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Kindheit und Krieg
Eine Ausstellung in Bielefeld
08. November 2011
  • Ostwestfalen-Lippe

Bielefeld. „Kinder sind in allen Kriegen immer die schwächsten Glieder.“ Mit diesen Worten eröffnet Tim Kähler, Erster Beigeordneter der Stadt Bielefeld, die Ausstellung „Kriegskinder – Begegnungen heute“ im Bauernhausmuseum Bielefeld. Rund einhundert Gäste sind zur Eröffnung der Ausstellung am Sonntag, dem 6. November 2011 erschienen, darunter auch viele, die den Zweiten Weltkrieg noch erlebt haben.

Viele Gäste fühlen sich an ihre eigene Kindheit erinnert. Denn die Ausstellung zeigt mehrere Schicksale von Kindern im Zweiten Weltkrieg. So zum Beispiel von Ursula Kutzner, die als 6-jähriges Mädchen aus Ostpreußen nach Thüringen flüchten musste. Oder von Adolf Wahl, der als 10-jähriger den Bombenkrieg in Karlsruhe erlebt.

Dargestellt werden diese Erlebnissen von Jugendlichen. Mit diesen Berichten hatten sie an einem Wettbewerb teilgenommen, den das Anne-Frank-Zentrum Berlin 2005 ausgeschrieben hatte. Jugendliche sollten in ihrem Umfeld nach Menschen suchen, die als Kind einen Krieg erlebt haben. Mehr als 1.400 Beiträge gingen ein, von denen sieben in der Ausstellung vorgestellt werden.

Die vorgestellten Schicksale zeigen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven den Zweiten Weltkrieg. Neben den Schicksalen deutscher Kinder kommt auch der Russe Jurij Besborodow zu Wort, der als Junge die Blockade Leningrads er- und überlebte. Der jüdische Junge Emil Adar aus Tschernowitz überlebte die Verfolgung im Getto und berichtet darüber im Filminterview.

Auch aktuelle Konflikte thematisiert die Ausstellung. So wird auch Moghim Rahmati vorgestellt, der im Afghanistan-Krieg seine Eltern verlor und als 15-Jähriger nach Deutschland flüchtete. So unterschiedlich die Erlebnisse auch sind, so ist haben sie alle eine Gemeinsamkeit: die Erfahrung von Angst, Ohnmacht und Hilflosigkeit.

Dass Kinder auch Soldaten sein konnten, dokumentiert ein Ausstellungsbeitrag des Volksbundes. Er stellt vier Schicksale sehr junger Soldaten vor, die den Zweiten Weltkrieg nicht überlebt haben und auf Kriegsgräberstätten bestattet sind.

Einer von Ihnen ist Hermann Dänner, geboren 1927 in Frankfurt am Main. Als Mitglied des Reichsarbeitsdienstes wird er noch im März 1945 an die Westfront verlegt. Dort kommt er nach nur sechs Tagen und nur wenige Wochen vor der Kapitulation ums Leben. Er wurde keine 18 Jahre alt. Hermann Dänner teilt damit das Schicksal von mehr als 40.000 Jugendlichen, die während des Zweiten Weltkriegs als Soldaten ihr Leben verloren.

Im Dritten Reich wurden Jugendliche auf den Krieg getrimmt, so z.B. in der Hitler-Jugend, aber auch in der Schule. Dies dokumentieren die „Kriegstagebücher“ der Stadt Bielefeld, die im Bauernhausmuseum in Vitrinen ausgestellt sind. In Auszügen können Besucher blättern und lesen, wie stark der Schulunterricht auf den Krieg ausgerichtet war. Ein Exponat macht dies besonders deutlich: eine Übungshandgranate aus Holz und Blech, hergestellt von einem Sportartikelhändler und kürzlich wieder aufgetaucht auf dem Dachboden einer Bielefelder Schule.

Keine 18 Jahre alt, aber Soldat – nach Definition der Vereinten Nationen gelten solche Jugendliche als „Kindersoldaten“. Dieses Thema ist alles andere als Geschichte: In rund 30 Staaten werden heute Jugendliche und Kinder als Soldaten eingesetzt. Man schätzt ihre Zahl weltweit auf 250.000. Dagegen wendet sich seit 10 Jahren die „Aktion Rote Hand“. Sie sammelt rote Abdrücke von Händen als Protest-Zeichen gegen den Einsatz von Kindersoldaten. Mehr als 150.000 wurden in Deutschland bereits gesammelt.

Auch die Ausstellungsbesucher können ihren Handabdruck hinterlassen. Viele machen Gebrauch von diesem Angebot, allen voran Tim Kähler, ehrenamtlicher Vorsitzender des Kreisverbandes Bielefeld des Volksbundes. „Mein Vater wurde als 17-Jähriger zur U-Boot-Marine eingezogen“, berichtet er den Anwesenden. Mit viel Glück hat er den Krieg überlebt. Deshalb und für meine Kinder setze ich mich für den Frieden ein.“ Kähler freut sich auf viele Ausstellungsbesucher, ältere wie jüngere, und hofft auf viele „rote Hände“ gegen den Einsatz von Kindersoldaten

Die Ausstellung ist bis zum 18. Dezember 2011 im Bauernhausmuseum Bielefeld, Dornberger Str. 82, zu sehen. Öffnungszeiten: Di – Fr 10 – 18.00 Uhr, Sa + So 11 – 18.00.

Die Ausstellung wird unterstützt von der Stiftung Gedenken und Frieden.

 

Stefan Schmidt