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Der Engel zur Heiligen Nacht

Auslandseinsatz auf dem Balkan: eine Weihnachtsgeschichte von Dirk Backen

Es war ein dunkler, nasskalter Novembermorgen im Jahre 1998, als ich als verantwortlicher Abtei­lungsleiter im Stab einer Bundeswehrbrigade in Hildesheim an meinem Schreibtisch saß und die Mor­genpost durcharbeitete. Plötzlich ging die Tür auf und der Kommandeur trat ein. Sofort setzte er sich zu mir und begann mit den Worten „Wir haben nicht mehr viel Zeit…!“

Schon in fünf Tagen sollte ich einen überraschenden Auslandseinsatz auf dem Balkan an der Grenze zum Kosovo antreten. Da blieb wirklich nicht mehr viel Zeit: rasch an den Stellvertreter die Dienstgeschäfte übergeben, die Sachen gepackt, meiner Frau und den drei kleinen Kindern Lebewohl gesagt, und schon saß ich im Flugzeug auf dem Weg an einen Winkel in dieser Welt, von dem ich noch nicht einmal wusste, wo genau er auf der Karte zu finden war.

Weihnachten nicht zuhause, dachte ich mir, eine wenig erfreuliche Aussicht. Dienst am Heiligabend kannte ich natürlich, aber so gar nicht zur Festzeit daheim zu sein, das war das erste Mal. Kaum ange­kommen, beanspruchte mich der Einsatz mit langen Tagen und Nächten. Es war ein internationales Hauptquartier, dessen Aufbau und Arbeit ich für einen britischen Kommandeur zu leiten hatte. Die Lage im Kosovo spitzte sich damals immer mehr zu und so hatten wir alle Hände voll zu tun mit Mel­dungen, Plänen und Berichten.

Vorfreude auf willkommene Abwechselung und gutes Essen

Der größte Teil unseres deutschen Kontingents war etwa eine Autostunde entfernt eingesetzt und durch Luftaufklärung und Evakuierungsvorbereitungen stark beansprucht. Der dort eingesetzte Kom­mandeur rief mich kurz vor dem Fest an und schlug vor, dass ich doch mit meinen drei deutschen Ka­meraden vor Ort zur Weihnachtsfeier an Heiligabend kommen sollte. Es gäbe gutes Essen und der Befehlshaber aus Deutschland wäre auch da. Unser britischer Komman­deur war einverstanden und wir freuten uns auf die willkommene Ab­wechslung.

So fuhren wir dann nach Anbruch der Dunkelheit mit einem alten VW­-Bus durch tiefverschneite Täler, wo sich die hohen Tannen unter der Last des Neuschnees bogen. Die Wege waren nicht geräumt und so hatten wir gar manches Mal Angst, dass wir in einer Schneeverwe­hung steckenbleiben würden, aber mein guter Feldwebel steuerte unser Gefährt sicher durch und über alle Hindernisse.

Kaum angekommen, gab es einen kurzen Lagevortrag beim Befehlsha­ber. Danach ging es in eine einfache Halle, in der Bierzeltgarnituren mit weißen Papiertischdecken etwas nett hergerichtet waren. Man hatte die Tische mit ein paar Tannenzweigen und Kerzen geschmückt. Ja, es kam langsam eine gemütliche Stimmung auf.

"Ein wenig laut, aber am Ende ganz sympathisch"


Nach dem leckeren Essen (es gab tatsächlich Braten mit Klößen und Rotkohl) stieg der Lärmpegel in der schummrigen Halle merklich an. Obgleich natürlich kein Alkohol ausge­schenkt wurde, war die Truppe ausgelassen. Immerhin hatten sich hier rund 400 zumeist junge Männer versammelt. Lediglich eine Handvoll Sanitäterinnen saß an einem einzelnen Tisch in der Mitte. Die Truppe bestand größtenteils aus Gebirgsjägern, sodass es teilweise sehr bayerisch­-fröhlich an den Tischen zuging. Man scherzte und erzählte sich im Kerzenschein Geschichten.

Auch am Tisch unse­res Befehlshabers war es recht gesellig. Teilweise hörte man auch schallendes Gelächter in der Halle. Soldatenweih­nacht 1998, dachte ich mir, ein wenig laut, aber am Ende ganz sympathisch. Ich sah auf unseren Tisch und entdeckte einen kleinen Strohengel zwischen den Tannenzweigen. Wer den wohl gebastelt haben mochte? Ich dachte an meine Familie in der Heimat und rollte den kleinen Engel zwischen meinen Fingern nachdenklich hin und her. Etwas melancholisch war mir auf einmal schon zumute.

Plötzlich verstummte der vielstimmige Kanon unserer Gebirgsjäger. Irgendwo­ her kam ein Scheinwerferlicht und da stand sie unvermutet mit ihrer Blockflöte. Schon die ersten Töne hatten die gesamte Truppe vollkommen still werden lassen. Sie, das war eine junge Sanitäterin im Range eines Feldwebels. Sie blickte zu Boden, als sie das Lied spielte, das wohl alle kannten: Stille Nacht. Ruhig und einfühlsam zog die Melodie durch die ganze Halle und tief in jedes Herz. Danach setzte sie sich wieder und der Scheinwerfer ging aus. Ihre Silhouette verschwand im schummrigen Dämmerlicht der Kerzen.

"Dieser Engel, wie könnte ich den je vergessen!"


Wir saßen alle noch etwa eine weitere Stunde an diesem Abend zusammen. Gelacht hat aber keiner mehr. Einige Kameraden hatten den Kopf auf die verschränkten Arme gelegt und man unterhielt sich nur noch in gedämpftem Ton. Die Gedanken waren woanders. Man dachte an daheim, die Jungen an die Eltern in der Stube am Weihnachtsbaum und die älteren Kameraden an die eigenen Familien. Als die Kerzen heruntergebrannt waren, verabschiedete ich mich und fuhr mit meinen drei Kameraden wieder durch die weiße Landschaft zurück zu meinem Einsatzort. Am nächsten Morgen wurde es dann britisch-­fröhlich und man kam schnell wieder auf andere Gedanken.

Es war viele Monate später – ich war zurück aus dem Ko­sovo, wo der Konflikt nach den Weihnachtstagen 1998 lei­der noch viel zu viele Opfer fordern sollte –, als ich mich in Koblenz beim Befehlshaber melden musste. Es war eine Nachbesprechung zu unserem Einsatz und er schenkte mir eine Münze als Anerkennung für eine turbulente Zeit mit vielen unauslöschlichen Erlebnissen.

Beim gemein­samen Mittagessen im Offizierkasino fragte er mich: „Was war denn für Sie persönlich besonders prägend an diesem Einsatz?“ „Dieser Engel an Heiligabend, Herr General, erinnern Sie sich vielleicht an die Sanitä­terin mit der Blockflöte?“ sagte ich, ohne zu zögern. „Ja, dieser Engel“, sagte er nachdenklich, „wie könnte ich den je vergessen?“

Verbindendes suchen statt Trennendes


Die Welt um mich herum ist in den Jahren seit damals in der Heiligen Nacht nicht sichtlich friedlicher geworden. Al­lerorten auf diesem Globus streiten sich immer noch Men­schen, oftmals mit Waffen und mit Gewalt. Man kann aber etwas dagegen tun, zum Beispiel zwischen Streithähnen vermit­teln und sich notfalls auch zwischen sie stellen – so, wie es un­sere Soldaten später im Kosovo immer wieder gemacht haben, um Schlimmeres zu verhindern.

Insofern bin ich zu­versichtlich. Besonders ermutigend finde ich dabei den Gedanken, dass sowohl das Christentum, als auch das Judentum und auch der Islam Engel kennen. Vielleicht wäre das ja mal ein Anfang, mehr über Gemeinsam­keiten als über Unterschiede nachzudenken.

Text: Dirk Backen

Diese Weihnachtsgeschichte finden Sie auch vorgelesen und zum Download in der Mediathek.

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