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Widerstand aus der Villa Rossi
1944 standrechtlich erschossen – 1995 posthum geehrt
28. August 2019

Am 25. August 2019 gedachte eine Delegation der oberitalienischen Stadt Albinea unter Leitung des Bürgermeisters, Nico Giberti, fünf erschossener deutscher Soldaten auf der Kriegsgräberstätte Costermano.

Die Männer hatten im August 1944 Kontakt zur italienischen Resistenza aufgenommen, um Ihre Funkstelle in der Villa Rossi an die Italiener zu übergeben. Nach damaligem Militärstrafgesetz war dies Verrat und Begünstigung des Gegners und musste zwangsläufig ein Todesurteil nach sich ziehen. Als die Vorgesetzten von dem Vorgang erfuhren und die Soldaten festgenommen werden sollten, widersetzten sich die Feldwebel Hans Schmidt aus Berlin und Erwin Bucher aus Nürnberg, wobei auch sie den Tod fanden. Die drei anderen Soldaten, Martin Koch, Karl Heinz Schreyer und Obergefreiter Erwin Schlünder (*21.12.21) verurteilte ein Standgericht zum Tode durch Erschießen, nach Vollstreckung des Urteils begrub man die Toten in Albinea, von wo sie 1958 auf den deutschen Soldatenfriedhof Costermano umgebettet wurden. Dort ruhen Ihre Gebeine noch heute.

Friedhöfe zu zeitgemäßen Lernorten aufgewertet

Im Rahmen des Projekts „19 für 19“ fanden die Biographien Schmidts und Schlünders Aufnahme in die neue Ausstellung, die seit August 2019 in Costermano zu sehen ist. Damit werden Friedhöfe zu zeitgemäßen Lernorten aufgewertet, um dem heutigen Besucher über die Biographien der dort ruhenden Toten Einblick in das damalige, historische Geschehen zu vermitteln. Von der Biographie ausgehend entfaltet die Ausstellung den zeitlichen Kontext, um zu erklären, wer die Toten waren, woher sie kamen und was zu ihrem Tod führte.

Im Dreisprung des „Trauerns – Erinnerns – Gedenkens“ verwirklicht der Volksbund auf der Stufe des Gedenkens den Anspruch, den Friedhof mit modernen didaktischen und technischen Mitteln zum zeitgemäßen Lern- und Gedenkort umzugestalten.

Zur Delegation gehörte Bernd Schlünder aus Iserlohn. Er ist der Neffe Erwin Schlünders und verfolgt seit Jahren das Schicksal seines Onkels, der in viel zu jungen Jahren sterben musste. Er stellte dem Volksbund große Teile des Materials zur Verfügung, das heute in der Ausstellung vom Leben und Sterben Erwin Schlünders zeugt.

Als die Stadt Albinea im Jahre 1995 diese fünf deutschen Soldaten zu Ehrenbürgern machte, begann ein Prozess der Neuausrichtung des Gedenkens auf dem Friedhof – vom Ehren zum Gedenken. Denn unter den fast 22.000 Toten auf dem Friedhof ruhen neben den fünf genannten Soldaten auch Mörder und Verbrecher. Männer, wie der SS Obersturmbannführer Christian Wirth, der im Rahmen der T4-Aktionen für den Mord an Kranken und bei seinem Einsatz in Konzentrationslagern und bei der Partisanenbekämpfung im Küstenland und in Trieste für unzählige weitere Verbrechen und Morde die Verantwortung trug.

Kontrapunktisch zeigen die Biographien Schlünders und Wirths, welche Eigenschaften der Krieg im Menschen entfesselt – dazwischen spannt sich der weite Bogen fast aller erdenklichen menschlichen Verhaltensweisen im Kriege: vom sittlich-religiös bestimmten Widerstand bis zur willfährigen Teilnahme oder gar der verantwortlichen Anleitung von Verbrechen.

Vor diesem Hintergrund vollzog sich die Gedenkveranstaltung auf dem Friedhof, zu der Dr. Reitz, als Leiter des „19 für 19-Projkets“ die Delegation auf dem Friedhof empfing und sie zum Grab Erwin Schlünders geleitete.

Dort erläuterte er das Konzept der neuen Ausstellungen. Vom Institut zur Erforschung der Resistenza (www.istoreco.re.it) begleitete Matthias Durchfeld die Delegation. Er gab seiner Freude darüber Ausdruck, dass der Volksbund nun mit der neuen Ausstellung einen Bogen spannt, der tiefere Einblicke in die Geschichte des Zweiten Weltkriegs in Italien und die Rezeption des Geschehens erlaubt.

Nach der Verlesung des Totengedenkens in deutscher und italienischer Sprache legte Dr. Reitz einen Kranz am Grabe Erwin Schlünders für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge nieder.

Danach begaben sich die Teilnehmer zur Gruft, wo Albineas Bürgermeister Nico Giberti die Bedeutung des Friedhofs als Erinnerungsstätte und der Versöhnung über den Gräbern als eine der großen Errungenschaften der Nachkriegsgeschichte würdigte.

Damit ist die Erinnerung an die Toten und das Geschehen des Zeitalters der Weltkriege ein steter Appell für den Frieden zu Hause und in der Welt.

Dr. Dirk Reitz