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Von Essen nach Dachau
Essener Schulen besuchen die KZ-Gedenkstätte Dachau und stellen dort ihre Projektergebnisse vor
05. Februar 2019
  • Düsseldorf

Essen. Im Rahmen des Projekts „Wenn nur noch Steine bleiben“ unternahmen 34 Schülerinnen und Schüler von insgesamt vier Essener Schulen (UNESCO-Schule, Viktoria-Gymnasium, Burggymnasium und das Berufskolleg Ost) und ihre Lehrerinnen und Lehrer vom 24.-27.01.2019 eine Fahrt in die KZ-Gedenkstätte Dachau. Hier setzten sie sich in Führungen und vertiefenden Seminaren intensiv mit der Geschichte des Konzentrationslagers auseinander. „Beim Besuch der Gedenkstätte wurde uns die Skrupellosigkeit und Unmenschlichkeit der früheren Nazis aufgezeigt“, erklärt Michael (Schüler am Berufskolleg Ost). Zudem präsentierten die Schüler*innen in Anwesenheit der Experten ihre vorläufigen Projektergebnisse. Im aktuellen Projektjahr erforschen sie die Biografien von 12 Essener Bürgern, die während der NS-Zeit im Konzentrationslager Dachau umgekommen sind und auf dem Parkfriedhof in Essen ihre letzte Ruhestätte haben. Eine der erforschten Biografien soll hier stellvertretend näher beleuchtet werden:

Peter Mai (Name geändert) ist am 14.01.1887 in Westpreußen, im heutigen Michalowo/Polen geboren. Er absolviert eine kaufmännische Ausbildung bei einem Rechtsanwalt und arbeitet anschließend als kaufmännischer Angestellter bei der Markisenfabrik A. Venski A.G. in Graudenz. Seine Tätigkeit dort wird unterbrochen durch Einberufung und Kriegseinsatz im Jahre 1915. Mai wandert im Januar 1920 aus, als Westpreußen in Folge des Versailler Friedensvertrages an Polen geht. Sein neuer Wohnsitz ist zunächst in Bottrop. Die folgenden 10 Jahre ist er als Lohnbuchhalter beim Mülheimer Bergwerks-Verein in Essen angestellt. Ab den 1930er Jahren wechseln sich Phasen der Arbeitslosigkeit und kurze Anstellungen bei verschiedenen Firmen im Ruhrgebiet ab. Zuletzt arbeitet Mai als Lohnbuchalter bei der Brauerei Jacob Stauder in Essen-Altenessen. Die erste Verhaftung und ein Gefängnisaufenthalt erfolgen im Jahr 1939 wegen „widernatürlicher Unzucht“. Im Juni 1941 wird er durch das Amtsgericht Essen wegen Vergehens nach §175 StGB zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt, die er in Bochum und Minden absitzt. Mai wird eine gute Führung attestiert und ein Rückfall gilt den Verantwortlichen als unwahrscheinlich. Es besteht auch die Möglichkeit, seine Arbeit als Lohnbuchhalter bei der Brauerei Jacob Stauder wieder aufzunehmen. Nichtsdestotrotz ordnet die Kriminalpolizei Essen am 24.12.1941 für die Zeit nach der Entlassung Vorbeugehaft an. Seine Spur führt ins KZ Groß-Rosen (im heutigen Polen), von wo aus er am 09.08.1942 in das KZ Dachau überstellt wird. Dort „verstirbt“ er am 15.09.1942. Die amtliche Todesursache lautet: Versagen von Herz und Kreislauf bei Bauchwassersucht.

Peter Mai wurde verfolgt und schließlich im KZ Dachau umgebracht, weil er homosexuell war. In Deutschland waren homosexuelle Handlungen bis in die 1960er Jahre hinein strafbar (§175 StGB) und homosexuelle Opfer des Nationalsozialismus hatten keinen Anspruch auf Entschädigung. Dieser Verfolgtengruppe wird neben anderen vergessenen Opfergruppen, wie beispielsweise Bibelforschern, Asozialen oder SAW-Gefangenen, in dem Projekt „Wenn nur noch Steine bleiben“ besondere Beachtung geschenkt.

Die Mitarbeiter*innen der Gedenkstätte waren sehr beeindruckt von den Forschungsergebnissen der Schüler*innen und diese wiederum nutzten die Gelegenheit, um die Experten im Hinblick auf Ungereimtheiten in den Biografien zu befragen. Viel positives Feedback ernteten auch die angehenden Friedhofsgärtner vom Berufskolleg Ost. Sie entwickeln im Rahmen des Projekts Ideen für die Umgestaltung der Kriegsgräberstätte zu einer modernen Gedenkstätte und stellten ihre Pläne ebenfalls vor. Der Besuch der KZ-Gedenkstätte war für alle Beteiligten in vielerlei Hinsicht eindrucksvoll und wird so schnell nicht in Vergessenheit geraten.

Das Projekt wird gefördert von der Stiftung Gedenken und Frieden, der Stadt Essen, der Sparkasse Essen und der Firma Deichmann.

Das Projekt „Wenn nur noch Steine bleiben“ ist ein 2016 begonnenes Kooperationsprojekt zwischen der UNESCO-Schule, dem Viktoria-Gymnasium, dem Haus der Essener Geschichte, dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. und dem Historiker Thomas Hammacher, der das Projekt initiiert hat und die Recherchen der Schüler*innen über den gesamten Projektzeitraum professionell begleitet. Das Projekt hat zum Ziel, die Biografien von 52 Essener KZ-Opfern, die auf dem Parkfriedhof in Essen bestattet sind, zu erforschen und die Kriegsgräberstätte als Gedenkort in der städtischen Erinnerungskultur zu verankern. Im Jahr 2018 wurde das Projekt um zwei weitere Schulen (Burggymnasium und Berufskolleg Ost) erweitert. Neue Ideen zur Weiterentwicklung des Projekts sind bereits in der Diskussion.

(Text und Bilder: Kinga Kazmierzcak)