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Wir haben uns vor Gott und dem Gewissen geprüft, es muss sein.
Theo Waigel zum Gedenken an Graf von Stauffenberg
06. August 2019

Die folgende Gedenkrede des ehemaligen Bundesfinanzministers und CSU-Vorsitzenden Theo Waigel hielt er auf dem bayerischen Staatsempfang im Schloss Jettingen anlässlich des 75. Todestages von Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Zugleich ist Dr. Waigel seit dem Jahr 2008 Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung Frieden und Gedenken:

"In meinem Leben bin ich dem Namen und der Familie Stauffenberg in unterschiedlicher Weise begegnet. Anlässlich des zehnten Gedenktages des Attentats auf Adolf Hitler durch Claus Schenk Graf von Stauffenberg erschien in der Schwäbischen Landeszeitung ein Artikel über Graf Stauffenberg mit seinem Ausspruch: "Wir haben uns vor Gott und dem Gewissen geprüft, es muss sein." Dieses Zitat und die dahinterstehende Gesinnung und Verantwortung haben mich tief beeindruckt. Als wir wenige Wochen später einen Aufsatz zu schreiben hatten, verwendete ich dieses Zitat. Aufmunternd klopfte mir der Deutschlehrer auf die Schulter und bemerkte nur „sehr gut“. Das war meine erste Begegnung mit dem Denken Graf Stauffenbergs, der nur wenige Kilometer von meinem Heimatort im gleichen Tal der Mindel 1907 geboren wurde.

Jahrzehnte später in den sechziger Jahren traf ich auf seinen Sohn Franz Ludwig Graf Stauffenberg, der mit mir in der Jungen Union aktiv war. Er war stellvertretender Bundesvorsitzender der Jungen Union und hat später in einem spannenden innerparteilichen Wettkampf den Wahlkreis Starnberg für sich gewonnen. 1972 saßen wir nebeneinander in der sechsten Reihe des Deutschen Bundestages. Auch in der Zeit, als er Bayern im Europaparlament vertrat und später als Vorstandsmitglied im Bereich der Treuhand haben wir uns nicht aus den Augen verloren. Es hat der Demokratie in Deutschland und meiner Partei gutgetan, dass sich junge Staatsbürger mit diesem Lebenshintergrund in unser politisches Leben eingebracht haben.

Im Bundesministerium der Finanzen war anfangs der 90 er Jahre John von Freyend für die Treuhand und die Privatisierung von Bundesvermögen zuständig. Anlässlich eines persönlichen Gesprächs eröffnete er mir, sein Vater Major John von Freyend, Adjutant bei General Keitel, war zugegen, als Claus Schenk von Stauffenberg die Vorbereitungen auf der Wolfsschanze für das Attentat traf. Stauffenberg fragte John von Freyend, wo er das Hemd wechseln und sich frisch machen könne. Johns Ordonnanzoffizier Vogel bemerkte beim Vorbeigehen, wie Stauffenberg im Aufenthaltsraum an einem Gegenstand hantierte. Später schickte John seinen Oberfeldwebel zu Stauffenberg mit der Mitteilung, Stauffenberg möge sich für den Gang zur Lagebaracke beeilen. John rief vom Ausgang noch: „Stauffenberg, so kommen sie doch!“ Vor der Baracke blickten sich John und Stauffenberg wütend an. John wollte Stauffenbergs Aktentasche nehmen, hatte die Hand schon am Griff, doch Stauffenberg entriss sie ihm. John begleitete dann Stauffenberg zur Lagebaracke. Kurz vor der Lagebaracke gab Stauffenberg von Freyend seine Tasche und bat ihn, ihn nahe bei Hitler zu platzieren. Später verlangte Stauffenberg von John eine Telefonverbindung zu General Fellgiebel. Er ging zum Adjutanturgebäude und während er mit Fellgiebel telefonierte, erfolgte in der Lagebaracke eine Detonation.

In dieser zufälligen persönlichen Begegnung spiegelt sich die ganze Tragik des Geschehens am 20. Juli 1944 ab. Hätte John von Freyend Stauffenberg bei der Vorbereitung zur Zündung der Bombe nicht gestört, hätte er auch die zweite Bombe entsichern können und Hitler hätte diese Detonation nicht überlebt. Dabei wäre mit Sicherheit auch John von Freyend nicht am Leben geblieben. So stellt sich die grundsätzliche Frage nach der Rechtfertigung und moralischen Bewertung des Tyrannenmordes. Die Theologen haben eine solche Aktion sittlich gerechtfertigt, wenn das Böse für eine Vielzahl von Menschen anders nicht überwunden werden kann. Nach dem 20. Juli, in den zehn Monaten bis Kriegsende, sind mehr Menschen ums Leben gekommen als in den gesamten fünf Kriegsjahren davor. Darunter mehr als 4 Millionen Deutsche. Auch mein Bruder, der mit 18 Jahren, 50 Tage nach dem Attentat in Lothringen gefallen ist, hätte noch am Leben bleiben können, wenn das Attentat gelungen wäre. Die Möglichkeit unsägliche Verbrechen zu beenden und Millionen Menschen vor dem Tod zu retten rechtfertigen die Tat, die Graf Stauffenberg mit seinem Leben bezahlt. Mir ist ein Ausspruch von Friedrich Schiller in bleibender Erinnerung „Und setzet Ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein.“

Stauffenberg hat sein Leben gegeben, um das Leben von Millionen Menschen zu retten. Das macht ihn zum Helden, zum Vorbild, zur Lichtgestalt gerade in dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte.

Eine Ursberger Schwester namens Jubillata, die am 19. Januar 2015 verstarb, teilte ihrer Nichte mit, sie habe Graf Stauffenberg im Lazarett in Krumbad gepflegt und beim Abschied habe er ihr gesagt: „In dieser Welt werden wir uns nie mehr wiedersehen“.

Leider findet sich weder in den Unterlagen von Ursberg, noch in denen der Familie Stauffenberg ein entsprechender Hinweis, dass Graf Stauffenberg im Lazarett im Krumbad geweilt haben könnte.

Die Verantwortung vor dem Gewissen und die Verantwortung vor einer höheren Macht fand ich auch bei Harro Schulze- Boysen, der im Luftfahrtministerium zu Zeiten von Göring Dienst tat. Frühzeitig erkannte er das Verbrecherische dieses Regimes und übermittelte Nachrichten an die Rote Kapelle. Das hat man ihm in der Nachkriegszeit zum Vorwurf gemacht. Ihm allerdings ging es nicht darum, in Deutschland eine rechte durch eine linke Diktatur zu ersetzen, sondern um das Ende dieses schrecklichen Geschehens. Todesmutig und gelassen sah er dem Tod ins Auge, schrieb herzliche, liebevolle Briefe an seine Eltern. In seiner Zelle fand man später einen Vers, der bleibendes Zeugnis für die Nachwelt ist.

Die letzten Erdendinge

sind Strang und Fallbeil nicht.

Und unsere heutigen Richter

sind nicht das Weltgericht.

Diese Verse fand ich in einer kleinen Ausstellung im heutigen Bundesministerium der Finanzen in Berlin. Ich habe sie in mehreren öffentlichen Reden verwendet und damit Harro Schulze Boysen in den Kreis derer gerückt, die todesmutig die Schreckensherrschaft beenden wollten.

Den Neffen von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Alfred Bertolt war in seiner Heimat in Amerdingen und dem Ries ein hochangesehener Mann. Ihn habe ich im Kuratorium der Universität Augsburg bis vor wenigen Jahren angetroffen.

Dem Jettinger Schlossherrn Markwart Schenk Graf von Stauffenberg bin ich in meiner Zeit als Wahlkreisabgeordneter öfters begegnet. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass er ein Weg und- Leidensgefährte von Peter Jehle gewesen war, der gemeinsam mit ihm und weiteren drei Sippenhäftlingen sich zu Fuß von Dachau nach Südtirol begeben sollte, wohin die anderen Sippenhäftlinge mit einem Omnibus verbracht worden waren. Peter Jehle war ein entfernter Verwandter meiner Frau mit Wurzeln in Albisried bei Lengenwang. Er hatte mich vor etwa 20 Jahren auf einer Zugfahrt von Segen nach München angesprochen und angedeutet, dass er Josef Müller, den Gründer der CSU gekannt habe. Aus der Begegnung erwuchs eine Freundschaft und viele Zusammenkünfte im Allgäu. Erst allmählich gelang es mir, sein Schicksal zu ergründen. Er war ein wagemutiger Flieger im Zweiten Weltkrieg und wurde überraschend am 30. Oktober 1944 verhaftet, weil sein Vater, Kampfflieger im Ersten Weltkrieg, überraschend mit einem Flugzeug, das er überführen sollte, in die Schweiz geflüchtet war. Er wusste nicht wie ihm geschah und fand sich plötzlich im Kreis der Familien von Widerstandskämpfern wieder, die in Geiselhaft genommen worden waren. Mit ihnen und den prominenten Zeitgenossen musste der „kleine Jehle“, wie er sich selber bezeichnete, die verschiedenen Stationen der Konzentrationslager bis zum Schluss in Dachau erdulden. Am 8. April 1945 standen Dietrich Bonhoeffer und Peter Jehle nebeneinander in Schönberg (Oberpfalz) in einem Waschraum. Man begrüßte sich freundlich und Bonhoeffer feierte einen Tag vor seiner Hinrichtung mit den andern noch eine Andacht. Katholiken, Protestanten, Agnostiker und Kommunisten nahmen daran teil. Die Losung dieser Feierstunde lautete:  Durch seine Wunden sind wir geheilt. Bonhoeffer trug noch Grüße an einen Bischof in Frankreich auf und verabschiedete sich mit den Worten: „Das ist das Ende - für mich der Beginn des Lebens.“

 Auf dem Fußmarsch von Dachau in Richtung Südtirol machten sich die Bewacher der fünf Sippenhäftlinge aus dem Staub. Diese standen plötzlich vor einem amerikanischen Offizier, der ihnen glaubte und sie nach München zu vernehmenden Gesprächen bringen ließ. Die anderen Sippenhäftlinge wurden zunächst von einem deutschen Offizier und dann von den amerikanischen Besatzern in Sicherheit gebracht. Die Betroffenen, die so viel mitgemacht hatten, wollten über das furchtbare Geschehen nicht sprechen. Umso wichtiger war es, dass eine andere Zeitzeugin, Marie-Gabriele Schenk Gräfin von Stauffenberg, auch in Jettingen beheimatet, ihre Tagebuchaufzeichnungen zu Papier brachte und damit ein wichtiges Dokument für die Zeitgeschichte und für uns geschaffen hat.

Es waren nur wenige, die damals den Mut hatten so zu handeln. Einer großen Zahl fanatischer Nationalsozialisten und Hitler Anhänger stand eine noch größere Zahl schweigender und ohnmächtiger Menschen gegenüber. Dabei hätte doch jeder vernünftige Mensch spätestens im Jahr 1944 erkennen müssen, dass der Weg Deutschlands in einer Katastrophe enden würde. Mein 18-jähriger Bruder hat in den 61 Briefen, die er in gut einem Jahr von 1943 bis 1944 an seine Eltern und seine Geschwister geschrieben hat, nicht einmal von Kriegsbegeisterung, militärischen Erfolgen oder der Verehrung für Hitler berichtet. Wie konnte es kommen, dass nur wenige wie Graf Stauffenberg und seine Freunde im Widerstand das verbrecherische des Systems, die Aussichtslosigkeit des Krieges und die schrecklichen Folgen für die Menschen bedachten und ihre riskante Tat trotz der Gefahr für Leib und Leben wagten? Man kann diesen Männern die Frage stellen, ob die Tat und die Einsicht zur Tat schon früher hätte erfolgen müssen. Doch die Tat allein, der Tod von Hitler allein, hätte nicht ohne weiteres die Wendung zum Besseren gebracht. Die Tat musste einhergehen mit einem Plan, der Beseitigung der Führungsschicht und der Gewinnung des Rückhalts im Militär und der Zivilbevölkerung. Die immer wieder erhobenen Vorwürfe es sei nur um eine Änderung der Machtstrukturen gegangen, geht fehl. Stauffenberg hatte von den Mordaktionen an Juden erfahren, von Verbrechen an der Zivilbevölkerung und an Kriegsgefangenen in den besetzten Gebieten. Das hat ihn, den Patrioten mit Abscheu und Scham erfüllt. Die neuere Biografie von Thomas Karlauf, die nur auf das Ethos der Tat abzielt, die um ihrer selbst willen geschehen sei, geht fehl. Es ist keineswegs verwerflich, dass der Anschlag auf Hitler auch aus Sorge um Deutschland verübt wurde. Welches Deutschland Stauffenberg auch immer im Sinn hatte, er hat ethisch und moralisch gehandelt. Er hat den entscheidenden Schritt getan und den höchsten Preis dafür bezahlt. Ohne ihn gäbe es den 20. Juli 1944 als geschichtliches Datum nicht. Paulus van Husen hat als Mitverschwörer aus nächster Nähe formuliert, was die Tat am 20. Juli 1944 ausmachte: „Stauffenberg wäre nicht zum Handeln gekommen, wenn er nicht gewusst hätte, dass andere verantwortlich denkende Leute, denen er traute, sein Handeln als zwingend geboten ansahen, und wenn er nicht aufgrund der ihm bekannten Kreisauer Planungen überzeugt gewesen wäre, dass da ein Weg gewiesen war, um das deutsche Volk wieder zu Ehren zu bringen.“

Es ist an Unverfrorenheit nicht zu übertreffen, wenn die neue Rechte in Deutschland die Verschwörer für sich in Anspruch nehmen möchte. Wenn ein Funktionär der AfD angesichts der Ernennung von Annegret Kramp- Karrenbauer zur Bundesverteidigungsministerin den "Aufstand der Generäle" fordert, so ist das ein unverschämter Missbrauch der Geschichte. Man muss solchen Kräften mit allen demokratischen Mitteln entgegentreten und ihre üble Rolle entlarven. Die tapferen Männer und Frauen des 20. Juli und die Angehörigen der "Weißen Rose" dürfen nicht von Verleumdern der Demokratie vereinnahmt werden.

 Es war kläglich und eine Schande, wie man nach 1945 mit Graf Stauffenberg und seinen Freunden umgegangen ist. Dass die Witwe Stauffenberg jahrelang auf eine Rente warten musste, während die Witwe des Volksgerichtshofs-Freisler eine Pension bezog, ist und bleibt ein Makel der jungen Bundesrepublik Deutschland. Dass ein Subjekt wie Otto Ernst Remer, Spitzenkandidat der Sozialistischen Reichspartei, sagen durfte: "Die Verschwörer sind zum Teil in starkem Maße Landesverräter gewesen, die vom Auslande bezahlt wurden", ist ein ungeheuerlicher Vorgang der erst 1952 durch den mutigen Prozess des Generalstaatsanwalts Fritz Bauer zu einer strafrechtlichen Verurteilung führte. Dieser unsägliche Remer wurde zu lediglich drei Monaten Haft wegen Beleidigung verurteilt und entzog sich der Strafe durch die Flucht ins Ausland. Das alles ist kein Ruhmesblatt für die Nachkriegsjustiz in Deutschland. Wir hätten die Toten der damaligen Aktion und die Überlebenden wie Eugen Gerstemmaier, Josef-Ernst Fürst Fugger von Glött, Josef Müller (Ochsensepp) und die tapferen Sozialdemokraten, wie Otto Wels und Wilhelm Hoegner, stärker ins Bewusstsein rücken müssen. Sie waren zu bescheiden, sich ihrer Taten zu rühmen. Ein Mann wie der Anstaltsarzt in Ursberg, Martin Otto, sprach nie darüber, dass er und seine Familie den Widerstandskämpfer Professor Albrecht Haushofer ein Jahr versteckten und dafür ins Konzentrationslager geworfen wurden. Nur wenige hatten den Mut während der Hitlerzeit ihre Überzeugung zu äußern wie der frühere Superior von Ursberg, Huber, der dies in Briefen an den Bischof von Augsburg und den Kardinal von München kundtat. Eine evangelische Ärztin aus München Ilsabe Gestering verweigerte die Berichte an das Reichsinnenministerium, die als Grundlage für die Euthanasie auch in unserer Heimat dienten. Und Bischof Batista Sproll, der frühzeitig seine Stimme gegen die Euthanasie erhob, aus seinem Bistum verbannt wurde und im Krumbad von mutigen Schwesterngegen Nazinach-stellungen geschützt wurde.

Die meisten Zeitgenossen von damals nahmen schweigend und anteilslos zur Kenntnis, was geschah. Ich hätte mir nach 1945 gewünscht, dass Lehrer und Seelsorger, auch Politiker den Mut gehabt hätten, über die Zeit von damals zu sprechen. Wie befreiend wäre es gewesen, wenn unter den Pädagogen und Hochschulprofessoren wenigstens einige gewesen wären, die ihren Irrtum eingestanden und ehrlich darüber reflektiert hätten.

Spät, aber nicht zu spät, gedenken wir dieser großartigen Männer und Frauen, die den Mut hatten, ihrem Gewissen und ihrer Verantwortung vor Gott zu folgen. Claus Graf Schenk von Stauffenberg war der Mutigste unter ihnen. Der Ort, wo er geboren wurde, ehrt ihn mit einem Denkmal, damit auch künftige Generationen wissen, hier kam ein Großer zur Welt, der für Deutschland und seine Heimat Ehre eingelegt hat."

Theo Waigel