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Workcamps im Zeichen der Menschenrechte
Am 10. Dezember 1948 verkündeten die Vereinten Nationen die "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte"
10. Dezember 2020
  • Jugend

Der tägliche Blick auf die Nachrichten zeigt, dass Menschenrechte an vielen Orten der Welt missachtet werden. Der Klimawandel und die Corona-Pandemie verschärfen die Lage für viele zusätzlich. Zum 10. Dezember stellt der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge Workcamps und Jugendbegegnungen 2020 vor. Es ist der Jahrestag der Verkündigung der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" durch die Vereinten Nationen. 

Menschenrechtsbildung ist ein zentraler Bestandteil der Jugendarbeit des Volksbundes. Jugendliche befassen sich in Workcamps und bei anderen Jugendbegegnungen mit Einzelbiographien. Sie besuchen Gedenk- und Kriegsgräberstätten und setzen sich mit Verletzungen der Menschenrechte in der Vergangenheit auseinander.

Genauso wichtig aber ist der Blick auf Gegenwart und Zukunft. Dazu gehören das Kennenlernen der einzelnen Artikel der Charta und die Suche nach Wegen, wie man sich im Alltag für Gleichberechtigung und Grundrechte einsetzen kann. 

Trotz der Corona-Pandemie hat der Volksbund in diesem Jahr 13 Workcamps und Jugendbegegnungen mit Kleingruppen realisiert. Darunter waren auch virtuelle Treffen mit Jugendlichen aus dem Ausland. Rund 200 Jugendliche haben teilgenommen. Zum "Tag der Menschenrechte" stellen wir Artikel der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" vor, die in den Camps 2020 Thema waren.

Artikel 1

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Solidarität begegnen.

„Der Krieg am See“ – zu diesem Thema begaben sich neun junge Erwachsene auf Spurensuche in Oberschwaben und am Bodensee. Sie besuchten die Gedenkstätte „Goldbacher Stollen“ in Überlingen und die Kriegsgräber- und Gedenkstätte Lerchenberg bei Meersburg, die den zwei Millionen Vermissten der beiden Weltkriege sowie all jenen gewidmet ist, deren Gräber lange Zeit unerreichbar waren.

Auf dem Hauptfriedhof in Ravensburg arbeiteten die Jugendlichen auf den Gräbern der Kriegstoten des Ersten und Zweiten Weltkrieges und tauschten sich zur Bedeutung von Kriegsgräbern in der heutigen Zeit aus. Campleiter Uwe Reinisch resümiert: „Dies führte allen Teilnehmenden nachdrücklich vor Augen, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist. Die Wahrung der Menschenrechte wiederum ist das Fundament von Frieden, ein Ziel, für das sich alle dauerhaft einsetzen müssen.“

Artikel 2

Jeder hat Anspruch auf alle in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten, ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand.

Die Teilnehmenden des Workcamps München befassten sich beim Besuch des Konzentrationslagers Dachau mit verschiedenen Arten der Verfolgung im Nationalsozialismus. Während in der Aufbauphase des nationalsozialistischen Staates zunächst politisch Andersdenkende verfolgt und in Konzentrationslagern inhaftiert wurden, gewann die rassistisch und antisemitisch motivierte Verfolgung immer weiter an Dynamik. Die Jugendlichen reflektierten über Vorurteile und Diskriminierung, die ihnen aus ihrem Alltag bekannt sind, und diskutierten, wie sie selbst sich für Toleranz und Offenheit einsetzen können.

Artikel 4 

Niemand darf in Sklaverei oder Leibeigenschaft gehalten werden; Sklaverei und Sklavenhandel in allen ihren Formen sind verboten.

Mit dem Schicksal sowjetischer Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern befassten sich die Teilnehmenden eines Workcamps für angehende Teamerinnen und Teamer in der Eifel. Auf der Kriegsgräberstätte Rurberg erfuhren sie mehr über das nationalsozialistische System der „Vernichtung durch Arbeit“.

Nicht nur Kriegsgefangene, auch sowjetische Zivilisten waren ins damalige Deutsche Reich verschleppt und in der Rüstungsindustrie und an anderen Stellen eingesetzt worden. Unterversorgt und durch die harte Arbeit geschwächt, wurde ihr Tod bewusst in Kauf genommen und forciert. Vom stalinistischen Regime wurden sie als Verräter geächtet. Die Aufarbeitung ihrer Schicksale und eine bewusste Erinnerung an diese Opfergruppe begannen erst verzögert. Den Teilnehmenden wurde bewusst, dass diese Opfergruppe des Nationalsozialismus noch mehr Aufmerksamkeit erhalten muss.

Artikel 18

Jeder hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht schließt die Freiheit ein, seine Religion oder seine Weltanschauung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder seine Weltanschauung allein oder in Gemeinschaft mit anderen, öffentlich oder privat durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Kulthandlungen zu bekennen.

Bei dem Projekt „We remember Srebrenica“ arbeiteten Jugendliche aus Bosnien, Herzegowina, Frankreich und Deutschland in drei digital konzipierten Begegnungen zum Massaker an Muslimen in Srebrenica vor 25 Jahren. Sie setzten sich mit den Hintergründen des Konflikts auseinander und tauschten sich über Diskriminierung, Hass und kriegerische Konflikte aus. In internationalen Kleingruppen erarbeiten sie eine Website, mit der sie an das Massaker erinnern und zu einer aktiven Auseinandersetzung mit Vorurteilen anregen wollen. Ein Besuch lohnt sich unter remembersrebrenica.com.

Raphaël Saliot, französischer Teamer, erklärt: „Mit unserem Projekt wollten wir dazu beitragen, Austausch, Versöhnung und Frieden voranzubringen. Um zusammenleben zu können, braucht man Verständnis – sowohl für die anderen, als auch für sich selbst. Nur so kann man die Würde des Menschen aufrechterhalten und kollektive Lügen erkennen. Ich finde es wichtig, durch Erinnerung der Gefahr des Revisionismus entgegenzuwirken.“

Für ein freies Miteinander

Martin Bönsch, Teamer des Projekts in Kamerun 2018, zieht sein Fazit: „Es ist heute – in Zeiten von weltweit zunehmender Unterdrückung und Diskriminierung ethnischer Gruppen, dem Verbot von Meinungsfreiheit für ganze Völker und der deutlich gestiegenen Anzahl an radikalisierten Gewalttaten – wichtiger denn je, über die am 10. Dezember 1948 beschlossenen Menschenrechte nachzudenken und gemeinsam darüber zu sprechen. Glücklicherweise bietet der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge einen Rahmen, in dem sich Menschen unterschiedlichster Herkunft, Sprache, Hautfarbe und Religion frei und offen begegnen können – um Vorurteile und Grenzen im Kopf abzubauen und nachhaltig wirkende Freundschaften zu knüpfen, die gemeinsam Brücken über die immer höher gezogenen Mauern unserer Gesellschaft bauen, für ein friedliches, offenes und freies Miteinander auf unserem Planeten.“

Mehr über die Jugendbildungsarbeit des Volksbundes – auch über die Workcamps hinaus – erfahren Sie hier.

Text: Angelika Müller und Heike Baumgärtner

Unterstützung in der Advents- und Weihnachtszeit

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist ein über 100 Jahre alter Verein, der sich vor allem aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden finanziert. Aktuell bittet er mit einer besonderen Aktion um Unterstützung: Er hat Weihnachtsbäume aufgestellt und Christbaumkugeln bereitgelegt: