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Schwarz-Weiß-Foto mit zwei Wehrmachtsfahrzeugen vor langgestrecktem historischen Gebäude

Der Zusammenbruch der Heeresgruppe Südukraine im August 1944

#volksbundhistory über die Operation Jassy-Kischinew und den Bündniswechsel Rumäniens

Der erste Untergang der deutschen 6. Armee bei Stalingrad gilt mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg als das zentrale Desaster des Ostfeldzuges. Doch der zweite Untergang der 6. Armee im August 1944 – als Rumänien die Seiten wechselte – stand dem keineswegs nach. Was die politischen und strategischen Auswirkungen betrifft wie auch die enormen Verlustzahlen, so verdient er mehr Aufmerksamkeit, als ihm gemeinhin zuteil wird.

Unter dem Hashtag #volksbundhistory berichten wir in einem Blog von historischen Ereignissen und liefern Hintergrundinformationen. Unser Autor heute: Dr. Dirk Reitz. Der Historiker ist Geschäftsführer des Landesverbandes Sachsen.

Seit 1943 und spätestens mit der gescheiterten Kursk-Operation des Sommers befand sich das Deutsche Reich an allen Fronten in der Defensive. Es war nur noch zum Schlagen aus der Nachhand imstande. Die vollständige Niederlage begann sich abzuzeichnen. Entsprechend setzten sich Verbündete und Neutrale zunehmend von Deutschland ab. Italien machte den Anfang.
 

Rückschläge an allen Fronten

So ist die Gesamtlage des Jahres 1944 von Rückschlägen der Deutschen Wehrmacht an allen Fronten gekennzeichnet: Landung in Frankreich, Fall Roms und vor allem die Zerschlagung der Heeresgruppe Mitte an der Ostfront durch die Rote Armee mit Verlusten von mindestens 350.000 Mann ab dem 22. Juni 1944 (Operation Bagration).

Der Zusammenbruch der Heeresgruppe Südukraine reiht sich damit in eine Folge operativer Niederlagen der Wehrmacht im vorletzten Kriegsjahr ein. Seine Bedeutung geht indes über die schiere Zerschlagung großer deutscher Kräfte hinaus: Binnen weniger Tage zerfiel die Front, die 6. Armee erlosch als Großverband, Rumänien wechselte die Seiten.
 

Erdölgebiet und untere Donau

Zugleich gingen das Erdölgebiet von Ploiești und die deutsche Stellung an der unteren Donau verloren – und damit die Verbindung nach Griechenland und zur Balkanhalbinsel, die folglich geräumt werden mussten. Ebenso schwer wog die Bedrohung Ungarns und damit Mitteleuropas bis nach Budapest und Wien.

Rumänien bildete noch im August 1944 den südostwärtigen Pfeiler der deutschen Ostfront: als rückwärtiger Raum zwischen Karpaten, Donau und Schwarzem Meer, als Bündnispartner und als Erdöllieferant.

Am Unterlauf des Dnjestr

Die Heeresgruppe Südukraine unter Generaloberst Johannes Frießner umfasste im Wesentlichen die 8. Armee im nördlichen, karpatennahen Raum und die 6. Armee im mittleren und südöstlichen Abschnitt am Unterlauf des Dnjestr.

Ihr Einsatz war auf die Mitwirkung rumänischer Kräfte angewiesen, an deren Kampfkraft/Gefechtswert und Zuverlässigkeit begründete Zweifel bestanden. Nicht umsonst zielten sowjetische Angriffe meist auf die Schnittstellen zwischen deutschen und rumänischen Großverbänden ab. 

Durchbruch und Einschließung

Die sowjetische Führung konzentrierte die 2. und 3. Ukrainische Front (Front = russischer Terminus für Heeresgruppe) gegen die deutsch-rumänischen Stellungen zwischen Moldova und der Dnjestr-Mündung auf einer Frontlänge von bald 700 Kilometern. Die Angriffsschwerpunkte auf einer Breite von etwa 100 Kilometern lagen im Norden westlich von Jassy und im Süden südlich von Tiraspol.

Der sowjetische Operationsplan zielte auf raschen Durchbruch in die Tiefe des Raumes, Gewinnung der Pruth-Übergänge und Einschließung und Vernichtung der deutschen Kräfte. Dabei sollten 8. und 6. Armee getrennt und die 6. Armee vernichtet werden. Auf beiden Seiten standen sich jeweils etwa 900.000 Soldaten gegenüber.
 

Handlungsfreiheit eingeschränkt

Weder kam der Angriff für die Heeresgruppe Südukraine überraschend, noch erfolgte er an unerwarteter Stelle. Was überraschte, waren Wucht und Geschwindigkeit. Der Heeresgruppe fehlten ausreichende operative Reserven, ohne die sie den Angriff weder abriegeln noch zurückwerfen konnte.

Reserven waren unter anderem ab Juni an den Mittelabschnitt der Ostfront abgegeben worden, um die sowjetische Großoffensive (Operation Bagration) aufzufangen. Die Handlungsfreiheit des Heeresgruppenkommandos war durch Führerbefehl eingeschränkt, so dass die unmittelbare Zurücknahme der Kräfte auf die Donau-Karpaten-Linie außer Betracht stand.
 

Führungs-Dilemma

Am Morgen des 20. August begann die Offensive mit massiver Artillerievorbereitung. Sowjetische Verbände durchstießen vor allem rumänische Frontabschnitte. Folgenden Tags vertieften bewegliche Kräfte die Einbrüche, bedrohten rückwärtige Verbindungen und schnitten Rückzugsachsen ab.

Die deutsche Führung stand vor einem Dilemma: Gegenstöße erforderten Reserven, ein geordnetes Absetzen intakte Verkehrswege, Befehlsfreiheit und die Bereitschaft, große Räume preiszugeben. Nichts davon stand hinreichend zur Verfügung. 

Auflösung und Flucht

Am 22. und 23. August nahm die Umfassung der 6. Armee Gestalt an. Am 24. und 25. August schloss sich der Kessel um wesentliche Teile ihrer Verbände, die ostwärts des Pruth zerschlagen wurden. Stäbe, Kampfgruppen, Versorgungskolonnen und Versprengte drängten auf denselben, wenigen Wegen in Richtung Westen; schwere Waffen und Großgerät mussten zurückgelassen oder zerstört werden.

Wo Stäbe sich auflösten, Führungs- und Fernmeldemittel ausfielen und schlicht die materielle Substanz verloren ging, entfiel jede zielgerichtete Führung. Der militärische Rückzug ging in Flucht und Auflösung über.

 

Szenen des Zusammenbruchs

Oberleutnant Baron schildert Auflösung und Flucht ausführlich am Beispiel des Pruth-Übergangs am 23. August 1944:
„Um etwa 20,00 Uhr marschierten wir unter Führung des Major Söller zum Pruth, an dessen Ostufer sich inzwischen tausende von Versprengten versammelt hatten. Es herrschte ein wüstes Durcheinander. Alles lief und schrie durcheinander. Dazwischen krachten die Artillerie-Einschläge. Flugzeuge, Sprechchöre bildeten sich, die riefen: „Aufhören mit schiessen, wir wollen uns ergeben.“ Vom Flusse her hörte man fast ununterbrochen die Hilferufe von Ertrinkenden.”

Sein Bericht schildert sehr eindringlich die Szenen des Zusammenbruchs einer Armee, in der es keinerlei Disziplin und Ordnung mehr gab.
 

Rumäniens Frontwechsel

Am 23. August ließ König Michael I. den rumänischen „Militärdiktator” und vermeintlichen Garanten für das Bündnis mit Deutschland, Marschall Ion Antonescu, festnehmen. Ein Vorgang, der in der deutschen Literatur bisweilen als „Staatsstreich“ bezeichnet wird. Allerdings bestanden schon lange begründete Zweifel an der Bündnistreue Rumäniens, zumal sich die deutsch-rumänischen Interessen seit dem Jahr 1943 in gegensätzliche Richtungen entwickelt hatten.

Die neue Regierung akzeptierte die alliierten Waffenstillstandsbedingungen. Ab dem 24. August betrachtete sich Rumänien als im Kriege mit Deutschland. Die Reihenfolge ist für die Ursachendeutung entscheidend: Nicht der Staatsstreich verursachte den sowjetischen Durchbruch. Er traf auf eine bereits entstandene operative Krise, verschärfte jedoch deren Folgen.
 

6. Armee vernichtet

Aus einem verbündeten rückwärtigen Raum wurde ein unsicheres, schließlich feindliches Gebiet. Verkehrswege und Versorgungseinrichtungen standen der deutschen Kriegführung nicht mehr zur Verfügung. Die personellen Verluste erreichten rund 200.000 Mann, wobei Gefallene, Gefangene, Vermisste, Versprengte und später wieder zugeführte Soldaten kaum eindeutig unterscheidbar sind.

Aussagekräftiger ist die Betrachtung des personellen, organisatorischen und materiellen Substanzverlustes. Die bisherige 6. Armee, deren Kern vier Armeekorps bildeten, hörte als geschlossener Großverband auf zu bestehen. Die ebenfalls schwer getroffene 8. Armee konnte dagegen Teile ihrer Führungsstruktur und intakte Truppenkörper in Richtung Karpaten retten.
 

Rumänien Ende August verloren

Bis Ende August war Rumänien verloren. Nur das natürliche Hindernis des Karpatenbogens bot den deutschen Kräften neuen Rückhalt, um der Roten Armee ein Nachstoßen in die pannonische Tiefeneben, das heißt: nach Ungarn, zu verwehren.

Der Verlust Ploieștis entzog Deutschland dauerhaft den Zugriff auf die rumänische Erdölförderung, dessen Raffinerien alliierte Luftangriffe bereits schwer getroffen hatten. Zugleich bedrohte der sowjetische Vormarsch über Rumänien die deutsche Stellung in Griechenland und auf dem Balkan.

Sechs Jahre in Gefangenschaft

Am 1. September 1944 geriet der Soldat Wolfgang Freiherr Stromer von Reichenbach (1922-1999) schwer verwundet zwischen Sereth und Pruth in sowjetische Gefangenschaft. Sechs Jahre sollte es dauern, bis er heimkehrte. Der später Professor für Wirtschafts- und Technikgeschichte gewährte dem Verfasser dieses Artikels tiefe Einblicke in sein Erleben von Krieg, Gefangenschaft, Hunger und Demütigung, wie sie sich aus Kriegstagebüchern nicht erschließen.

Sein Schicksal steht stellvertretend für jene Männer, die hinter den abstrakten Verlustmeldungen einer untergehenden Heeresgruppe unsichtbar bleiben.

Auch die 17 Friedhöfe in Rumänien halten die Erinnerung an die Folgen dieses und des Ersten Weltkrieges wach. Davon berichtet eine Gruppe Jugendlicher und junger Erwachsener aus mehreren Volksbund-Landesverbänden, die im Sommer 2026 einige Anlagen kennenlernte (mehr lesen).

Text: Dr. Dirk Reitz
Kontakt
 

Zeittafel: Juni bis September 1944

2.-6. Juni: Kämpfe im Raum Jassy während der sowjetischen Frühjahrsoffensive; die Front stabilisiert sich vorübergehend

22. Juni: Beginn der Operation Bagration gegen die Heeresgruppe Mitte

13. Juli: Beginn der Lemberg-Sandomierz-Operation; weitere Bindung deutscher Reserven

25. Juli: Generaloberst Johannes Frießner übernimmt die Heeregruppe Südukraine 

1.-14. August: sowjetische Angriffsvorbereitungen und deutsche Aufklärungshinweise; keine ausreichende operative Reserve

15.-19. August: erkennbare Angriffsvorbereitungen der 2. und 3. ukrainischen Front

20. August: Beginn der sowjetischen Großoffensive; Durchbrüche in den Schwerpunktabschnitten bei rumänischen Großverbänden

21. August: Vertiefung der Einbrüche; operative Umfassungsgefahr wächst

22. August: rückwärtige Verbindungen der 6. Armee zunehmend bedroht

23. August: operative Krise; Bündniswechsel König Michaels I., Festnahme Antonescus

24. August: Einschließung wesentlicher Teile der 6. Armee; Rumänien im Krieg mit Deutschland

25. August: Zerfall der bisherigen Führungs- und Verbandsstruktur der eingeschlossenen Kräfte

26.-28. August: Ausbruchsversuche; teils planmäßige Verzögerung, teils Flucht der deutschen Truppen nach Westen und Nordwesten

29. August: sowjetischer Vormarsch erreicht den Raum Ploiești

30.-31. August: sowjetische Kräfte nehmen Bukarest ein

1.-5. September: Neuordnung der deutschen Führung im Karpaten- und siebenbürgischen Raum

12. September: Unterzeichnung des Waffenstillstands Rumäniens mit Sowjetunion, Großbritannien und USA in Moskau

23. September: Heeresgruppe Südukraine wird in Heeresgruppe Süd umbenannt
 

Lesetipps

1. ERICKSON, John: The Road to Berlin. Stalins War with Germany. Bd. 2. New Haven 1983.

2. FRIEßNER, Johannes: Verratene Schlachten. Die Tragödie der deutschen Wehrmacht in Rumänien und Ungarn. Hamburg 1956.

3. GLANTZ, David M.: Red Storm over the Balkans. The Failed Soviet Invasion of Romania, Spring 1944. Lawrence 2007.

4. GOSZTONY, Peter: Deutschlands Waffengefährten an der Ostfront 1941–1945. Stuttgart 1981.

5. KISSEL, Hans: Die Katastrophe in Rumänien 1944. Darmstadt 1964.

6. MAZULENKO, W. A.: Die Zerschlagung der HGrpSüdUA . August-September 1944. Berlin 1959.

7. McMICHAEL, Scott R.: „The Battle of Jassy-Kishinev“, in: Military Review 65 (1985), Nr. 7, S. 52-65.

8. SCHÖNHERR, Klaus: „Die Rückzugskämpfe in Rumänien und Siebenbürgen im Sommer/Herbst 1944“, in: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Bd. 8: Die Ostfront 1943/44. München 2007, S. 731-848, daraus die beiden Karten des ZMSBW
 

Quellen und digitale Bestände

#volksbundhistory

Ob der Beginn einer Schlacht, ein Bombenangriff, ein Schiffsuntergang, ein Friedensschluss – mit dem Format #volksbundhistory möchte der Volksbund die Erinnerung an historische Ereignisse anschaulich vermitteln und für den Blog dabei fachliche Expertise nutzen. Der Bezug zu Kriegsgräberstätten und zur Volksbund-Arbeit spielt dabei eine wichtige Rolle.

Die Beiträge werden sowohl von Historikern aus den eigenen Reihen als auch von Gastautoren stammen. Neben Jahres- und Gedenktagen sollen auch historische Persönlichkeiten und Kriegsbiographien vorgestellt werden. Darüber hinaus können Briefe, Dokumente oder Gegenstände aus dem Archiv ebenfalls Thema sein – jeweils eingebettet in den historischen Kontext.

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