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Bismarcks Tonfall führte vor 150 Jahren zum Krieg

Deutsch-französische Beziehungen: von der Erbfeindschaft zur Erbfreundschaft

Heute vor 150 Jahren - am 19. Juli 1870 - begann im Kerngebiet Europas der deutsch-französische Krieg. Man könnte ihn in die lange Reihe der Konflikte einordnen, die es seit dem Mittelalter östlich und westlich des Rheines gegeben hat. Doch es lohnt sich ein genauerer Blick.

Beide Seiten steuerten bewusst auf den Konflikt zu. Daher gilt auch hier das Wort: „Kriege brechen nicht aus, Kriege werden gemacht“ - zuletzt zitiert vom Präsidenten des Volksbundes, Wolfgang Schneiderhan, anlässlich seiner Rede zum Volkstrauertag. Schon die Zeitgenossen erkannten die Absichten der Regierenden: Der Gegner wurde „als das schwarze Gespenst“ dargestellt, „als Mittel, die Völker militärfromm zu machen, und in ihnen die Steuerzahl-Lust zu erwecken“, wie eine Karikatur im Kladderadatsch treffend pointierte. Doch das allein genügte noch nicht, um einen Krieg auszulösen. Einen Krieg, in dem jede Seite sich als der „Überfallene“, als das Opfer darstellen wollte.

Hier musste sich das Wort des britischen Premiers Winston Churchill erfüllen, dass die Wahrheit das erste Opfer des Krieges ist. Frankreich litt unter dem Sieg Preußens über Österreich von 1866. Es hatte stillgehalten und sah sich nun um seinen Lohn geprellt. Preußen wusste, dass Frankreich niemals einer deutschen Einigung unter seiner Führung zustimmen würde. Der Krieg lag in der Luft, und eine politische Marginalie sollte den Anlass bieten.

Preußen im Osten, Preußen im Westen...
Spanien hatte angefragt, ob ein Preuße König von Spanien werden wolle. Für Frankreich ein Albtraum. Preußen im Osten, Preußen im Westen. Daher wurden alle politischen Hebel in Bewegung gesetzt, um diese Kandidatur zu verhindern. Die Zusage des preußischen Königs Wilhelm I., dass Preußen kein Interesse habe, den vakanten spanischen Thron zu besetzen, entschärfte die Situation.

Das aber war nicht im Sinne der "Falken", der Scharfmacher auf beiden Seiten des Rheins. So redigierte Bismarck die berühmte „Emser Depesche“ - die Erklärung König Wilhelms I., dass Preußen kein Interesse am spanischen Thron habe - derart, dass zwar der Sinn erhalten blieb, aber der Ton einen Krieg heraufbeschwören musste. Mit dem Wortschatz von heute lässt sich sagen, dass ein Fall von „Fake News“ diesen Krieg auslöste.

Spichern, Gravelotte, Sedan, Paris
Das Ergebnis ist bekannt: Die Namen Spichern, Gravelotte und Sedan stehen für die Schlachten dieses Krieges ebenso wie das belagerte Paris. Frankreich verlor seinen Kaiser, Napoleon III., und wurde wieder Republik. Auf der anderen Seite wurde das Deutsche Reich gegründet - und bekam mit Wilhelm I. einen deutschen Kaiser. Beide Seiten schwelgten im Nationalismus, da man in Deutschland zum ersten Mal auch politisch als Nation vereint war, und im Revanchismus, da die Französische Republik die Niederlage nicht verarbeiten konnte.

Obwohl sich zeitweise über eine Million Deutsche Soldaten in Frankreich und fast 400.000 Franzosen als Kriegsgefangene in Deutschland befanden, entstand kein Verständnis für das andere Land. Ganz im Gegenteil: Innergesellschaftliche Konflikte der aufkommenden Industrie- und Massengesellschaften wurden nationalistisch nach außen gewendet. Sie wurden auf „den anderen“ projiziert und medial noch verstärkt: Das Feindbild wurde von beiden Seiten immer schärfer aufgeladen.

Ein Krieg zieht den nächsten nach sich
Vor diesem Hintergrund musste der nächste Krieg ausbrechen. Es war der Erste Weltkrieg. Der endete da, wo der Krieg 1871 zu Ende gegangen war: im Spiegelsaal von Versailles. Hier war 1871 das Deutsche Kaiserreich ausgerufen worden, hier wurde es 1919 begraben.

Schon damals wussten die Beteiligten, dass damit die Saat für einen weiteren Krieg gelegt war. So erklärte der französischen Staatsmann Georges Clemenceau Offiziersschülern des französischen Heeres, dass dieser gerade geschlossene Vertrag ihnen noch genug Arbeit machen werde. Und auf deutscher Seite wurde das Bild des degenerierten, kriegslüsternen und hochnäsigen Franzosen wieder gepflegt.

Diktat im Eisenbahn-Waggon
Die Saat ging auf: 1939 griff Deutschland zunächst Polen und 1940 dann im Westen auch die Niederlande, Belgien, Luxemburg und Frankreich an. Am gleichen Ort - im selben Eisenbahnwagen des Marschall Foch, in dem 1918 die Vertreter des Deutschen Reiches um Waffenstillstand bitten mussten- wurden nun die Franzosen gedemütigt und die Bedingungen des Waffenstillstandes diktiert, die einer Kapitulation gleichkamen. Wieder wurde Elsass-Lothringen, das von industriellem wie symbolischem Gewicht war, zum Spielball der Großmachtpolitik und von Deutschland vertragswidrig de facto annektiert.

Keine guten Vorzeichen für eine Annäherung - schon gar nicht in der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Dieser musste erst zu Ende gehen, Deutschland musste erst die völlige Niederlage erleben. Von 1870 bis 1945 - 75 Jahre lang - prägten drei Kriege und unglaublich viele Opfer die deutsch-französischen Beziehungen.

Gestaltung der Nachkriegszeit
Es war damals nicht absehbar, wie sich die nächsten 75 Jahre der Beziehungen entwickeln würden. Frankreich gehörte zu den - wenn auch spät dazu gekommenen - Siegern des Zweiten Weltkrieges. Es erhielt eine eigene Besatzungszone und trug damit auch Mitverantwortung für die Entwicklung Deutschlands.

Der deutsche Wunsch nach Ausgleich und Normalisierung des bilateralen Verhältnisses wurde von Frankreich geteilt. Wichtiger Brückenschlag war der 1963 geschlossene Elysée-Vertrag. Damit wurde Frankreich der engste und wichtigste Partner Deutschlands in Europa. Gesten wie zwischen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle oder François Mitterrand und Helmut Kohl auf der Kriegsgräberstätte Douaumont bei Verdun symbolisierten diesen Prozess der Wiederannäherung ganz real.

Neues Selbstbewusstsein nach der "Wende"
Heute kennzeichnen viele gemeinsame Institutionen und Kooperationen das Verhältnis: etwa das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW/OFAJ), im wirtschaftlichen Bereich zum Beispiel die Firma Airbus und auf dem kulturellen Sektor der gemeinsame Sender Arte und die Deutsch-Französische Brigade als militärische Formation. Hinzu kommt ein dichtes zivilgesellschaftliches Netzwerk aus rund 300 deutsch-französischen Vereinigungen, 22 Regional- und 2.200 Städtepartnerschaften sowie rund 4.300 Schulpartnerschaften.

Der Fall des Eisernen Vorhangs vor 30 Jahren stellte im deutsch-französischen Verhältnis die Weichen noch einmal anders. Bis zur "Wende" 1989 habe allein Frankreich als Ort von Kultur und gutem Geschmack gegolten. Heute seien die Deutschen dem Nachbarn im Westen gegenüber selbstbewusster geworden, sagte die Schriftstellerin und Journalistin Pascale Hugues in einem Interview der Robert-Bosch-Stiftung über die Beziehungen zwischen Deutschen und Franzosen.

Nachbarschaft heute
Das Verhältnis beider Länder hat sich weitgehend normalisiert. Austausch findet laufend statt, und reizvoll für junge Deutsche und Franzosen sind längst ganz andere, in Übersee liegende Länder. Nur Berlin macht hier noch eine Ausnahme. Berlin ist „in“ bei jungen Französinnen und Franzosen. Die Stadt mit ihrer besonderen Lage und Entwicklung übe einen sehr großen Reiz auf sie aus, so Pascale Hugues. Als geborene Elsässerin ist sie prädestiniert, über das deutsch-französische Verhältnis zu sprechen.

Gerade die jüngsten Ereignisse bieten sich an, noch einmal über die deutsch-französische Frage in den Dialog zu kommen. In Frankreich finden wir einen vergleichsweise jungen Präsidenten, der sich als begeisterter Europäer zeigt - etwas, was auch in Deutschland Mut machen sollte. Grenznahe Kernkraftwerke werden in Frankreich abgeschaltet, was deutschen Wünschen Rechnung trägt. Und in jüngster Vergangenheit wurden französische Corona-Patienten nach Deutschland ausgeflogen, und beide Regierungen ergreifen in der sich anbahnenden Wirtschaftskrise die Initiative zu gemeinsamem Handeln in Europa.

Es war ein langer Weg von den Schlachtfeldern auf den Spicherer Höhen bis zum gemeinsamen Kampf gegen das Virus – ganz gleich, welche Nation man dabei betrachtet. Beide Völker fanden volle Schalen des Zorns und haben sie oft bis zur Neige geleert. Das aber ist nun Geschichte.

Text: Dr. Dirk Richhardt
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