Nachricht
Verbaler Extremismus liefert Pflastersteine für den Weg in den Krieg
Rede von Präsident Wolfgang Schneiderhan zum Empfang des Bundespräsidenten
25. Juni 2019

Sehr verehrter Herr Bundespräsident,

sehr geehrte Ehrengäste,

liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Haupt- und Ehrenamt

wir alle, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Haupt- und Ehrenamt des Volksbundes freuen uns über Ihren Besuch, verehrter Herr Bundespräsident, und sind auch stolz darauf, dass Sie heute bei uns sind. Danke für Ihre uns sehr motivierende Rede, danke für Ihre Unterstützung des Aufrufes, der gestern in großen Tageszeitungen erschien. Sie haben uns damit sehr geholfen. Danke auch für den Empfang.

Ihr Besuch in Kassel, Herr Bundespräsident, hat für uns einen besonderen Wert. Wir sehen ihn als Anerkennung unserer Arbeit, unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und unseres Engagement für Frieden und Verständigung in einem gemeinsamen Europa, einem Europa, das als Friedensmacht unser aller Zukunft gestalten soll.

Die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke hat uns nicht nur zutiefst erschüttert. Diese Schandtat muss uns aufrütteln angesichts der rechtsextremen Umtriebe und Netzwerke in unserem Land und leider auch in unserer Region. Dass es bei uns Milieus gibt, in denen Hass gepredigt und die Demokratie verächtlich gemacht wird, erlaubt uns nicht, einfach zur Tagesordnung überzugehen.

Nicht immer schlagen Worte in Gewalt um. Aber immer gehen der Gewalt Worte der Hetze, Propaganda und Schmähungen voraus. Andersdenkenden wird das Existenzrecht verbal streitig gemacht, bevor man dann auch ihre physische Existenz angreift.

Walter Lübcke hat das erfahren müssen. Selbst nach seiner Ermordung wurde menschenverachtende Häme über ihn ausgekippt. Sie, Herr Bundespräsident, haben das deutlich verurteilt.

Wir wollen und wir dürfen das nicht hinnehmen.

Damit, Herr Bundespräsident, habe ich den Auftrag des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge im Kern schon beschrieben.

Wer sich mit der Geschichte befasst, so wie wir das tun, weiß, wohin Hass und Extremismus führen. Kriege brechen ja nicht einfach aus, sie werden gemacht. Und sie werden vorbereitet durch die Herabwürdigung anderer und durch die Überhöhung des Eigenen - sei es der eigenen Nation oder der eigenen politischen Einstellung oder der eigenen Religion oder der eigenen Hautfarbe.

Aus der vermeintlichen eigenen Überlegenheit leitet man dann die Rechtfertigung dafür ab, andere als Unterlegene, als Minderwertige zu schmähen, zu schikanieren und sie auch zu töten.

Verbaler Extremismus liefert die Pflastersteine für den Weg in Krieg und Vernichtung.

Der Volksbund ist als Organisation nicht unpolitisch. Man kann sich nicht jeden Tag mit den Toten der Kriege, mit den Leiden der Opfer und ihrer Familienangehörigen befassen, und dann gleichgültig mit den Schultern zucken, wenn wieder Parolen verkündet werden, die wir aus den dunkelsten Stunden unserer eigenen jüngeren Geschichte kennen.

Diesen Parolen entgegenzutreten ist das Eine, ihr Entstehen schon zu verhindern das Andere, das viel Wichtigere.

Daher lautet das Motto unserer Woche „Frieden braucht Mut“. Deshalb ist unsere Bildungsarbeit neben dem Gräberdienst die zweite tragende Säule unseres Auftrages.

Wir betreiben vier eigene Jugendbildungsstätten, drei davon übrigens im Ausland, und organisieren internationale Jugendbegegnungen, in denen Jugendliche miteinander auf Friedhöfen und Gedenkstätten arbeiten, sich kennenlernen, austauschen – und ja, auch Spaß miteinander haben. Das ist die beste Schutzimpfung gegen Intoleranz.

Deshalb machen wir aus den Kriegsopferfriedhöfen Lernorte, ohne ihnen den Charakter als Stätten der individuellen Trauer zu nehmen.

Gerade junge Menschen können auf den Friedhöfen viel über die Schrecken des Krieges erfahren und in Seminaren und Veranstaltungen über die Chancen, Notwendigkeiten und Herausforderungen des Friedens diskutieren.

Wir werden in einer „Peace Line“, Sie kennen das Projekt, Jugendliche aus verschiedenen europäischen Ländern auf die Reise durch zwei bis drei Staaten schicken, damit sie sich dort miteinander an konkreten Orten der Erinnerung mit der europäischen Geschichte beschäftigen können.

Kurz gesagt: Wir wollen die Jugendlichen ermutigen.

Wir wollen den Mut stärken, sich für den Frieden einzusetzen.

Tatsächlich ist es nämlich der Frieden, der Mut benötigt. Mut zur Selbsterkenntnis, Mut zur Selbstbeschränkung, Mut zum Kompromiss, Mut auf den anderen zuzugehen, Mut zur Empathie, Mut zur Verantwortung, Mut zur Wahrhaftigkeit, Mut nein zu sagen und sich einer Kriegslogik, einer propagandistischen Strömung und menschenrechtwidrigen Anordnungen zu widersetzen,

Mut zum eigenen Gewissen und nicht zuletzt Mut, den rechtsextremistischen Schwätzern entgegenzutreten und ihnen deutlich zu machen, dass sie nicht für uns sprechen und dass er zu ihren Sprüchen und Taten eben keine schweigende Mehrheit gibt, sondern eine Mehrheit mit dem Mut, ihre Stimme zu erheben.

Das sind unsere Signale aus Kassel in unser Land, aber auch in die 46 Länder, in denen wir Friedhöfe pflegen und noch immer Kriegstote bergen, laute und öffentliche Signale während unserer Friedenswoche.

Danke an die Stadt Kassel für die gute Unterstützung.

Gräberdienst und Information, Bildung und Begegnung, Arbeit für den Frieden und gegen den Hass – das, Herr Bundespräsident, ist, was uns antreibt.

Ihr Besuch ist uns Ansporn für die weitere Arbeit. Noch einmal: ganz herzlichen Dank, Herr Bundespräsident!