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Vor 75 Jahren: Bomben auf Swinemünde
Gedenkfeier des Volksbunds auf der Kriegsgräberstätte Golm an der Ostsee
16. März 2020

Die Botschaft ist kurz und eindeutig: „Es wird aufgerüstet. Es wird nicht mehr abgerüstet, und das alarmiert uns. Die Gräber hier mahnen zum Frieden.“ Wer den Ort besucht, an dem Wolfgang Wieland als Vizepräsident des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge diese Mahnung aussprach, versteht die Dringlichkeit des Appells. Zu hören war er vielstimmig am 12. März 2020 - am 75. Jahrestag des Bombenangriffs auf das benachbarte Swinemünde (heute Świnoujście).

Auf dem Golm, der höchsten Erhebung der Insel Usedom, liegen Tausende von Kriegstoten begraben. Es ist die größte Kriegsgräberstätte in Mecklenburg-Vorpommern. Direkt nebenan stehen die Türen der Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte Golm des Volksbunds offen. Deren pädagogische Leiterin, Kinga Sikora, begrüßte rund 250 Gäste zu der Gedenkveranstaltung, unter ihnen mehr als 100 Schülerinnen und Schüler.

Niemand weiß genau, wieviele starben
Genau 75 Jahre zuvor hatten 671 US-amerikanische Bomber den Badeort an der Ostsee in Schutt und Asche gelegt. Die Zahl der – vor allem zivilen Opfer – schätzen Historiker inzwischen auf 4500 bis 6000. Kurz vor Kriegsende war die Stadt überfüllt mit ungezählten Flüchtlingen, Soldaten, Verwundeten. Den Überlebenden bot sich ein grauenvolles Bild.

Das Gedenken daran war Anlass zu vielstimmiger Mahnung am 75. Jahrestag: Dazu trugen außer Wolfgang Wieland mit einer Gedenkrede auch Schülerinnen und Schüler der Europäischen Gesamtschule der Insel Usedom aus Ahlbeck mit einer Rezitation bei. Pastor Henning Keine von der Kirchgemeinde Ahlbeck-Zirchow sprach Worte zur Geistlichen Besinnung. Das Totengedenken schließlich war auf polnisch und deutsch zu hören. Musikalisch schuf der Posaunenchor Friedrich aus Bansin den passenden Rahmen.

Kaum Zeit, die Toten zu bestatten
Als die US-amerikanischen Bomber Kurs auf Swinemünde nahmen, waren schon Kriegstote auf dem Golm begraben: 1944 war ein Soldatenfriedhof für mehr als 250 gefallene Marinesoldaten, eine U-Boot-Besatzung und mindestens 1000 Angehörige von Heer und Luftwaffe angelegt worden. Nach dem verheerenden Angriff blieb kaum Zeit, die Toten zu bestatten, geschweige denn zu registrieren. Zu nah war die Front, zu stark der Zustrom weiterer Flüchtlinge.

Etliche Opfer fanden in Bombentrichtern ihre letzte Ruhestätte. Mehrere Tausend Tote wurden von Pferdegespannen und Lastkraftwagen zum Golm gebracht. Etwa 500 identifizierte Zivilisten sind links des heutigen Eingangs der Kriegsgräberstätte begraben, der weitaus größere Teil wurde anonym in Gemeinschaftsgräbern bestattet.

Diskrepanz zwischen Schönheit und Verderben
Die Mahnung zum Frieden, die Wolfgang Wieland gegenüber NDR-Journalisten betonte, ergänzte seine Gedenkrede, bei der auch die Besonderheit des Ortes eine Rolle spielte. Denn: Zu früheren Zeiten war der Golm ein beliebtes Ausflugsziel gewesen. An wenigen der 832 Kriegsgräberstätten, die der Volksbund pflegt, sei die Diskrepanz zwischen Schönheit und Verderben so groß wie hier.

Umso mehr gilt an diesem Ort die Mahnung: "Jedes dieser Gräber hier, jeder Name ist ein Ausrufungszeichen, dass sich ein solch sinnloses großes Sterben niemals wiederholen darf." Wolfgang Wieland betonte aber auch, dass mit dem Bombardement von Swinemünde wie von vielen anderen Städten der von Deutschland ausgegangene Angriffs- und Vernichtungskrieg in sein Ursprungsland zurückgekehrt war.

Volksbund-Buch: Überlebende berichten
Der Golm stehe aber auch für Hoffnung: für die Hoffnung, dass der Mensch doch lernfähig ist. "Wenn wir den 75. Jahrestag der Bombardierung begehen, dann heißt das auch, dass wir selbst nun 75 Jahre Frieden erleben durften", sagte der Vizepräsident.

„Das Inferno von Swinemünde“ ist der Titel eines Buches, das der Volksbund 2001 als Band 22 seiner Allgemeinen Reihe herausgegeben hat. Diese Sammlung von Berichten Überlebender ist 2015 in dritter, völlig überarbeiteter Auflage erschienen. Erhältlich ist es beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (bitte "Band 22 kostenlos erhalten" angeben).

Mehr zum Bombenangriff auf Swinemünde und zur Kriegsgräberstätte Golm auf Usedom finden Sie hier und in einem Beitrag des NDR.

Christiane Deuse
Redakteurin
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