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Département der Erinnerung
Rundfahrt durch das Gebiet an der Somme
23. Juni 2016
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Am Ende des Textes finden Sie eine Fotostrecke mit 34 Aufnahmen.

Wer an den Ersten Weltkrieg erinnert wird, denkt vor allem an die Kämpfe um Verdun. Zumindest in Frankreich und in Deutschland ist das so. Die Stadt an der Maas gilt als Inbegriff des Abnutzungskrieges und des erbarmungslosen Kampfes in den Schützengräben. Mehr als 500 000 Menschen wurden zwischen Februar und Dezember 1916 in der "Hölle von Verdun" getötet oder starben an ihren Verletzungen. Dörfer wurden in Schutt und Asche gelegt, Wälder und Felder für Jahrzehnte verwüstet. Noch verlustreicher und verheerender aber waren im gleichen Jahr die Kämpfe an einem anderen französischen Fluss - an der Somme.

Bis in diesen Teil der Picardie, wo die großen Flussschleifen der Somme das Land prägen, waren die deutschen Truppen Ende 1914 vorgedrungen. Da es im Folgejahr kaum zu Gefechten an diesem Frontabschnitt kam, hatten sie Zeit, ihre Stellungen auf einer Breite von etwa 70 Kilometern auszubauen und zu befestigen. Sie räumten Ortschaften, legten Schützen- und Verbindungsgräben an, bauten Bunker und "verdrahteten" die Wälder. Es entstand ein äußerst wehrhaftes Verteidigungssystem.

Am 1. Juli 1916 begannen französische und in der Mehrzahl britische Truppen eine Großoffensive gegen die deutschen Stellungen mit einem nie dagewesenen Einsatz von Soldaten, Waffen und Munition. Doch es wurde ein Fiasko.

Vorzeichen des totalen Krieges

Die Angreifer des ersten Tages starben zu tausenden im Kugelhagel der Maschinengewehre, verbluteten in den Stacheldrahtverhauen oder wurden von Granaten zerfetzt. Der Krieg an der Somme entwickelte sich zu einem mörderischen Abnutzungskrieg, in dem es nur noch darum ging, den Gegner zu schwächen und seine Truppen zu dezimieren - um jeden Preis.

"Ich hatte nie geglaubt, dass die Hölle von Verdun noch zu überbieten gewesen wäre. (...) Nun sind wir an die Somme verschickt worden. Und hier ist alles gesteigert: Hass, Entmenschlichung, Grauen und Blut. (...) Der Tod ist hier nahe wie die Luft, die man atmet", schrieb der Schriftsteller Paul Zech im Juli 1916 an Stefan Zweig.

Von einem Menetekel des totalen Krieges sprechen die Historiker Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich und Irina Renz. Aus der Beliebigkeit des Massentodes sei eine "neue Gleichgültigkeit gegenüber dem menschlichen Leben" entstanden, die erschreckende Konsequenzen für die europäischen Nachkriegsgesellschaften gehabt habe.

Während des Dauerregens im Herbst versank der Kampf allmählich im Schlamm, so dass die Feldherren das Gemetzel im November 1916 abbrachen. Der Geländegewinn der Alliierten betrug weniger als zehn Kilometer.

1,1 Millionen Tote

Dafür waren über eine Million Menschen gestorben - Soldaten aus Frankreich, Deutschland und dem britischen Weltreich: Engländer, Schotten, Waliser, Iren, Kanadier, Neuseeländer, Australier, Neufundländer, Südafrikaner, Rhodesier, Inder. Soldaten aus rund zwanzig Ländern sind an der Somme begraben. Im angelsächsischen Sprachraum ist die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg untrennbar mit den grausamen Kämpfen im Département Somme verbunden.

Im Frühjahr 1917 zogen sich die deutschen Truppen einige Kilometer weiter nach Osten in die so genannte "Siegfriedstellung" zurück. Zuvor aber verwüsteten sie noch das Land. "Unternehmen Alberich" hieß der Auftrag. Sie plünderten Häuser, rissen die Gebäude ein, versteckten Sprengfallen in Kellern und fällten die letzten noch verbliebenen Bäume entlang der Straßen.

Ein Jahr später kehrten sie zurück und besetzten fast wieder die vertraute Frontlinie. "Mein Städtchen Péronne ...", schreibt ein deutscher General im September 1918 nach Hause. Aber da musste er sich das zweite Mal und endgültig aus dem Ort zurückziehen, der ihm lieb geworden war. Im November ging dann der Krieg zu Ende.

"Coquelicot" ...

... lautet das überaus wohlklingende französische Wort für Klatschmohn. Man brauche nur ein wenig das Erdreich umzugraben, sagen sie hier, und im nächsten Mai blühe "Coquelicot".

Demnach muss nach dem Krieg die Natur an der Somme als ein einziges feuerrotes Feld wiederauferstanden sein. Tausende Kilometer Schützengräben und Millionen Granaten hatten hier die Erde durchpflügt, immer wieder aufs Neue durchwalkt, samt Soldatenleibern, Geschützen und Stacheldrahtverhauen in die Luft gesprengt, das Unterste nach oben gekehrt. Aus Sicht der Biologen war das eine gute Voraussetzung für die Klatschmohnblüte.

Seitdem ist diese Feldblume zum Symbol für das Gedenken an die Gefallenen geworden, zumindest im späteren Commonwealth. Dort kennt fast jeder "In Flanders Fields", das Gedicht über den blühenden Mohn zwischen den Soldatengräbern. Verfasst hat es der kanadische Offizier John McCrae 1915 in der Nähe von Ypern.

Aus Stoff oder Papier gefertigt schmückt "Coquelicot" (englisch Poppy) die Revers der britischen Veteranen und ist als Souvenir in allen denkbaren Variationen erhältlich, als Brosche, auf Regenschirmen oder Gehstöcken.

Circuit du Souvenir

Eine stilisierte Klatschmohnblüte ist auch das Erkennungszeichen des "Circuit du Souvenir", der Rundfahrt der Erinnerung, die an der Somme die Besucher zu den Sehenswürdigkeiten des Großen Krieges geleitet.

Die Strecke ist nicht sehr lang. Von Péronne im Südosten bis nach Beaumont-Hamel im Nordwesten und zurück über Albert und Fricourt sind es rund 70 Kilometer. In diesem Gebiet sind Soldaten ganz unterschiedlicher Herkunft gestorben. Friedhöfe erinnern an sie, immer wieder Friedhöfe und Gedenkstätten, die dazu beitragen, dass keine der beteiligten Nationen vergessen wird.

Das Memorial de la Grande Guerre ...

... ist kein landläufiges Kriegsmuseum. Es ist untergebracht in einem modernen Anbau des historischen Schlosses von Péronne, wurde 1992 eingeweiht und bietet eine überaus sehenswerte, weil vielschichtige Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg.

Nicht nur Waffen und militärische Ausrüstungen sind zu sehen, sondern auch ganz unterschiedliche Dinge aus dem Alltagsleben der Soldaten sowie aus ihren Heimatländern: Gemälde, Zeichnungen, Bücher, Zeitungsartikel, Propaganda, Plakate, zeitgenössisches Filmmaterial, Möbel, Denkmäler.

"Es ist ein kultur- und mentalitätsgeschichtlich orientiertes Museum, das zeigt, wie sich Denk- und Anschauungsweisen der Soldaten und Zivilisten durch den Ersten Weltkrieg veränderten", sagt Frédérick Hadley, früherer Mitarbeiter des Historial. Dem Museum ist auch ein Forschungszentrum angeschlossen.

Herzstück der Ausstellung sind die 50 Radierungen, in denen Otto Dix seine Kriegserlebnisse verarbeitet. Die Bilder zeigen die wilde Zerstörungswut des Krieges und den Schrecken, den die entfachte Gewalt in den Menschen hervorruft. Dix war als MG-Schütze an der West- und Ostfront eingesetzt.

Rancourt

Drei Friedhöfe sind in dem kleinen Ort Rancourt zu besichtigen, der vollständig zerstört war: ein französischer, ein britischer und ein deutscher. Auf dem französischen Friedhof steht eine Kapelle zur Erinnerung an die Gefallenen, die Marschall Ferdinand Foch 1923 einweihte.

Ermöglicht wurde deren Bau jedoch durch eine private Initiative von Frauen. Auguste du Bos, deren Sohn im September 1916 bei der Einnahme Rancourts gefallen war, gründete schon ein Jahr später ein Komitee, das Spenden für den Kirchenbau sammelte. Es bestand hauptsächlich aus Müttern, Witwen und Schwestern von Gefallenen.

In einem Seitenraum haben Verwandte private Gedenktafeln an ihre Gefallenen angebracht. Sie erinnern an Väter, Ehemänner oder Brüder. Hier liegt nicht nur der Krieg weit zurück, hier ist auch schon das Gedenken Geschichte. Die Generation derer, die hier trauerten, ist längst verstorben.

11 422 Gefallene sind auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Rancourt begraben. Die kleine Gedenkhalle aus Sandstein und mit kunstvoll geschmiedeten Türen wirkt etwas düster. 1929 begann der Volksbund, den Friedhof herzurichten, eingeweiht wurde er im September 1933.

Lochnagar-Krater bei La Boisselle

Es gibt Besucher, die befällt Höhenangst am Rand des Kraters. Er ist 21 Meter tief und hat einen Durchmesser von 91 Metern. Britische Veteranen - welchen Krieges? - sind mit ihren Frauen in Wohnmobilen angereist, haben ihre Heimwerkerklamotten und ihr Werkzeug mitgebracht. Sie kümmern sich um die Erhaltung des Kraters, schleifen die Sitzbänke ab, die den Rundweg entlang des gewaltigen Erdloches säumen, bessern die Zugangswege aus, und unterhalten sich mit den Touristen.

Sie bieten Devotionalien des Krieges feil, Kugelschreiber aus Patronenhülsen etwa, und bitten um eine Spende für die "Friends of Lochnagar". Der Engländer Richard Dunning hat 1978 den Krater gekauft, um ihn vor dem Zuschütten zu bewahren. Seither gibt es auch den Freundeskreis.

In monatelanger Arbeit hatten britische Soldaten einen Stollen unter die deutschen Stellungen gegraben und mehr als 25 Tonnen Sprengstoff an dessen Ende eingebracht. Am 1. Juli 1916, um 7.28 Uhr, nach einem einwöchigen, pausenlosen Trommelfeuer, bei dem die britische Artillerie über 1,5 Millionen Granaten auf die deutschen Stellungen gefeuert hatte, zündeten sie ihre Ladung.

Es heißt, man habe den Knall bis nach London gehört. Eine unvorstellbare Masse an Erde und Trümmern - darunter natürlich auch Menschen - wurde über tausend Meter hoch in den Himmel geschleudert. Gleichzeitig explodierten weitere 16 Minen unter den deutschen Linien - ein Inferno.

Es war der Auftakt zum Angriff der Briten zwei Minuten später. Er konzentrierte sich auf La Boisselle und die "Schwabenfeste" nördlich des Dorfes Thiepval. Die überwiegend aus Württemberg stammenden Soldaten aber hatten dort ein fast uneinnehmbares Verteidigungssystem errichtet.

19 000 britische Soldaten wurden an diesem Tag getötet, davon allein 8 000 in der ersten halben Stunde, 36 000 verwundet, 2 100 als vermisst gemeldet. Der 1. Juli 1916 gilt seitdem als "schwärzester Tag in der britischen Militärgeschichte".

Thiepval

Die Gedenkstätte, die die Londoner Regierung 1932 auf der Anhöhe bei Thiepval errichten ließ, kann als bedeutendster Gedenkort für die britischen Gefallenen des Ersten Weltkrieges angesehen werden. Es ist ein Wallfahrtsort. Das 45 Meter hohe Denkmal ist kilometerweit sichtbar und steht in seiner monumentalen, aber stillen Würde für die Verneigung des Empires vor seinen toten Soldaten. Über 72 000 Namen von Vermissten sind in die 16 Pfeiler eingraviert, die das Gewölbe tragen.

Der Blick schweift über ein französisches und ein britisches Gräberfeld hinab zum Tal des Flüsschens Ancre. Bis zum 26. September haben die britischen Soldaten gebraucht, um diesen Hang hinauf zu gelangen und die Schwabenfeste doch noch einzunehmen. Die Zahl der Toten bei diesem mörderischen Gang war ungeheuer hoch.

Der bukolisch anmutenden Landschaft ist heute davon nichts mehr anzumerken. Die Narben des Krieges sind getilgt.

Doch ganz in der Nähe zeigt uns ein Einheimischer in einem privaten, abgesperrten Waldstück ein Netz von Schützengräben. Archäologen haben sie erst vor kurzem freigelegt. Wenige Meter daneben deuten Vertiefungen im Waldboden an, dass dort noch weitere Gäben verschüttet sind. Wie lange wird der Wald noch brauchen, bis er sie endgültig eingeebnet hat?

Beaumont-Hamel

Englischer Rasen in den Schützengräben und um sie herum ist auf dem Gelände der neufundländischen Gedenkstätte bei Beaumont-Hamel zu sehen. Dort sind noch große Teile des einstigen Grabensystems erhalten. Stets im Zickzack sind die Gräben angelegt, und die Besucher nutzen die Gelegenheit, durch sie hindurch zu schlendern.

Einen guten Überblick über die parkähnliche Anlage bietet der kleine Hügel, auf dem die bronzene Skulptur des "einsamen Karibu" steht. Weitere vier solcher Statuen erinnern in Belgien und Frankreich an die Soldaten aus der heutigen kanadischen Provinz, die während des Ersten Weltkrieges in Europa ums Leben kamen.

Schlachtfeldtourismus seit 1917

Das Frühstück in den Hotels ist auf Britisch getrimmt, mit Bohnen, Eiern, Bacon und Toast. Das Personal der Bistrots und Restaurants spricht fließend Englisch. Neue Straßenschilder in dem für gewöhnlich fremdsprachenfeindlichen Land mahnen die Autofahrer von der Insel, auf der rechten Spur zu fahren. "Keep right", heißt es dort, mitten in Frankreich.

Der Schlachtfeldtourismus an der Somme ist keine Erfindung unserer Tage. Frédérick Hadley, berichtet, dass der Tourismus an der Westfront bereits 1917 eingesetzt habe. Angehörige von Gefallenen, Historiker, Journalisten und Neugierige hätten damals schon die Regionen aufgesucht, von denen sich die Deutschen zurückgezogen hatten.

Nach dem Krieg erlebten die zurückgekehrten Einwohner an der Somme einen regelrechten Besucherboom. Mitte der 1920er Jahre kamen auch die ersten Deutschen. Es waren Reisegruppen des Volksbundes.

300 000 Touristen

Heute besuchen etwa 300 000 Touristen jährlich die Erinnerungsorte im Département Somme. Viele kommen aus dem angelsächsischen Raum.

Bereits 1920 hatte das französische Parlament ein Gesetz verabschiedet, das die Relikte des Krieges zu historischen Monumenten erklärte. Ein Jahr später legte es eine Liste von 236 Orten vor, an denen die Überreste der Kämpfe unbedingt zu erhalten seien.

Es wurde auch beschlossen, die Zahl der Soldatenfriedhöfe durch Zusammenlegungen zu verringern. Das betraf jedoch offensichtlich nicht die britischen Gräber. Allein an der Somme pflegt die Commonwealth War Graves Commission heute über 400 britische Friedhöfe. Es gibt 20 französische und 13 deutsche Anlagen mit fast 90 000 Toten. Über 600 deutsche Gefallene sind auf britischen Friedhöfen begraben.

Der Kriegsschauplatz ist heute eine Region des Gedenkens. Vielerorts wird in diesen Wochen an den Gräbern und Monumenten gearbeitet. Zum hundertsten Jahrestag, wenn hochrangige Besucher zu den Gedenkstunden erwartet werden, soll alles auf Vordermann gebracht sein.

Fricourt

Über den Gräbern der deutschen Soldaten in Fricourt klettern junge Männer in den riesigen Bäumen. Ausgerüstet wie Bergsteiger, mit Helmen und Seilen, sägen sie armdicke trockene Äste aus dem Gehölz. Eine englische Schulklasse sucht sich einen sicheren Weg zwischen dem herunterfallenden Astwerk. Die Lehrerin hält einen kurzen Vortrag, dann fotografieren die Kinder, was ihnen an diesem Friedhof interessant vorkommt.

17 031 Soldaten sind in Fricourt begraben. Zwei Jahre nach dem Krieg brachte der französische Gräberdienst die ersten deutschen Gefallenen aus den umliegenden Gebieten hierher. Erst ab 1929 konnte sich der Volksbund um die Gräber kümmern. Fast fünfzig Jahre später ließ er die Holzkreuze durch Metallkreuze ersetzten. Dabei halfen Bundeswehrsoldaten und Jugendliche in den sommerlichen Workcamps.

Eine Zeitlang war in Fricourt auch der Jagdflieger Manfred von Richthofen, "Der Rote Baron", begraben. 1918 hatten ihn britische Offiziere feierlich in Bertangles, einem Dorf nördlich von Amiens, bestattet, wo er abgeschossen worden war.

1923 ließen ihn die französischen Behörden nach Fricourt umbetten. 1925 wurde sein Leichnam nach Deutschland überführt und in einem Staatsakt auf dem Invalidenfriedhof in Berlin beigesetzt. Als 1975 ein Teil des Friedhofes eingeebnet werden sollte, veranlassten seine Verwandten die Umbettung in ein Familiengrab in Wiesbaden.

Am 1. Juli, hundert Jahre nach dem Beginn der Schlacht an der Somme, lädt der Volksbund zu einer Gedenkstunde in Fricourt ein.

Der funktionale Blick auf die Landschaft

Die Landschaft an der Somme ist sanft gewellt. Verschlafene Dörfer, die nach dem Krieg wieder aufgebaut wurden, liegen zwischen großflächigen Getreidefeldern. Die Wälder sind meist nur überschaubare Haine. Wo einst Geschütze standen, wo Gräben und Granaten das Land in eine Wüste verwandelten, wo Hass und Verzweiflung eine unglaubliche Brutalität schürten, Giftgas, Trommelfeuer und MG-Salven den tausendfachen Tod brachten, hat die Natur den Krieg vergessen und wird nach EU-Maßstäben landwirtschaftlich genutzt.

Nach einigen Stationen auf dem "Cicuit du Souvenir" kann es geschehen, dass sich der Blick auf die Landschaft ändert. Er wird funktional. Es ist der Blick der Soldaten, der sich einstellt: Gegenüber dem Denkmal für die Waliser bei Mametz erstreckt sich der Waldrand, in dem sich die Deutschen verschanzt hatten - wie ist es gelungen, diese Stellungen einzunehmen? Der Berghang von der Ancre hinauf zur "Schwabenfeste" bei Thiepval - wie konnten die Angreifer hier Schutz vor den Salven der deutschen Maschinengewehre finden? Vom Panzerdenkmal bei Pozières haben die Besucher einen weiten Blick über das sanft abfallende Gelände - kein Wunder, dass ausgerechnet hier erstmals Panzer zum Einsatz kamen.

Touristen taxieren die Landschaft unter militärischen Gesichtspunkten.

Einzig der Gedanke an die Einwohner mag dabei stören. Aber die gab es ab 1917 nicht mehr. Sie waren von den Trümmern ihrer Häuser erschlagen worden oder ins Hinterland geflüchtet. 1918 brachten die deutschen Truppen den Krieg hierher zurück, 1940 erneut, dann allerdings unter anderer Flagge. Die Natur aber hat fast alle Erinnerung daran getilgt.

Devil Wood in Longueval

Longueval ist der Gedächtnisort der Südafrikaner an den Ersten Weltkrieg. Ihr Nationalmonument im Wald von Delville ist ein weitläufiger Park mit Triumphbogen aus hellem Stein, akkurat gepflegtem Rasen und einer doppelten eichenbestandenen Allee. Das Saatgut für die Bäume soll aus der Nähe von Kapstadt stammen.

Gegenüber liegt der Friedhof. Viele Tote, auch deutsche Soldaten, dürften aber noch in dem herrschaftlich hergerichteten Wald liegen. Breite Schneisen durchziehen ihn, sie tragen Straßennamen britischer Städte.

Die Eleganz der 1926 eingeweihten Anlage hat nichts gemein mit dem Ödland, das hier vor hundert Jahren während erbitterter Kämpfe entstand. Es galt, auch die letzten deutschen Stellungen im Wald von Delville zu nehmen, um jeden Preis.

Am 15. Juli griff die 1. Südafrikanische Infanteriebrigade mit über 3 000 Soldaten an. Aber sie sahen sich einer Überzahl gegenüber. Die deutsche Artillerie zerschoss den Wald, der sich in eine Wüstenei aus zersplitterten und entwurzelten Bäumen, Kratern und Soldatenleichen verwandelte. Von zeitweise 400 Granaten pro Minute ist die Rede. Das machte es den Angreifern fast unmöglich, Schützengräben tief genug auszuheben.

Mann gegen Mann

Ein brutaler Kampf Mann gegen Mann entwickelte sich, mit Bajonetten und Messern. Am 18. Juli setzte starker Regen ein, die Soldaten versanken in Schlamm und Blut, die Bombentrichter füllten sich mit aufgedunsenen Soldatenleichen, Verwundete wurden nicht mehr versorgt, es fehlte an Trinkwasser, Nahrung und Munition.

Am 21. Juli lösten walisische und andere britische Einheiten die Südafrikaner ab. Binnen sechs Tagen hatte die Brigade mehr als 2 500 Soldaten verloren, über 80 Prozent. Zu den deutschen Verlusten gibt es keine Angaben.

Erst Anfang September konnten die Briten den Wald einnehmen. Ein einziger Baum ist davon stehen geblieben und hinter dem Nationalmonument zu besichtigen. Im Soldaten-Slang wurde aus dem Wald von Delville der Teufelswald: Devil Wood.

Eineinhalb Jahre später, im März 1918, eroberten die deutschen Truppen erneut die Ödnis, die einst ein Wald war. Im August wurden sie dann wieder von walisischen Einheiten zurück gedrängt.

Ernst Jünger und andere

Den Schlachtfeldtouristen hat Longueval noch mehr zu bieten: den Friedhof und das einfache, aber beeindruckende Denkmal der Neuseeländer sowie auf der Straßenkreuzung in der Mitte des Dorfes die Skulptur des Dudelsackspielers.

Es ist das Land der Stahlgewitter. Ernst Jünger berichtet in mehreren Kapiteln seiner 1920 erstmals veröffentlichten Erinnerungen von den Kämpfen in Longueval, Combles und Guillemont. Es sind Orte, die an der Rundfahrt der Erinnerung liegen.

Als Jünger im Sommer 1916 hier war, wurde die Truppe mit Stahlhelmen ausgerüstet: Er ist fasziniert vom neuen Typ des deutschen Soldaten, der sich an der Somme herauszubilden scheint. Er beschreibt "das halb vom Stahlhelm umrahmte unbewegliche Gesicht" und rühmt die "männliche Gleichgültigkeit" gegenüber allen Schrecken des Krieges, die diese Soldaten "bis zur Verzweiflung durchgekostet und dann verachten gelernt" hätten.

In der 1934 überarbeiteten Fassung der "Stahlgewitter" heißt es über die Somme: "Hier bildete sich unter dem Stahlhelm jenes Gesicht einer neuen und kühneren Rasse, das in die Geschichte eingegangen ist, und in dem sowohl die Glut des Feuers als auch die eisige Nähe des Todes ihre Spuren hinterlassen haben."

In dieser Beschreibung schlägt sich der Mythos vom heroischen deutschen Somme-Kämpfer nieder, der in den national-konservativen Kreisen der Weimarer Republik propagiert wurde. Es war die Gestaltungsvorlage für den späteren Idealtyp des SS-Mannes (Hirschfeld, Krumeich, Renz).

Ernst Jünger war nicht der einzige Literat an der Somme. Der Autor Reinhard Sorge fiel im Juli 1916 südlich der Somme und ist im Gemeinschaftsgrab auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Vermandovillers begraben. Dort ruht ebenfalls der Lyriker Alfred Lichtenstein, der bereits im September 1914 umkam. Beide waren Freiwillige.

Auch der französische Schriftsteller Guillaume Apollinaire meldete sich aus Begeisterung zum Militär. Seine Eindrücke vom Kampf in den Schützengräben schilderte er in mehreren Gedichten. Im März 1916 wurde Apollinaire schwer verwundet.

Ein weiterer bekannter Autor an der Somme ist J. R. R. Tolkien. Er war im Sommer 1916 als Fernmeldeoffizier in den vordersten Linien eingesetzt. Literaturwissenschaftler gehen der Frage nach, wie die Kriegserlebnisse Tolkiens Werk beeinflusst haben. Dazu der Tolkien-Biograf John Garth: "Die Totensümpfe und das trostlose Mordor in "Herr der Ringe" sind eindeutig an das Schlachtfeld an der Somme angelehnt und erinnern an die Schützengräben."

Fritz Kirchmeier (2016)

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Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Irina Renz (Hg.), Die Deutschen an der Somme. Krieg, Besatzung, Verbrannte Erde, 4. Auflage, Essen 2016

Somme 2016. Guide to the Sites of the First World War

(Prospekt, erhältlich auch im Museum in Péronne, französisch, englisch))

1. Weltkrieg: Picardie - Somme, der Rundweg der Erinnerung (externer Link)

J. R. R. Tolkien und der Erste Weltkrieg: "Mordor erinnert an Schlachtfelder und Schützengräben" (externer Link)