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"You'll never walk alone"
Zwischen Schützengraben und Fußballfeld
06. November 2018

Hertha BSC und Liverpool FC-Jugendfußballer gedenken gemeinsam mit Nachwuchskickern der Vereine Schalke 04, dem französischen Fußball-Club USOAA Albert, dem belgischen Club Brügge sowie Southampton FC der Soldaten des Ersten Weltkrieges in Belgien – und zwar auf Friedhöfen und Fußballplätzen.

Wenn aus Feinden Freunde werden, war Verständigung im Spiel – und manchmal auch der Fußball. So war es zumindest Weihnachten 1914, als deutsche und britische Soldaten im Niemandsland zwischen den Schützengräben die Waffen niederlegten, vorsichtig aus den Gräbern kletterten, um gemeinsam zu singen, Weihnachten zu feiern – und zu kicken. Heute – genau 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges – gibt der „Weihnachtsfrieden“ den Anstoß zum Gedenken und zum Fußball spielen.

Vom Friedhof zum Fußballplatz                       

Im Zuge des Volksbundprojektes „Fußball und Gedenken“ besuchten vom 29. bis 31. Oktober 2018 Nachwuchsspieler von Hertha BSC und Schalke 04 – und weiteren internationalen Topvereinen – ausgewählte Kriegsgräberstätten in Belgien. Das Besondere: Hier ruhen gefallene Spieler ihrer Vereine. Die jungen Fußballer gestalteten, gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern des Kasseler Friedrichsgymnasiums und der Gesamtschule Berger Feld aus Gelsenkirchen, Gedenkveranstaltungen auf den Friedhöfen in Vladslo, Warcoing, Langemark, Houthulst und Ploegsteert. Die Jugendlichen haben dazu vorab die Biographien der ehemaligen Vereinsspieler recherchiert und während einer Gedenkfahrt im April 2018 die Gräber ihrer Vereinskameraden auf Kriegsgräberstätten in Frankreich besucht. Einige von ihnen werden darüber in der Gedenkstunde zum Volkstrauertrag im Deutschen Bundestag berichten (18. November 2018, 13.30 - 14.45 Uhr im ZDF)

Erinnern, Gedenken, Verstehen – das Ziel dieser Reise war es, den Jugendlichen einen möglichst authentischen Blick auf das Schicksal der Kriegsgeneration und die Folgen von Krieg und Gewalt zu geben. Die Gemeinsamkeit Fußball brachte den Jugendlichen die Schicksale der Toten näher.

 

„You’ll never walk alone. Now, you walk alone.“ Diese ergänzten Worte der „Liverpoolhymne“ gehen unter die Haut. Die Jugendlichen vom Liverpool FC hielten eine bewegende Rede für den gefallenen Spieler Wilfred Bartrop. Der Verein legte hier, auf dem Friedhof in Warcoing, mit dem Volksbund einen Kranz für ihn nieder. Auch ein Spieler von Schalke wurde in der Nähe begraben. Eine Schülerin aus Gelsenkirchen, 18 Jahre, sagte in Vladslo:

„Man muss sich klarmachen, dass hinter jedem Grabstein ein Mensch steht – mit eigenen Wünschen und Träumen und einer Familie, die hofft, dass er wiederkommt. Ich habe einen Brief an Franz Kahlke – damals Spieler von Westfalia Schalke – geschrieben. Er ist mit 15 Jahren in den Krieg gezogen und mit 19, wenige Tage vor Kriegende, gefallen. Heute, einen Tag vor seinem 100. Todestag, an seinem Grab zu stehen bedeutet mir viel. Mir tut unglaublich leid, was ihm passiert ist. Was wäre er wohl 100 Jahre später geworden? Vermutlich ein Fußballprofi.“ 

 

Auf dem Friedhof in Langemark erinnerten die Jugendlichen an Heinrich Winkelstern (damals Schüler des Friedrichsgymnasiums) sowie Bruno Pagel und Erich Zimmer (beide Spieler Hertha BSC).

 

Der Himmel weinte mit. Die Hertha Jugendspieler legten einen Kranz für Bruno Pagel und Erich Zimmer nieder.

 

Gedenkstein am Kameradengrab auf dem Soldatenfriedhof Langemark (Foto oben)

 

Mit Empathie und Feingefühl bereiteten die Jugendlichen viele bewegende Momente auf dem britischen Soldatenfriedhof
in Ploegsteert. Die Texte haben die Nachwuchskicker, die Schülerinnen und Schüler am Vormittag in Schreibworkshops im Peace Village in der Nähe von Ypern vorbereitet. So zitierten sie auch aus dem Totengedenken des Bundespräsidenten:

„Wir gedenken den Soldaten und Einsatzkräften, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren. Wir gedenken heute auch derer, die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind. Unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung und der Versöhnung zwischen den Menschen und Völkern.“ 

Emotional berührt hat auch der Gesang der kanadischen Mezzosopranistin Patricia Hammond während der Kranznieder-
legung im britischen Denkmal mit dem Song 'When the Saints Go Marching In', begleitet von Matt Redman. Hier geht es zum Video

 

So geht Völkerverständigung. „Nicht nur ein schöner, gemeinsamer Moment, sondern auch eine wichtige Aufgabe
und Selbstverständnis des Volksbundes“, so der verantwortliche Organisator und Ideengeber.
Arne Schrader, Referatsleiter Gedenkarbeit erklärt, warum der Volksbund gerade dieses Projekt durchführt:

"Gerade der hundertste Jahrestag des Endes vom Ersten Weltkrieg erfährt nun vielerorts große Aufmerksamkeit. Um langfristig eine Sensibilisierung für die Folgen von Krieg und Gewalt einerseits und die Vorzüge von Frieden und Freiheit zu erreichen, engagiert sich der Volksbund seit langem in der Jugendarbeit. Fußball bietet dabei eine gute Möglichkeit, junge Menschen zu erreichen – und er lebt vom Miteinander, national wie international. Der konkrete Anlass dieses Projektes ist die Ausgestaltung der Zentralen Gedenkstunde zum Volkstrauertag, in der die Jugendlichen ihre Erfahrungen und Gedanken vortragen werden. Das Ziel ist, dass die jungen Menschen den Wert von Zusammenarbeit für die Zukunft erkennen."

Eines der Highlights der Gedenkreise war der Besuch des „Christmas Truce Memorial“.

 

Briten, Franzosen, Belgier und Deutsche gedenken gemeinsam am Christmas Truce Memorial. Viele der Soldaten waren im gleichen Alter wie die Schüler, die heute an sie denken.

Im „Christmas Truce“, dem Weihnachtsfrieden legten die Soldaten ihre Waffen nieder. Sie sangen im „Niemandsland“ gemeinsam Weihnachtslieder und spielten Fußball. Heute - 100 Jahre später - ist dieses Denkmal ein besonderer Ort der Begegnung: Die jungen Nachwuchsprofis legten hier Fanartikel ihrer Vereine nieder…

 

…sangen gemeinsam Lieder….

 

... und reichten sich die Hände. Was einst durch Krieg getrennt war, ist heute vereint. Ein schöner Moment voller Leben und Freundschaft.  

Text und Fotos: Simone Schmid

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Nachtrag / wichtiger Veranstaltungshinweis:

Fußball verbindet - Freundschaft gewinnt    

48 Stunden vor dem diesjährigen Volkstrauertag ist es dann soweit: Die Jugendspieler von Hertha BSC werden in Berlin gegen die Jugendmannschaft vom Liverpool FC antreten – und damit an den „Weihnachtsfrieden“ und das Ende des Ersten Weltkrieges erinnern. Das „Nachspiel“ des historischen Fußballspiels  ist Teil der Volksbund-Gedenkwoche zum 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkrieges vom 11. bis 18. November in Berlin.

Beginn der Veranstaltung ist um 18.15 Uhr, Anpfiff ist um 18:30 Uhr im Amateurstadion des Olympia Parks. Der Eintritt ist frei.

Simone Schmid
Referentin Kommunikation/Social Media
+49 (0) 561-7009-283