Zum Inhalt springen

Dezember 1914: Vier Flammen am dritten Advent

Erinnerungen an Weihnachten in schwerer Zeit und an „Hindenburglichter“

Die dritte unserer Adventsgeschichten führt mehr als 100 Jahre zurück in die Vergangenheit. Willi Möthe gibt die Erinnerungen seines Großvaters wieder:
 

Im August 1914 war der Vater einberufen worden. Seine Frau und die drei Kinder, ein Bub und zwei Mädels, hatten ihn zum Bahnhof begleitet. Die Stimmung war zuversichtlich. „Nach Paris” stand auf dem Waggon, den Vater bestieg.
 

Gewehre, mit Blumen geschmückt

Die Gewehre der Soldaten waren mit Blumen geschmückt. Mutter hatte Tränen in den Augen und winkte ein Lebewohl. Der Erste Weltkrieg hatte begonnen. Aber aus dem Motto „Siegreich wollen wir Frankreich schlagen” wurde nichts.

In der Champagne und an der Marne endete die deutsche Offensive. Um den Harmannsweilerkopf tobten schwere Kämpfe. Vater schrieb regelmäßig Feldpostkarten und berichtete, dass es ihm gutgehe. Ende November, kurz vor Advent, kam wieder eine Nachricht.
 

Hände über der Flamme gewärmt

Vater teilte mit, dass er mit seinen Kameraden in einem Unterstand Schutz gegen feindlichen Beschuss und die Kälte gefunden habe. Einige „Hindenburglichter” (Anm. der Redaktion: flache Schalen aus Pappe mit Docht und Fett für die Schützengräben und bei Stromsperren) gäben etwas Wärme und Licht. Ferner berichtete er, dass er manchmal seine Hände über ein „Hindenburglicht” halten müsse, um weiterschreiben zu können.

Es wurde Advent und die Kinder wünschten sich einen Adventskranz. Mutter besorgte Tannengrün, Kerzen und einige Tannenzapfen. Hieraus entstand ein Adventsgesteck.

Am ersten Advent brannte die erste Kerze. Nur der Bub wurde nachdenklich und meinte: „Wer denkt denn jetzt an unseren Vater in seinem Unterstand? Er hat sicher Lichter von dem Herrn Hindenburg an. Wir sollten auch eines in unserem Adventskranz aufstellen.”
 

Vier plus eins

Mutter hatte zunächst Zweifel, dann aber besorgte sie „Hindenburglichter” und das erste Licht brannte in der ersten Adventswoche. So brannten schließlich am vierten Advent vier Kerzen und ein „Hindenburglicht”.

Weihnachten blieb karg und trist. Mutter hatte eine Kriegstorte gebacken und einige Zweige für den Weihnachtsbaum-Ersatz besorgt. Die Kinder nahmen es gelassen und freuten sich über den Adventskranz mit den fünf Lichterquellen.
 

Nachricht mit Stempel und Siegel

Der Januar wurde unangenehm kalt. Der Krieg tobte weiter. Vater hatte lange nicht mehr geschrieben. Mutter vertröstete ihre Kinder: „Es ist halt ein langer Weg vom Unterstand des Vaters bis zu uns.” Endlich brachte die offizielle Post eine Nachricht mit Stempel und Siegel.

Der Hauptmann teilte teilnahmsvoll mit, dass Vater in allen Ehren den Soldatentod gestorben sei und nun auf dem Divisionsfriedhof inmitten seiner gefallenen Kameraden seine letzte Ruhe gefunden habe. Die Nachbarn und Freunde versuchten, Trost zu spenden.
 

„Bitte zünd’ es an”

Es herrschte eine unheimliche Stille unter den Trauernden. Als erster fasste sich der Bub und stellte ein „Hindenburglicht” neben Vaters Foto auf dem Wohnschrank. „Bitte zünd’ es an, Mutter, denk daran, dass unser Vater sich nunmehr in Gottes Hand befindet und nicht mehr die feindlichen Granaten fürchten muss.”

Text: Willi Möthe

Die Geschichte hat der Volksbund in Band 11 seiner Reihe veröffentlicht: „Unter den Sternen”, 6. Auflage 2017
 

Neues Buch mit Erinnerungen

Gerade ist ein neues Buch in der Volksbund-Reihe erschienen: „Erinnerungen – wie der Zweite Weltkrieg zu Ende ging”. Elf Zeitzeugen kommen darin zu Wort, der Älteste Jahrgang 1927, die Jüngste geboren 1941. Wir freuen uns, wenn Sie es über unsere Mediathek bestellen.

Außerdem bieten wir Ihnen weitere Geschichten zum Lesen und Hören zu Weihnachten an und freuen uns über eine Spende.

Lesen Sie außerdem:
zum 1. Advent: Weihnachten 1945: Ein Pfefferkuchen wärmt das Herz
zum 2. Advent: „Gedanken bei Kerzenlicht und Musik eines Grammophons“

Schmücken Sie mit uns den Baum!

Der Volksbund ist ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht, birgt und würdig bestattet. Er pflegt ihre Gräber in 45 Ländern und betreut Angehörige. Mit seinen Jugend- und Bildungsangeboten erreicht er jährlich rund 38.000 junge Menschen. Für seine Arbeit ist er dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen.

Schmücken Sie mit uns den Baum: Sie entscheiden, wieviel Ihre Kugel wert ist. Ob 5 oder 50 Euro: Sie zeigt, dass Sie sich mit uns für eine friedliche Zukunft einsetzen. Dafür danken wir sehr. 

Zum Weihnachtsschmuck

zur Startseite