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Der 9. Mai hat viele Gesichter

76 Jahre Ende Zweiter Weltkrieg: Hermann Krause über den wichtigsten Feiertag in Russland

Eine gewaltige Militärparade auf der einen Seite als Botschaft an den Westen und auf der anderen Seite freudige Feiertagsstimmung im Familienverbund ­– der 9. Mai in Moskau hat viele Gesichter. Das traditionelle Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkrieges schildert Hermann Krause, Leiter des Volksbund-Büros in der Hauptstadt der russischen Förderation:

Es ist wieder eine gewaltige Militärparade. Historische und moderne Waffen,  Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg  und alte Flugabwehrsysteme neben atomar bestückbaren Langstreckenraketen. 190 Technik-Einheiten seien es insgesamt, heißt es sachlich bei TASS. Dazwischen Symbole der Sowjetunion: Hammer, Sichel und rote Sterne. Im Stechschritt marschieren zehntausend Soldaten aller Waffengattung über den Roten Platz.  Eine gewaltige Parade zieht zum 76. Jahrestag vorbei an der Ehrentribüne mit Präsident Wladimir Putin, geladenen Gästen und den mit Orden behängten Veteranen. Von Jahr zu Jahr werden es allerdings weniger.

Die Bilder sind überwältigend. Das Luxuskaufhaus GUM gegenüber dem Lenin-Mausoleum ist farbenprächtig  geschmückt. Auf der einen Seite des Roten Platzes das altehrwürdige historische Museum – auf der anderen  Seite die Basilius Kathedrale mit ihren goldenen Kuppeln. Ein Meer von roten Fahnen – die  UdSSR präsentiert sich als Sieger des Großen Vaterländischen Krieges, das heutige Russland als hochgerüstete Militärmacht. Ein Signal an den Westen.
 

Vladimir Putin in Zivil

In einem offenen Cabrio stehend nimmt pünktlich um 10 Uhr Verteidigungsminister Sergey Shoigu die Parade ab, aus tausenden Kehlen ertönt der Ruf der Soldaten  „Hurra“. Ein bis in jedes Detail inszenierter Ablauf. Danach salutiert Shoigu vor dem stets zivil gekleideten Präsidenten. In seiner Ansprache bedankt sich Wladimir Putin bei den Veteranen für ihren Sieg über Nazi-Deutschland und warnt vor den neuen Bedrohungen, die auf Russland zukommen. 

Eine Stunde dauert die Militärparade. Anschließend finden überall in der Stadt Konzerte statt. Vor dem Bolschoi-Theater spielt eine Militärkapelle, auf dem Manege-Platz und natürlich im Gorki-Park. Auch dort sind nur noch wenige Veteranen anzutreffen. Manche über 90 Jahre alt, stehen mit ihren  Kindern und Enkel zusammen, mit roten Nelken in den Händen. Es ist eine friedliche, eine freudige Feiertagsstimmung. Drei, vielleicht sogar vier Generationen finden an diesem Tag zusammen.

Die Corona-Pandemie spielt wie überall im Stadtgebiet keine sehr große Rolle mehr. Die Restaurants in Moskau sind geöffnet, ebenso Theater und Museen. Masken tragen trotz steigender Infektionszahlen nur wenige. Denn der 9. Mai ist der wichtigste Feiertag Russlands, da will niemand an Corona denken. Die Soldaten, die vorher auf dem Roten Platz marschierten, heißt es, wurden alle vorher geimpft. Und die Veteranen auf der Tribüne waren vorher 14 Tage in Quarantäne in einem Hotel, auf Staatskosten. Als Korrespondent habe ich oft die alten Kriegsteilnehmer interviewt. Nie ist ein böses Wort gefallen.
 

„Die müssen sich doch bestens verstehen“

„Russen und Deutsche müssen sich vertragen,  Frieden schließen, Freunde sein.“ Das hörte ich immer wieder  – genauso wie den Satz: „Nie wieder Krieg“. Unstimmigkeiten in der Politik spielen keine Rolle. „Merkel spricht doch russisch und Putin deutsch“, meint ein hochdekorierter ehemaliger Fregattenkapitän, „die müssen sich doch bestens verstehen.“ 

Berühmt ist die erste Militärparade  auf dem Roten Platz im Jahre 1945. Josef Stalin nahm sie auf dem Mausoleum stehend ab. Der im Volk sehr beliebte Marshall Schukow erhielt vom Diktator persönlich den Befehl, mit einem Schimmel über den Roten Platz zu reiten. Wegen seiner militärischen Erfolge sei Stalin auf Schukow eifersüchtig gewesen, heißt es. Er wollte, dass sich der Eroberer von Berlin blamiere.

Erst im letzten Moment gelang es Schukow, ein reitbares Pferd – es gab 1945 kaum noch Pferde in Moskau – aufzutreiben. Auf dem regennassen Pflaster des Roten Platzes legte der Kavallerieoffizier Schukow dann einen grandiosen Ritt auf einem weißen Hengst hin. Ein riesiges Reiterdenkmal vor dem Historischen Museum erinnert daran. Erst 1965 wurde die Parade unter Leonid Breschnew „wiederlebt“.
 

Boris Jelzin und der „Tag des Sieges“

Michail Gorbatschow maß dem 9. Mai keine große Bedeutung bei, erst unter Boris Jelzin gewann er wieder an Aktualität. War er früher auch ein Tag der stillen Erinnerung an das grausame Geschehen – an die fast 27 Millionen Tote, die der Überfall Nazi-Deutschlands gekostet hatte –, so erkannte Wladimir Putin darin die nationale Kraft. Heldentum, Heroismus, der ehrenhafte Kampf der Sowjetarmee wurden in den Vordergrund gerückt. Der Blick zurück soll das Volk vereinen.

Was nicht überall gelingt. In der Ukraine wird nur der 8. Mai gefeiert. Die Jahre danach werden als Besatzung durch die Sowjetmacht betrachtet. Ebenso sehen es Esten, Letten und Litauer. Russland spricht von der „Verfälschung der Geschichte“ und wirft den baltischen Staaten Verrat vor. Ein schwieriges Thema.

Bei den Veteranen, den Kindern und ihren Enkeln im Gorki-Park oder vor dem Bolschoi-Theater aber spielt diese Diskussion am 9. Mai keine Rolle. Sie lassen sich feiern und es ist und bleibt eine Pflicht, ihnen zu gratulieren – besonders als Deutscher.

Text: Hermann Krause
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