt. Zunächst die drei mit den meisten Ausbettungen, anschließend alle übrigen (alphabetisch geordnet). Der Blick auf Ausbettungen im Inland und der Ausblick auf 2021 setzen den Schlusspunkt.

Besonderheiten der Einsatzländer

Russland:

Mit 4.088 Exhumierungen ist Russland weiterhin das wichtigste Einsatzland. Die Ortskräfte konnten unter besonderen Hygienevorschriften durchgehend arbeiten – allerdings nur in Tagesentfernung zu ihren Wohnorten und innerhalb der jeweiligen Oblast. Die Angestellten im Moskauer Büro mussten überwiegend im Homeoffice bleiben. Der Bereichsleiter war durchgängig vor Ort.

Polen:

3.435 Umbettungen übertrafen die Volksbund-Erwartungen für 2020 sogar. Einige sonst in anderen Bereichen arbeitende Außendienstmitarbeiter wurden einvernehmlich in Polen eingesetzt und arbeiteten mit bewährten "Ortskräften" und Firmen zusammen. Besonders erwähnenswert sind die überjährigen und jetzt abgeschlossenen Arbeiten in Krakau (Kraków).  

Belarus und Ukraine:

Bei allen Schwierigkeiten war in Belarus – wenn auch nicht in den Städten – durchgehendes Arbeiten möglich. In der Ukraine gab es Ausschreibungen für auslaufende Verträge, um die Weichen für die Zukunft zu stellen. Das Pandemiegeschehen war unübersichtlich: „Wir mussten immer kurzfristig auf Änderungen reagieren“, berichtet Thomas Schock.  Dennoch waren 1.719 Exhumierungen möglich. Die Volksbund-Büros in Minsk und Kiew waren durchgehend besetzt. Der Bereichsleiter war während der Saison vor Ort.

Estland:

In enger Absprache mit dem Bereichsleiter suchten die Honorarkräfte einige Kleingrablagen und exhumierten unter Aufsicht des estnischen Länderbeauftragten. Weil der Gruppenleiter des Volksbundes nicht vor Ort war, war es nicht möglich, die Gebeine innerhalb Jahresfrist vorschriftsgemäß einzubetten.

Frankreich:

Hier gab es personelle Verstärkung und eine Neuerung: Eine Pflegebereichsleiterin hat die Verantwortung für die Umbettungsarbeiten in Frankreich übernommen und wird derzeit sukzessive ausgebildet. Die ersten Einsätze erfolgten zusammen mit Gruppenleitern, die normalerweise in Osteuropa tätig sind.

Neu ist, dass Umbettungen in Frankreich künftig in die Jahresstatistik eingehen. Für das erste Jahr waren das 118 Umbettungen. Parallel liefen Sondierungsarbeiten mit Georadar und Geoelektrik am „Winterbergtunnel“ nordöstlich von Paris. Dieser verschüttete Tunnel soll die sterblichen Überreste von über 200 Gefallenen des Ersten Weltkrieges enthalten und ist illegalen Grabungen Dritter bedroht. Derzeit läuft das offizielle Genehmigungsverfahren in Abstimmung mit unseren französischen Partnern – der Umbettungsdienst hofft auf eine schnelle Zusage für die weiteren Arbeiten.

Kroatien:

Von Kassel aus musste der Gruppenleiter die Arbeiten dort organisieren. Die Bilanz: 322 Exhumierungen. Möglich war das dank des Vorlaufs an Erfassungen, gut ausgebildeten Kräften vor Ort und gutem Kontakte zur Genehmigungsbehörde. Besonderer Dank gilt der deutschen Botschaft in Zagreb für ihre Unterstützung. 2021 könnte Kroatien aufgrund der jüngst erhaltenen Erstinformationen zu vermuteten Grablagen, einer der Schwerpunkte des Umbettungsbereiches Mitte werden.

Lettland:

Dort war nur die Übernahme und Einbettung von acht Gefallenen auf der Kriegsgräberstätte Daugavpils (früher Dünaburg) möglich, da die Landesgrenzen unvermittelt geschlossen wurden und der Gruppenleiter noch in der Nacht unmittelbar zuvor Lettland verlassen und mit einer Fähre nach Deutschland zurückkehren musste. Ortskräfte übernahmen nach Zufallsfunden die Gebeine aus der Obhut von Gemeinden und suchten in Absprache nach Kleingrablagen. „Wir sind in diesem Jahr dem Brüderfriedhöfekomitee Riga besonders dankbar für seine Unterstützung“, sagt Thomas Schock.

Litauen:

Arbeiten in Litauen waren nicht möglich, obwohl Genehmigungen vorlagen. Das Pandemiegeschehen war derart dynamisch, dass ein Gruppenleiter an der polnisch-litauischen Grenze kehrtmachen musste. Sämtliche Arbeiten wurden wiederholt verschoben und sind jetzt für 2021 geplant.

Moldau:

Schon mehrfach beantragt war die Arbeitsgenehmigung für eine Grablage in einem Privatgarten. Schließlich erteilte der Grundeigentümer doch noch seine Zustimmung und Honorarkräfte bargen die Gebeine von 24 Gefallenen.

Montenegro:

Nach Informationen der deutschen Botschaft über mehrere Zufallsfunde organisierte der Gruppenleiter die Umbettungsarbeiten von Deutschland aus. Sechs Kriegstote wurden geborgen. Von dieser Grablage hatte der Volksbund zur keine Kenntnis gehabt.

Rumänien:

Auch dort waren aufgrund der Pandemie keine Umbettungsarbeiten möglich.

Slowakei:

In enger Absprache mit dem Gruppenleiter exhumierte eine langjährige Honorarkraft vor Ort Feldgrablagen überwiegend in den östlichen Landesteilen. Meldungen kamen vor allem von den örtlichen Polizeibehörden und dem slowakischen Innenministerium. 56 Kriegstote sind geboren.

Slowenien:

In Absprache mit lizenzierten Archäologen war die Exhumierung einer Grablage im Südwesten des Landes möglich. Schon mehrfach waren die Arbeiten wegen behördlicher Auflagen verschoben worden – und dann doch kurzfristig möglich. 31 „Einzeltote“ aus einem Massengrab, Opfer der Rückzugsgefechte im Zweiten Weltkrieg, wurden so geborgen. 

Tschechien:

Pandemiebedingt fanden auch in diesem Land keine geordneten Umbettungsarbeiten statt. Nach wie vor ist die Arbeit des Volksbundes in Tschechien stark eingeschränkt, weil noch immer ein bilaterales Kriegsgräberabkommen fehlt.

Ungarn:

In enger Absprache mit dem Umbettungsdienst in Kassel exhumierte eine Honorarkraft Kleingrablagen. Über sämtliche der 149 exhumierten Gefallenen lagen bisher keine Informationen vor oder die Suche nach ihnen war bis dahin vergeblich gewesen. „Hier bewährt sich erneut die langjährige Arbeit mit unserer muttersprachlichen Honorarkraft“, betont Thomas Schock.

Inland:

227 Umbettungen waren es 2020 im Inland. Dabei handelt es sich vor allem um Zufallsfunde bei Bauarbeiten. Hier zahlte sich die gute Zusammenarbeit mit den professionellen Munitionsräumdiensten aus.  Ein Höhepunkt war die Einladung der thüringischen Umbettungsgruppe durch Ministerpräsident Bodo Ramelow zur Einweihungsfeier einer Gedenkstätte für KZ-Häftlinge in Berga/Elster – als Dank für die Sucharbeiten dort.

Ausblick

„Für 2021 rechnen wir mit 15.000 Umbettungen, was wiederum eine gewaltige Aufgabe ist“, sagt Thomas Schock. Sollten die Pandemie-Beschränkungen andauern, verschärft sich die Lage für dieses Referat des Volksbundes. Denn jetzt gibt es nur noch einen geringen Vorlauf an Erfassungen und Genehmigungen für Umbettungen. Die Möglichkeit, Arbeiten von Kassel aus zu leiten, besteht in deutlich weniger Fällen als 2020.

Ob es im Jahr 2021 endlich zur lange erwarteten Einbindung und Ausbildung von Freiwilligen kommen kann, wird sich zeigen. Eine große Hilfe verspricht sich der Volksbund schon jetzt von Georadargeräten, die er zum Teil schon angeschafft hat und im Einsatz hat und an denen er weitere Mitarbeiter schulen wird. „Wir hoffen, dass wir mit dieser Technologie, zusätzlichen Geräten  und weiteren Unterstützern endlich die Grablagen, die wir bisher vergeblich gesucht haben, kostengünstig und schnell lokalisieren können“, sagt Thomas Schock abschließend.


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