Sie stellten in Berlin die Volksbund-Jugendarbeit vor und erklärten, warum sie sich dort ehrenamtlich engagieren: Sophia Kupka und Amro Al Zouabi. (© BMI / Laurin Schmid)
„Dass niemand dieses kleine Mädchen vergisst”
Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung: junge Volksbund-Stimmen bei Veranstaltung im Berliner Konzerthaus
„Vor elf Jahren stand ich nachts an einem Strand und schaute auf ein kleines Schlauchboot. Ich hatte einen kleinen Rucksack dabei. Mehr nicht.” Amro gelang die Flucht aus Syrien übers Mittelmeer. Er und Sophia engagieren sich ehrenamtlich beim Volksbund. Zusammen mit dem Umbetter Joachim Kozlowski, der Kulturanthropologin Anna Slabik und Dominik Tomenendal als Moderator prägten sie den Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung im Konzerthaus in Berlin.
Seit 2015 gedenkt die Bundesregierung jährlich am 20. Juni der deutschen Vertriebenen vor und nach Kriegsende 1945 sowie der Opfer von Flucht und Vertreibung weltweit. Das Ziel: zeigen, dass der Wille und die Kraft zu Versöhnung und Neuanfang ebenso wie gesellschaftlicher Zusammenhalt die Grundlage sind, auf der in Deutschland heute Menschen aus 190 Nationen eine Heimat finden, heißt es dazu online. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt begrüßte die Gäste.
Ein Mädchen, keine zwölf Monate alt
Sophia Kupka berichtete von einem internationalen Volksbund-Workamp im dänischen Oksbøl. Von einem kleinen Mädchen, keine zwölf Monate alt, beerdigt auf der deutschen Kriegsgräberstätte dort. „Dass ein Kind, das noch nicht einmal richtig sprechen konnte, Opfer von Krieg und Flucht geworden war, war für mich unvorstellbar.”
Genau das sei der Kern von Erinnerungsarbeit, so die 19-jährige Schülerin aus Ludwigsfelde in Brandenburg weiter: „das Unvorstellbare vorstellbar zu machen, diesen Schicksalen wieder ein Gesicht zu geben und dabei zu helfen, dass Menschen und ihre Geschichten nicht in Vergessenheit geraten.”
„Was ich mir wünsche? Dass niemand dieses kleine Mädchen vergisst.“
Sophia Kupka, Schülerin aus Brandenburg
„Wir tragen besondere Verantwortung“
„Für mich bedeutet Flucht und Vertreibung, dass man seine Heimat und alles, was man kennt und liebt, unfreiwillig verlassen muss – ohne Rückkehr, ohne zu wissen, was kommt. So war es 1945 – und so ist es noch heute”, betonte Sophia. „Deshalb finde ich: Gerade wir jungen Menschen tragen heute eine besondere Verantwortung.”
Sie appellierte vor allem an ihre Generation, dafür einzustehen, dass Werte wie Demokratie, Menschenrechte und ein friedliches Zusammenleben als Grundlage der Gesellschaft verstanden werden. „Was ich mir wünsche? Dass niemand dieses kleine Mädchen vergisst. Und dass sich die Schatten der Vergangenheit nicht wiederholen.” (Rede im Wortlaut)
Flucht mit dem Schlauchboot
Er weiß, was Flucht bedeutet: Amro Al Zouabi kam 2015 aus Syrien, wohnte als unbegleiteter Minderjähriger zunächst in Halle bei einer Polizeipfarrerin und hat gerade sein Maschinenbau-Studium in Ilmenau abgeschlossen.
Als Teamer eines Volksbund-Workcamps war auch er in Oksbøl: „Während ich durch die Reihen der Gräber ging, musste ich immer wieder an meinen eigenen Weg denken. Natürlich sind diese Geschichten nicht dieselben, aber die Angst, die Unsicherheit und die Hoffnung auf ein sicheres Leben sind es.“
„Meine Familie blieb zurück – ich wusste nicht, ob ich sie jemals wiedersehen würde.“
Amro Al Zouabi, Rede am Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung
Es sei lebenswichtig, dass andere nicht wegschauen, sagte der 26-Jährige: „Als ich nach Deutschland kam, haben mir Menschen gezeigt, dass Menschlichkeit stärker sein kann als Angst. Heute hier zu stehen, bedeutet für mich: Ich bin angekommen. Ich bin dankbar für jeden Menschen, der nicht weggeschaut hat – und es auch heute nicht tut.”
Und: „Ich wünsche mir, dass wir lernen, einander zuzuhören. Dass wir hinter jeder Geschichte zuerst den Menschen sehen“ – den Menschen und seine Familie mit Hoffnungen, Träumen, Sorgen und Verlusten. (Rede im Wortlaut)
Volksbund und Rotes Kreuz
Über Spurensuche früher und heute im Zusammenhang mit Flucht und Vertreibung sprach Dominik Tomenendal mit Christine Satzl vom DRK-Suchdienst-Standort München, ihrer Kollegin Kathrin Blankenburg vom Standort Hamburg, mit dem Volksbund-Umbetter Joachim Kozlowski und Anna Slabik.
Die Kulturanthropologin und Historikerin Slabik kennt den Volksbund als Teilnehmerin und Teamerin in Workcamps. Sie hat zur Erinnerung an Flucht und Vertreibung der Deutschen in und nach dem Zweiten Weltkrieg sowie deren Nachwirkungen bis in die Gegenwart geforscht.
Aus Sehnsucht wurde Aufgabe
Joachim Kozlowksi, der als einziger hauptamtlicher Umbetter in Deutschland Kriegstote birgt, sprach auch über seine persönliche Motivation: Die Suche seiner Mutter über Jahrzehnte nach ihren vermissten Brüdern hätten ihn und die Familie geprägt. Er habe die Sehnsucht seiner Mutter nach Gewissheit zu seinem Auftrag gemacht.
Diese Sehnsucht sei ihm Verpflichtung geworden, niemals die Familie zu vergessen und immer an das Gute im Menschen zu glauben. Das, so vermutet Kozlowski, könnte auch die Motivation junger Leute sein, die heute in ihrer Familie auf Spurensuche gehen.
Suchdienste als Partner
Was Schicksalsklärung mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg angeht, so sind der Volksbund und der DRK-Suchdienst langjährige Partner. Während der Volksbund Kriegstote sucht, birgt und – wenn möglich – identifiziert, stehen beim DRK-Suchdienst Zivilisten, aber auch Kriegsgefangene im Vordergrund.
Das Rote Kreuz sucht, verbindet und vereint Familien damals wie heute. Es unterstützt Menschen, die durch bewaffnete Konflikte, Katastrophen, Flucht, Vertreibung oder Migration von ihren Familienangehörigen getrennt sind.
Hintergrund
Weltweit sind mehr als 50 Millionen Menschen auf der Flucht, so die Information des Bundesinnenministeriums. Zwei Drittel bleiben in ihrem Heimatland, etwa ein Drittel gilt als Flüchtlinge. Die meisten von ihnen kommen aus Entwicklungsländern und suchen Schutz in einem Nachbarland.
„Millionen Deutsche mussten im 20. Jahrhundert aufgrund von Flucht, Vertreibung, Zwangsumsiedlung und Deportation ihre angestammte Heimat verlassen. Hunderttausende Menschen kamen dabei ums Leben, wurden körperlich und seelisch verletzt oder verloren ihr Hab und Gut”, heißt es weiter online zu diesem Gedenktag.
„Unermessliches Leid für die Betroffenen”
„Flucht und Vertreibung bedeuten unermessliches Leid für die Betroffenen”, wird auf der Internetseite betont. „Dies wird uns in besonderer Weise durch die Flüchtlinge vor Augen geführt, die täglich in Europa Schutz und Frieden suchen.”
Die Gedenkstunde wurde aufgezeichnet und ist demnächst hier zu finden: Protokoll Inland der Bundesregierung - 20. Juni
Der Volksbund ist ...
… ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht und birgt, sie würdig bestattet und ihre Gräber in 45 Ländern pflegt. Mit seinen Jugend- und Bildungsangeboten erreicht er jährlich knapp 50.000 Menschen. Für seine Arbeit ist der Volksbund dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen.
