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Comic-Wettbewerb zu Kunst im Krieg: „Fast schon druckreif“

Zwischen Propaganda, Widerstand und Erinnerung – internationale Jury kürt deutsche Gewinnerinnen und Gewinner

Dass das Thema „Kunst im Krieg“ bei einem Comic-Wettbewerb künstlerische Kreativität weckt, ist nicht erstaunlich. Die Ergebnisse allerdings überraschten sehr wohl in der neunten Runde des Comic-Wettbewerbs, den der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V.  mit Partnern ausschreibt. Auch erstaunlich: Die jüngsten Preisträgerinnen in Deutschland sind gerade mal 12 und 13 Jahre alt.
 

Der trinationale Wettbewerb für 12- bis 20-Jährige ist ein gemeinsames Projekt von Volksbund, „Office national des combattants et victimes de guerre“ (ONACVG) in Frankreich und dem belgischen „War Heritage Institute“. Mehr als 100 Einsendungen gab es allein in Deutschland.
 

„Kopf-an-Kopf-Rennen”

Aus nahezu allen Bundesländern trafen Beiträge im Volksbund-Hauptstadtbüro ein – doppelt so viele in der Gruppen- wie in der Einzelkategorie. „Es war ein Kopf-an-Kopf-Rennen, die Entscheidungen fielen uns in diesem Jahr besonders schwer,“ so Dr. Vasco Kretschmann, Referatsleiter Bildungsarbeit an Schulen und Hochschulen.
 

Kästner, Knauf und Ohser

Mit ihrem Comic „Drei Männer namens Erich“ überzeugte Julia Braun aus Bayern die Jury. Sie erzählt darin die Geschichte von Erich Kästner, Erich Knauf und Erich Ohser von der Zeit der Weimarer Republik bis 1944. Gleichzeitig zeichnet sie die Entwicklung von freier Publikation hin zu zunehmendem Druck und politischer Verfolgung durch das NS-Regime nach. 

„Die Herleitung hat mich begeistert – dass heute noch in Lyrikbänden recherchiert wird. Auch der Bogen, der da gespannt wird: einfach grandios,“ so Comic-Zeichner Peter Eickmeyer. Er gehört zur internationalen Jury, die sich aus Expertinnen und Experten aus den Bereichen Bildung, Sprache und natürlich Comic zusammensetzt.  

Eine Lehrerin im Ghetto Theresienstadt

Anna Gencarell aus Hessen erzählt die Geschichte der Künstlerin Friedl Dicker-Brandeis. Nach ihrem Studium arbeitete sie als Künstlerin und Kunstlehrerin – zuerst in Wien und dann in Prag. Vor dort aus wurde sie ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Im Ghetto gab sie Zeichenkurse für Kinder und brachte so ein wenig Freude und Hoffnung in den grausamen Alltag. In Auschwitz schließlich wurde sie ermordet, doch viele ihrer Skizzen sind erhalten geblieben. 

Anna verwebt in ihrem Comic die präzise recherchierte Lebensgeschichte der Künstlerin mit dem Leben zweier fiktiver Kinder im Ghetto – ein besonders gelungenes Beispiel für die Verbindung von historischer Recherche mit eigenen Ideen und Perspektiven.

Historische Fiktion im Satirestil

In seinem Comic erzählt Maksim Bondarenko die Geschichte eines fiktiven Künstlers im Ersten Weltkrieg. Dieser zeichnet zuerst Propagandaplakate, wird aber an die Front geschickt als herauskommt, dass er zuvor regierungskritische Satirezeichnungen veröffentlicht hat.

Dort sieht er, wie Kinderzeichnungen aus Feldpostbriefen den Vätern im Krieg Kraft geben. „Es gibt also eine Kunst im Krieg, die beeinflussen soll, und eine Kunst, die berührt,“ schließt der 15jährige seinen Comic.

„Dieses Werk ist zeichnerisch fantastisch, das ist schon fast druckreif,“ zeigt sich Heinrich Ammerer, Geschichts- & Politikdidaktiker an der Uni Salzburg, beeindruckt.

„Es gibt also eine Kunst im Krieg, die beeinflussen soll, und eine Kunst, die berührt.“

Maksim Bondarenko, Drittplatzierter in der Einzel-Kategorie

Otto Dix-Comic mit Abstand am besten

Bei den Gruppenbeiträgen waren sich alle Jurymitglieder einig und wählten diesen Comic mit großem Abstand von über 50 Punkten auf Platz eins: „KonFRONTa(k)tion“. Neun Schülerinnen und Schüler des Berufskollegs Gladbeck in Nordrhein-Westfalen widmeten ihre Arbeit dem Leben und Wirken des Künstlers Otto Dix. Zum kreativen Team gehörten Ayat, Trey, Katherina, Linda, Dilara, Oleh, Mohammed, Azra und Jaklin.

Mit seiner Kunst konfrontierte er die Menschen mit den grausamen Bildern des Ersten Weltkrieges, die sich ihm eingebrannt hatten. Trotz Verfolgung im Nationalsozialismus und Rückzug aus der Öffentlichkeit blieb Dix bis zu seinem Tod ein Mahner gegen Verrohung und Entmenschlichung.

Wenn kaum Worte nötig sind

Marie und Luisa von der Fachoberschule (FOSBOS) Augsburg stellen in ihrem Comic die Geschichte von Władysław Szpilman dar. Der polnische Komponist und Pianist wurde während des Nationalsozialismus als Jude verfolgt und überlebte das Warschauer Ghetto und den Holocaust.

Besonders beeindruckend: Der Comic „Szpilman” kommt mit wenigen Worten aus und zeigt eindrücklich, wie das Erlebte den Pianisten in seinem späteren Leben in Form von Flashbacks wieder einholt. 

Die beiden Jüngsten

Gerade mal 12 und 13 Jahre alt sind Luisa und Gia Nhi, die beiden Drittplatzierten vom Hamburger Immanuel-Kant Gymnasium. Ihr Comic über die tschechische Malerin und Holocaust-Überlebende Helga Hoŝková-Weissová vermittelt den historischen Hintergrund ihres Lebens während der Zeit des Nationalsozialismus und insbesondere ihre Erfahrungen im Ghetto Theresienstadt.

„Ich freue mich besonders, dass wir in diesem Jahr so junge Teilnehmende haben, die sich schon früh mit diesen wichtigen, aber auch herausfordernden Themen auseinandersetzen“, lobte Vasco Kretschmann. „Damit leisteten sie einen wichtigen Beitrag zu einer Erinnerungskultur, die auch von den heutigen Generationen mitgetragen wird.” 

 

Treffen im September in Niederbronn

Auch in diesem Jahr lädt der Volksbund die Preisträgerinnen und -träger zu einer Jugendbegegnung nach Frankreich ein. Gemeinsam mit den Gewinnern und Gewinnerinnen aus Frankreich und Belgien verbringen sie ein verlängertes Wochenende in der Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte Niederbronn-les-Bains. Bestandteil der aus dem EU-Programm „Erasmus+” geförderten Begegnung ist auch der Besuch der KZ-Gedenkstätte Natzweiler-Struthof.

Dazu werden die prämierten Comics aus Frankreich, Belgien und Deutschland in einem Album veröffentlicht. Die vom Deutsch-Französischen Jugendwerk geförderte Publikation wird auch in der Mediathek verfügbar sein. Krönender Abschluss dieser neunten Runde des Comic-Wettbewerbs ist die offizielle Preisverleihung in Straßburg, der „Hauptstadt Europas“.
 

Text: Lena Wiele, Bildungsreferentin im Bezirksverband Ostwestfalen-Lippe
Kontakt

 

Die Comics in voller Länge

Einzelbeiträge

1. Platz: „Drei Männer namens Erich“ von Julia Braun, Wenzenbach in Bayern

2. Platz: „Das ist meine Lehrerin Friedl Dicker-Brandeis“ von Anna Gencarelle, Babenhausen in Hessen

3. Platz: „Kunst im Krieg“ von Maksim Bondarenko, Hamburg

 

Gruppenbeiträge

1. Platz: „KonFRONTa(k)tion – Otto Dix (1891-1969) und das Ende der Kunstfreiheit“ von Ayat A., Trey L., Katherina M., Linda N., Dilara Ö., Oleh S., Mohammed S., Azra Z. und Jaklin S., Berufskolleg Gladbeck

2. Platz: „Szpilman“ von Marie G. und Luisa W., Fachoberschule (FOSBOS) Augsburg

3. Platz: „Helga Hoŝková-Weissová – ‚Zeichne, was Du siehst.‘“ von Luisa L. und Gia Nhi P., Immanuel-Kant Gymnasium Hamburg
 

Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer nutzen digitale Zeichentools wie spezielle Tablets oder Grafikprogramme und erläutern das in ihren Arbeitsberichten (verpflichtend). Die Nutzung von KI als Inspirationsquelle, zur Erstellung von Vorlagen oder als Feedbacktool ist zulässig, muss aber auch transparent gemacht werden. Vollständig KI-generierte Beiträge sind nicht erlaubt.
 

Neues Thema: Das Meer im Krieg

Das Thema des nächsten Comic-Wettbewerbs lautet: „Das Meer im Krieg: Zwischen Aufbruch, Abgrund und Erinnerung“ (Einsendeschluss: 31. März 2027).
Einen Einblick in den Abschluss vom Vorjahr gibt es hier: Brücken bauen mit Bildern – Treffen junger Comic-Talente

 

Der Volksbund ist …

… ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht, birgt und würdig bestattet. Mehr als 5.500 waren es im vergangenen Jahr. Der Volksbund pflegt ihre Gräber in 45 Ländern und betreut Angehörige. Mit seinen Jugend- und Bildungsangeboten erreicht er jährlich knapp 50.000 Menschen. Für seine Arbeit ist er dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen.
 

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