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„Workcamps sind für mich ein Zauberschlüssel“
Interview mit Pfarrer Felix Evers über die Volksbund-Jugendarbeit und den Umgang mit den Gräbern der Täter
11. Januar 2021
  • Hamburg

„Ich bin jetzt bald 50 Jahre alt und habe im Bereich der Friedenspädagogik noch nichts Besseres gefunden als diese Workcamps,“ sagt Felix Evers aus Hamburg. Der katholische Geistliche hat nicht nur als erster vor Jahren direkt nach einem Volksbund-Vortrag eine Jugendgruppe zu Workcamps angemeldet, sondern spricht im Interview auch über den Umgang mit Tätern und Opfern auf Kriegsgräberstätten – im Rahmen der Jugendarbeit und darüber hinaus.

Ein Mosaikstein, der gut zum neuen Drei-Jahres-Thema des Volksbundes „Helden – Täter – Opfer“ passt, das von jetzt an bis 2023 im Mittelpunkt steht. Das Interview mit Felix Evers führte Jenny Francke (Abteilung Öffentlichkeitsarbeit).

Herr Evers, wie sind Sie mit dem Volksbund in Kontakt gekommen?

Als ich meine erste Kaplanstelle nach der Priesterweihe 1997 in der Rostocker Christuskirche antrat, habe ich als Schwerpunkt die Jugendgruppe geleitet. Meine Motivation war es, etwas Neues anzustoßen, das die Lebenswege der jungen Leute verändert. Zu der Zeit gab es schon ausländerfeindliche Tendenzen. Da wollte ich etwas verändern.

Oliver Breithaupt, heute Geschäftsführer des Landesverbandes Brandenburg, damals Jugendreferent für Mecklenburg-Vorpommern, hielt einen Vortrag über die Jugendarbeit des Volksbundes. Das war genau das, was ich wollte. Als ich unsere Gruppe direkt nach dem Vortrag fest für die kommenden Workcamps anmeldete – erst nach Lommel und dann bis hin nach Wolgograd –, sagte Oliver Breithaupt, das habe er noch nicht erlebt.

Wie ging es mit den Workcamps weiter? Fanden sie großen Anklang?

Die Jugendlichen, die ich in 20 Jahren in die Workcamps mitgenommen habe, haben wirklich begriffen, was „Versöhnung über den Gräbern“ bedeutet. Es sind viele Freundschaften auf diesen Reisen geschlossen worden. Sogar eine deutsch-russische Ehe ist daraus entstanden. Die Lebenswege der Jugendlichen haben sich wirklich positiv verändert und wir alle haben gespürt, wie segensreich die Arbeit des Volksbunds sein kann.

Wo sehen Sie Parallelen zwischen der Arbeit des Volksbundes und der Kirche?

Die wichtigste Aufgabe ist heute, Familien und Erziehungskräfte zu stärken, die Kinder und Jugendlichen an die Hand zu nehmen und in eine Richtung zu leiten, die von Frieden und Versöhnung geprägt ist. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – das steht zwar im Grundgesetz, aber wie erreichen wir das?

Wenn ich mit Polizisten, Soldaten und anderen Verantwortlichen spreche, geht es immer wieder um das Stichwort Prävention: Wie kann ich verhindern, dass Hass und Gewalt entstehen? Wenn wir am Volkstrauertag für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft im universalen Sinne beten, ist die zentrale Herausforderung, das heute zu verhindern. Das kann jeder in seinem eigenen kleinen Einzugsgebiet tun.

Für mich als Pfarrer bedeutet das, dem Evangelium der Frohen Botschaft Jesu die Ehre zu geben, die darin besteht, dass wir eine Familie sind, weltweit, und die Würde des anderen achten. Gott nennt jeden ein Kind Gottes, deshalb sollten wir auch jedem Menschen mit Achtung und Ehrfurcht begegnen. Das klingt natürlich erst einmal sehr abgehoben, aber genau das ist mir im Volksbund konkret begegnet. Die Versöhnung von Jugendlichen über den Gräbern dort, wo man sich früher mit Waffen gegenüberstand, bewirkt auf unüberbietbar niveauvolle Weise Frieden und Völkerverständigung im Heranwachsenden-Alter.

Ich bin jetzt bald 50 Jahre alt und habe im Bereich der Friedenspädagogik noch nichts Besseres gefunden als diese Workcamps. Hier beten wir mit Jugendlichen aus Ländern, die früher unsere Kriegsgegner waren, gegen die wir die Waffen gezückt haben, Hand in Hand an den Gräbern. Sie zeigen uns ihre Kultur, Familien und ihre Gastfreundschaft. Die früher Feinde waren, werden Freunde. Diese Workcamps sind für mich heute ein Zauberschlüssel dafür, wie ich junge Menschen motivieren kann, Frieden und Versöhnung konkret zu leben.

Bevor Sie zu Reisen aufbrechen, wenden Sie sich an die Presse. Warum?

Ich frage vor jeder Reise in einem Aufruf: Wer vermisst noch jemanden an dem Ort, zu dem wir jetzt reisen werden? Und da haben wir tatsächlich schon Personen gehabt, denen wir mit Fotos zeigen konnten, dass ihre Angehörigen endlich ein Grab bekommen haben. Das ist eine frohe Botschaft, die man gar nicht hoch genug schätzen kann.

Das neue Drei-Jahres-Thema des Volksbundes heißt „Helden – Täter – Opfer“. Dazu gehört die Kritik daran, dass der Volksbund auch die Gräber von Kriegsverbrechern pflegt. Dazu gehört auch die Diskussionen, ob Soldaten vor allem Täter sind, wenn sie getötet haben, oder Opfer einer skrupellosen Kriegsmaschinerie waren. Wie sehen Sie das aus Sicht der Kirche?

In der Verkündigung des christlichen Glaubens besteht Erlösung darin, dass uns Jesus beigebracht hat, jeden Menschen, der ein Sünder ist, zu achten, aber die Sünde zu ächten. Das bedeutet, dass sich der Zorn Gottes nie gegen den Menschen, sondern gegen die Taten richtet, die lieblos sind. Als wir das vernachlässigt oder mit Füßen getreten haben, kam der Gedanke von Himmel und Hölle auf, als würde Gott Gute belohnen und Böse bestrafen. Davon hat uns Jesus erlöst, deswegen hat er mit Sündern und Zöllner „gefressen und gesoffen“ – so heißt es wörtlich in der Bibel –, um ihnen die Liebe zu zeigen. So sind sie umgekehrt und zu besseren Menschen geworden. 

Das ist übrigens ins Rechtssystem eingegangen: Vor Gericht wird nicht der Täter bestraft – seine Würde wird gegen jede Tendenz der Selbstjustiz gewahrt –, sondern seine Tat. Das ist unerträglich für die Opfer, besonders wenn es um sexualisierte Gewalt geht, aber wir schützen die Würde eines jeden Menschen, selbst die des schlimmsten Verbrechers. Am Grab gilt das Gleiche: Da liegt jemand, dessen Taten vielleicht zu ächten sind, aber der Mensch mit seinem Leichnam ist zu achten. Deswegen sagt Jesus: „Betet für eure Feinde, tut denen Gutes, die euch hassen.“

Das ist ein hoher Anspruch, den emotional nicht jeder erfüllen kann.

Wir sind davon in der Realität himmelweit entfernt, auch wenn ich manche Veröffentlichungen aus der Kirche so erlebe. Aber der Volksbund erfüllt diese Haltung für mich komplett. Natürlich zähneknirschend für die, die es gern anders hätten, die auch gern Gräber bespucken, wenn sie meinen, da liege jemand, der es nicht verdient habe; aktuell auch erfahrbar, wenn Denkmäler gestürmt werden, Namensnennungen von Straßen oder Plätzen geändert werden.

Da hat der Volksbund Gott sei Dank einen langen Atem und bringt gerade uns als Kirche, aber auch als Gesellschaft wieder neu bei, dass wir an den Gräbern von Verstorbenen, von Gefallenen, von Opfern und Tätern beten – und daraus lernen: Der Sünder, der Täter, der Mensch ist mit seiner Würde zu achten, auch über den Tod hinaus. Zorn darf sich nur gegen die Taten richten, nie gegen den Menschen, auch nicht gegen das Grab – und nicht gegen ein Denkmal.

Wer Denkmäler stürzt, mit dem Wissen von heute Kunstwerke wie Gemälde, Filme, Opern oder Romane schwärzt beziehungsweise korrigiert, historische Personen auf ein biographisches Detail reduziert, missliebige Straßennamen entfernt, missbraucht Macht, ja übt ideologisch motivierte Gewalt aus, gegen die sich eine Demokratie wehren muss; zudem berauben solche Bilderstürmer nachwachsende Generationen einer niveauvollen Bildungsarbeit, die sich gerade aus ambivalenten Biographien speist.

Übrigens haben wir Deutschen mit der Neuen Wache, der Kollwitz-Pietà und dem am Volkstrauertag vom Bundespräsidenten vorgetragenen Gedenktext ein würdevolles Universal-Gedenkensemble, das jedem Anlass am gleichen Gedenkort unterschiedlich gerecht wird und zudem jede Streitigkeit um ein partikulares Gedenkvergessen ausschließt.

Ich bin der Meinung, dass die Jugendliche sehr wohl unterscheiden können zwischen den Erinnerungen und den Denkmälern und all den Geschichten, die dahinter stecken. Wir wären schlecht dran, wenn wir mit unserem Wissen von heute alles tilgen, was uns nicht recht ist, aber damit auch den Menschen ausmerzen, der dahinter steht, seine Geschichte, die man doch lernen sollte. Der Volksbund legt den Finger genau in die richtigen Wunden und stößt Diskussionen an, die leider woanders vermieden werden.

Herr Evers, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Zur Person

Felix Evers wurde 1971 in Kiel als das jüngste von vier Kindern und Sohn eines Kapitäns und einer Lehrerin geboren. 1997 wurde er zum Priester geweiht, war im Erzbistum Hamburg tätig und später Kaplan in Rostock und Eutin sowie Pfarrer in Ratzeburg und in Neubrandenburg. Seit Anfang 2019 leitet er die katholische Pfarrei St. Paulus im Hamburger Stadtteil Billstedt mit Verantwortung für den Hamburger Osten inklusive Wandsbek und Tonndorf.
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