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Ukrainische und deutsche Erinnerungskulturen
Ein Bericht aus der Veranstaltungsreihe „Erinnerungskulturen in Gespräch“ - 100 Jahre Ende Erster Weltkrieg von Dr. Heike Dörrenbächer
11. September 2018

Das Ende des Ersten Weltkrieges beeinflusst die Diskussionen um die Unabhängigkeit der Ukraine bis heute. „Am Ende des Ersten Weltkrieges waren es vor allem geopolitische Faktoren, die verhinderten, dass die Ukraine einen eigenen Nationalstaat aufbauen konnte“, so Prof. Yaroslav Hrytzak, einer der renommiertesten Historiker der Ukraine. Prof. Gerhard Simon stimmte dieser Sicht zu und wies darauf hin, dass einige Staaten, die den geopolitischen Interessen der Großmächte nicht im Weg standen,  wie z.B. Polen und Finnland, 1918 erfolgreich Nationalstaaten aufbauen konnten. Auch heute befürchten manche Experten, wie z.B. der Historiker und Publizist Maksym Butchenko, Autor des Buches „1918. Stadt der Hoffnungen“, dass die Ukraine erneut zum Spielball geopolitscher Interessen, vor allem Russlands, werden könnte. 

Einen historischen Determinismus kann Dr. Susan Stewart, Ukraine-Expertin der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, nicht erkennen. Sie appellierte an die Verantwortlichen in der Ukraine, im Reformprozess nicht nachzulassen. Es gibt, so Stewart, auch heute noch in Deutschland Kreise, die die Ukraine, so wie in den Jahren 1920 bis 1991, im Umfeld Russlands einordnen. Umso wichtiger sei es, so Stewart, Reformen wie den Aufbau der Antikorruptionsbehörde, eines Gesundheits- und Rentensystems voranzubringen, damit sowohl im In- als auch im Ausland der Wandel und die Verankerung in Westeuropa gelingen.

Das Bild ist vom Freund-Feind-Denken geprägt

Ob die kurze Zeit der Eigenstaatlichkeit am Ende des Ersten Weltkrieges tatsächlich die Grundlage für die Nationalstaats-
gründung 1991 legte, blieb offen. Unstrittig zwischen den Experten war, dass 1918 die Idee der unabhängigen Ukraine und die kurze Existenz eines eigenen Staates, wenn auch unter deutschem Protektorat, eine eigene Dynamik zu entwickeln begann. Diese konnte trotz Repressionen auch in der Zeit der Sowjetunion nie ganz unterdrückt werden. Die Erinnerungs-
kultur der Ukraine heute ist weniger von den Ereignissen des Ersten Weltkrieges als vom Zweiten Weltkrieg geprägt. Sie ist staatlich politisiert und spiegelt unterschiedliche Strömungen in der ukrainischen Gesellschaft wieder. Das Bild ist stark von Freund-Feind-Denken geprägt. Dabei spielen unterschiedliche Heldenerzählungen, die unvereinbar nebeneinander stehen, eine große Rolle. Dies ist vielleicht auch nicht verwunderlich in einem Land, das sich im Krieg befindet. In der Erinnerungs-
kultur dominiert eher die Abgrenzung zur Sowjetunion und Russland. Die Zeit für eine vorbehaltslose, nicht politisch motivierte Aufarbeitung der ukrainischen Geschichte ist noch nicht gekommen. Einzelne Universitäten, Zeitschriften und NGOs setzen sich aber mit der Vergangenheit auseinander. Hier kommt der Katholischen Universität in Lviv, an der Prof. Hrytzak lehrt, eine besonders positive Bedeutung zu. Prof. Hrytzak betonte sein besonderes Anliegen, junge Historiker auszubilden, die sich mit der Geschichte ihres Landes, auch im internationalen Kontext, auseinandersetzen. Gleichzeitig ist Prof. Hrytzak Ko-Vorsitzender der Deutsch-Ukrainischen Historikerkommission. Diese denkt über die Einrichtung eines Deutschen Historischen Institutes in Kiew nach dem Vorbild ähnlicher Institutionen in anderen Ländern nach. 

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte ist eine notwendige Bedingung, auch die Gegenwart zu bewältigen 

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hat dies in seinem Motto „Erinnern für die Zukunft“ verinnerlicht. Gemeinsame Veranstaltungen von staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren, wie die Diskussion über das Ende des Ersten Weltkrieges und seine Auswirkungen bis in die Gegenwart, sind für eine gemeinsame Zukunft in Europa grundlegend. Deswegen wäre es wünschenswert, wenn ähnliche Diskussionen in diesem und anderen Formaten auch in Zukunft in Deutschland und der Ukraine stattfinden können.