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Verstecktes Mahnmal für NS-Opfer gefunden
Bei Warstein: Obelisk verschwand 1964 nach Volksbund-Umbettungen
05. Juni 2020
  • Nordrhein-Westfalen

Es ist ein Lehrstück in Sachen Erinnerungskultur: 1964 verschwand bei Warstein im Sauerland ein Mahnmal für sowjetische und polnische Opfer des NS-Regimes. Ein Protokoll des Volksbundes aus der Zeit deutet darauf hin, dass es damals auch aus seiner Sicht unerwünscht war. Heute steht das Gedenken an lange ignorierte Opfergruppen wie Kriegsgefangene und Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter beim Volksbund dagegen mit im Fokus.

Nach intensiver Vorarbeit führte die reine Suche recht schnell ans Ziel: "Die Vermutung lag nahe, dass der Obelisk oben im Wald auf dem aufgelassenen Friedhof vergraben worden ist", sagte Dr. Marcus Weidner im Gespräch mit dem Volksbund. Er ist Historiker am Institut für westfälische Regionalgeschichte des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) in Münster und arbeitet eng mit den Archäologen des LWL zusammen. Die drei Meter hohe Steinsäule war 1945 auf sowjetische Anordnung zum Gedenken an Opfer des NS-Regimes errichtet worden. Am 27. Mai 2020 hatte das Team sie wiedergefunden.

Täter und Opfer benannt
In mehreren Sprachen benennt das Mahnmal Verbrechen, Täter und Opfer. Die meisten Mordopfer stammten dem LWL zufolge aus der Sowjetunion. Im März 1945 hatten Exekutionskommandos der Waffen-SS und der Wehrmacht zwischen Warstein und Meschede an drei verschiedenen Stellen 208 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion und Polen ermordet.

Bestattet wurden 71 von ihnen auf einem Friedhofsareal, an dessen Rand das Mahnmal stand. Im Auftrag des Landes Nordrhein-Westfalen bettete der Volksbund 1964 die Gebeine der Ermordeten ins nahegelegene Meschede um. Dort wurden sie jedoch nicht auf der neu errichteten Kriegsgräberanlage in Eversberg bestattet, sondern – getrennt von den deutschen Kriegstoten – auf einem „Ausländerfriedhof“, einem Friedhof aus dem Ersten Weltkrieg. 

Intaktes Fundament bestätigt Vermutung 
Auf einem Gräberplan von 1963 fehlt das Mahnmal, und in dem Protokoll des Volksbundes heißt es, dass es abgebrochen worden sei – angeblich, weil auch unter dem Fundament Gebeine vermutet worden waren. Das hielt der LWL-Historiker für einen Vorwand, was er nun beweisen kann. Denn: Wäre eine Suche unter dem Fundament nötig gewesen, hätte man es zerstören müssen. Doch es ist komplett erhalten, wie archäologische Untersuchungen nun zeigen. Und: Alle 71 Einzelgräber waren gefunden, keins fehlte.

Marcus Weidner beschäftigt sich seit einigen Jahren mit diesen Warsteiner Morden so kurz vor Kriegsende. Er ging davon aus, dass das Mahnmal noch irgendwo zu finden ist - vermutlich ganz in der Nähe, was für den Abbruchbetrieb den geringsten Aufwand bedeutete. Intensive Suche mit analytischen Verfahren führte schließlich zum Ziel: Der Obelisk ist wiedergefunden – beschädigt, aber vollständig mitsamt dem Aufsatz.

Gedenkkultur hat sich verändert
Offenbar sei das Mahnmal "damals noch ein Dorn im Auge der Bürger gewesen", vermutet der Historiker, „denn es benennt die Taten sehr eindringlich“. Und das Protokoll hatte sein Verschwinden erklärt. Damit rücken Erinnerungs- und Verdrängungsmechanismen nicht nur der befassten Behörden und des Volksbundes, sondern auch der Bevölkerung in den Fokus der Recherche, die durchaus in die damalige Zeit passen.

Heute sieht der Volksbund seine Aufgabe als wichtiger Akteur einer modernen und verantwortungsbewussten Gedenkkultur auch darin, diese Verdrängungsmechanismen aufzuarbeiten. Dabei sollen – unter anderem im Rahmen der Bildungsarbeit - möglichst viele Schicksale auch von osteuropäischen Opfern von Zwangsarbeit und Kriegsgefangenschaft geklärt werden. Beispiele dafür reichen von lokalen Projekten wie die "Aktion Friedensbänder" 2019 in Dortmund bis zum Regierungsauftrag: Beim bilateralen Recherche- und Datenbankprojekt "Sowjetische und deutsche Kriegsgefangene und Internierte" hat der Volksbund die Koordination für Deutschland übernommen.

Bald ein Museumsstück
Was jetzt mit dem geborgenen Obelisken passiert, der der Stadt Warstein gehört, ist Marcus Weidner zufolge noch offen und muss mit der Stadt abgestimmt werden. Vielleicht wird er künftig auf einem Museumsgelände seinen Platz finden. Fest geplant jedoch ist, an den Tatorten, die mit dem Verbrechen in Verbindung stehen, Informationstafeln aufzustellen.

Einen ausführlichen Bericht zur Suche des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe finden Sie unter www.lwl.org.

Christiane Deuse
Redakteurin
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