Nachricht
„Eine Mahnung an uns alle“
Präsentation der Forschungsergebnisse zur Kriegsgräberstätte Kloster Arnsburg
27. März 2019
  • Hessen

Vor 74 Jahren – am 26. März 1945 – wurden bei Hirzenhain im Vogelsberg 87 Frauen und Männer Opfer eines sogenannten Endphaseverbrechens von SS und Gestapo. Ihre sterblichen Überreste wurden 1959 auf die Kriegsgräberstätte Kloster Arnsburg umgebettet – als „unbekannte Kriegstote“ mit dem falschen Sterbedatum des 3. April 1945. Erst 1996, 51 Jahre nach der Ermordung der Opfer, kam es zu einem Austausch der Grabplatten und einer Erinnerung an das Schicksal der Toten über eine Informations- und Namenstafel an der Friedhofsmauer. Für den Landesverband Hessen war dies der Ausgang seines Forschungsprojekts zur historischen Aufarbeitung ausgewählter Kriegsgräberstätten in Hessen. Im Rahmen dieses Projekts neu gewonnene Erkenntnisse erforderten nun eine Überarbeitung der beiden Tafeln.
Zugleich wurden eine Informationstafel zur Geschichte des Friedhofs und 16 Biografien einzelner Kriegstoter erarbeitet. Neben den Toten aus Hirzenhain, Zwangsarbeitskräften, den Kindern von Zwangsarbeiterinnen, Kriegsgefangenen, Displaced Persons und KZ-Häftlingen sind dies auch Soldaten der Wehrmacht und der SS. Auch 13 Tote des Ersten Weltkrieges sind hier bestattet. Das Informationskonzept des Landesverbandes will diese Diversität des Friedhofs erklären, einen reflektierten Umgang mit der Geschichte erleichtern und die Schicksale der dort bestatteten Kriegstoten dauerhaft in das persönliche und das kollektive Bewusstsein rücken.

Mehr als hundert Personen folgten der Einladung zur gestrigen Veranstaltung, bei der die dokumentierten Ergebnisse der Forschung des Landesverbandes gemeinsam mit der Stadt und dem gräflichen Haus der Öffentlichkeit übergeben wurden. In seiner Begrüßung betonte Bürgermeister Bernd Klein, dass Orte wie dieser eine Mahnung an uns alle seien: „Krieg und Gewalt sind keine Option zur Bewältigung von Konflikten“. Er sei dankbar für den Beitrag des Landesverbandes zur Aufarbeitung der (lokalen) Geschichte und der Erinnerung an die Opfer.
Der Landesvorsitzende Karl Starzacher griff in seiner Rede nochmals die Herausforderung des Ortes als Gedenkort auf: „Wo SS-Männer neben KZ-Häftlingen begraben liegen, kann der Satz, im Tode seien alle gleich, keine Versöhnung stiften.“ Aber trotz allem verdeutlichten die Biografien in ihren Unterschieden „aus verschiedenen Perspektiven auch die Schrecken und die ideologisch motivierte Gewalt des nationalsozialistischen Regimes.“

Die Rechercheergebnisse des Forschungsprojekts werden die Grundlage für die historisch-politische Bildungsarbeit in der Region bilden. „Durch den Zugang über diese Einzelbiografien und eine Vertiefung mit weiterem Quellenmaterial soll Vergangenheit für junge Menschen greifbar gemacht werden. Zugleich soll ihnen der Raum gegeben werden negative gesellschaftliche Entwicklungen und Diskussionen zu reflektieren und auf ihr eigenes Verhalten und Handeln zu beziehen.“, so Starzacher in seiner Rede.
Schülerinnen und Schüler der Dietrich-Bonhoeffer-Schule Lich setzten sich bereits zum Volkstrauertag vergangenen Jahres mit der Kriegsgräberstätte auseinander und stellten im Rahmen der gestrigen Veranstaltung die 16 Biografien vor. Das erinnerungskulturelle Engagement der Schule ist mit dem Ort Kloster Arnsburg eng verbunden. Dies ist insbesondere dem Engagement von Jan Hildebrand zu verdanken, der das Projekt begleitete und die Kriegsgräberstätte auch mit weiteren Gruppen als regionalgeschichtlichen Lernort nutzen möchte.

Im Jahr des 100jährigen Bestehens des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge verdeutlichte die Veranstaltung aber auch den Wandel, den der Verein in den letzten Jahren vollzogen hat. Im Gegensatz zu KZ-Gedenkstätten oder anderen historischen Erinnerungsorten wurde die Bedeutung von Kriegsgräberstätten für die historisch-politische Bildung lange nicht erkannt. Auch der Prozess, sich die „Unauflöslichkeit der Spannung, die mit den Sammelfriedhöfen geschaffen wurde, einzugestehen, sie offenzulegen und auszuhalten“, so der Landesvorsitzende, brauchte Zeit. Karl Starzacher zitierte in diesem Zusammenhang seine eigenen Worte bei einer Gedenkveranstaltung an das Verbrechen von Hirzenhain im Jahr 1995: „Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge steht zu seiner Haltung, bei der Anlage und Pflege von Gräbern nicht in Täter und Opfer zu unterscheiden. Gerade dies verpflichtet aber dazu, historische Wahrheiten offen und deutlich auszusprechen. Das sind wir den Opfern schuldig, und es ist die Bedingung dafür, dass der Volksbund seinem selbst gesetzten Anspruch genügen kann. An dem Bewusstsein hierfür hat es gelegentlich gefehlt.“
Der Landesverband Hessen hat seitdem stetig daran gearbeitet, diesem Anspruch gerecht zu werden und auch das Leitbild des Gesamtverbandes von 2016 sagt deutlich: „Die Kriegsgräberstätten im In- und Ausland entwickeln wir als Orte des öffentlichen Gedenkens, der Erinnerung, der Begegnung und des Lernens weiter.“
„Nicht allein die Namen sind das Wichtige, sondern ihre Geschichte“, so Michael Keller, lautete die Forderung an den Volksbund in den Neunziger Jahre. Dass dies heute Konsens und „Maxime der Arbeit“ des Verbandes ist, freut den ehemaligen Friedberger Bürgermeister, der als Erster zu dem  Verbrechen von Hirzenhain forschte, sehr.

Mit Kloster Arnsburg kehrt die Aufarbeitung der Vergangenheit und das damit verbundene Forschungsprojekt des Landesverbandes an den Ort zurück, von dem sie 1996 ihren Ausgang nahm. Nach den Kriegsgräberstätten Ludwigstein, Bad Emstal, dem Hauptfriedhof Kassel und Runkel ist der Friedhof der fünfte Standort mit Einzelstelen. Karl Starzacher versprach: „Weitere Tafeln und Standorte werden folgen“.

Die Texte aller 16 Einzeltafeln sowie Bilder der Informationstafel im Durchgang zur Kriegsgräberstätte und der neuen Tafeln zu den bei Hirzenhain ermordeten Frauen und Männern sind hier zugänglich.